Ex-EKD-Ratsvorsitzender: Meine Kirche hat Opfern zu oft misstraut

Nikolaus Schneider

Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Nikolaus Schneider

Nikolaus Schneider, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), beklagt eine Vertrauenskrise der Gesellschaft.

In einer Neujahrsumfrage hätten die Deutschen erklärt, dass sie besonders der Polizei und Ärzten vertrauten, "den Kirchen leider weniger, dem Zentralrat der Muslime noch weniger - und den Medien auch nicht besonders", sagte Schneider der Wochenzeitung "Die Zeit". Er bedauere auch, dass die Kirchen den Menschen oft misstrauten, sagte der evangelische Theologe im Gespräch mit dem katholischen Mönch und Autor Anselm Grün

Mit Blick auf Missbrauchsskandale der Kirche sagte Schneider: "Viel zu oft hat meine Kirche den Opfern misstraut und verharmlost, was Betroffene ihr anvertrauten." Interessengeleitetes Misstrauen habe der Wahrheit im Weg gestanden. "Meine Erfahrung mit Missbrauchsopfern in der evangelischen Kirche ist: Sie brauchen ein Gegenüber, das ihnen ihre Leidensgeschichte glaubt." Für ihn selbst seien seine Frau, seine erwachsenen Kinder und seine Freunde die wichtigsten Vertrauenspersonen.

Gott habe es ihm mitunter schwergemacht, ihm zu vertrauen, sagte Schneider. "Ich kenne Zweifel", sagte der Pfarrer. "Ich weiß um die Rätselhaftigkeit Gottes. Als unsere Tochter an Krebs starb, haben meine Frau und ich Gottes Weg mit uns nicht verstanden." Trotzdem sei ihnen klar gewesen, sich mit ihren Zweifeln weiterhin an Gott zu wenden - "in der Gewissheit, dass wir in ihm ein Gegenüber haben, das uns nicht verlässt".

Grün betonte, Vertrauen dürfe nicht missverstanden werden "als Garantie, dass alles gelingt". Vertrauen wachse in dem Maße, wie man einem anderen Menschen näherkomme. Er kenne jedoch auch junge Menschen, die Nähe nicht aushielten, obwohl sie sich danach sehnten. "Ihnen fehlt das Selbstvertrauen, um anderen zu vertrauen." Deshalb hätten sie Bindungsangst, erklärte der Benediktinermönch. "Der andere könnte ja erkennen, dass sie nicht perfekt sind."

Grün ermutigte verletzte Menschen dazu, nicht allzu misstrauisch zu sein - auch wenn es vor weiteren Tätern schütze. "Man darf das Vertrauen auch wieder wachsen lassen", sagte er. "Ich habe oft erlebt, dass innerlich schwer verwundete Menschen doch noch jemanden finden, dem sie ganz vertrauen - und der ihre Wunden geheilt hat."