TV-Tipp: "Friesland: Der blaue Jan" (ZDF)

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TV-Tipp: "Friesland: Der blaue Jan" (ZDF)
13.1., ZDF, 20.15 Uhr
Kürzlich waren sie noch zu Gast bei "Wilsberg" und auf Norderney, nun dürfen der ruppige Kommissar Brockhorst und die Hobbykriminalistin Scherzinger wieder in ihrem angestammten Terrain in Leer auf Mördersuche gehen.

Allerdings sind Brockhorst und Scherzinger nur die heimlichen Stars von "Friesland"; Hauptfiguren der ZDF-Reihe waren bislang Jens Jensen und Süher Özlügül, gespielt von Florian Lukas und Sophie Dal. 2017 ist Lukas ausgestiegen: Das ZDF wollte fortan zwei Episoden pro Jahr produzieren lassen, dazu fehlte ihm die Zeit. Immerhin ist seine Rolle nicht sang- und klanglos von einem Kollegen übernommen worden, wie das schon andernorts passiert ist: Der von Maxim Mehmet verkörperte Nachfolger Henk Cassens stammt ebenfalls aus Leer, war aber zuletzt als Polizist in Hannover tätig. Während es zwischen Jensen und seiner Kollegin immer auch etwas geknistert hat, ist das Verhältnis von Henk und Süher eher sachlich. Ansonsten hat sich aus ihrer Sicht nicht viel geändert: Sie ist das Hirn, er die Uniform. Wichtiger als der Wechsel vor der Kamera ist aber womöglich eine andere Personalie: Nachdem das Duo Arne Nolting und Jan Martin Scharf die Reihe nach zwei sehenswerten Folgen an Timo Berndt (drei bis fünf) übergeben hatte, sank das Niveau. Das Drehbuch zu "Der blaue Jan" stammt vom Ehepaar Jürgen Kehrer und Sandra Lüpkes. Kehrers Romane dienten einst als Vorlage für "Wilsberg", er hat rund ein Dutzend Drehbücher für die Reihe geschrieben, einige gemeinsam mit Lüpkes. Warum er bislang nur für "Wilsberg" tätig war, wird seine Gründe haben, aber das ändert sich hoffentlich jetzt; "Der blaue Jan" macht Lust auf mehr.

Der Titel bezieht sich auf einen angeblichen friesischen Brauch, dessen Wurzeln in die Zeit der Walfängerei zurückreichen. Damals haben sich die zurückgekehrten Fischer verkleidet, um ihren Frauen Respekt einzuflößen. Noch heute sorgen einmal im Jahr vier Männer in fantasievollen Kostümen mit Federn und Vogelschnabel dafür, dass die Einwohnerinnen gehörig erschreckt werden. Die Gleichbestellungsbeauftragte der Stadt wollte dieses an sexuelle Belästigung grenzende Treiben abschaffen. Nun ist sie in ihrem Büro mit offenbar einer jener Harpunen erstochen worden, wie sie die "blauen Jans" tragen. Das Quartett, zu dem auch Henk gehört, hat jedoch ein Alibi: Das Rathaus lag auf keiner der vorgegebenen Routen. Tatsächlich stellt sich raus, dass es noch ein fünftes Kostüm gibt. Es gehört der Frau (Franziska Weisz), die fürs Stadtmarketing zuständig ist und sich vehement gegen die Abschaffung des für den Tourismus wichtigen Brauchs gewehrt hat. Der Mord könnte aber auch ganz andere Gründe haben: Die Stadt will eine große Ackerfläche als Neubaugebiet erschließen; die Besitzer der Ländereien werden quasi über Nacht vermögend. Deshalb ist demnächst auch Weert Dieken (Janek Rieke), der Witwer des Opfers, ein reicher Mann, denn seiner Frau gehörten größere Parzellen. Als allerdings auch Weert ermordet wird, stellt sich raus, dass die Diekens gar nicht verkaufen wollten. Der Reiz der Geschichte liegt nicht zuletzt in den diversen falschen Fährten, die Kehrer und Lüpkes legen. Dazu zählt auch die Besetzung, schließlich sind die von bekannten Episodendarstellern verkörperten Figuren in solchen Fällen grundsätzlich verdächtig. In diesem Fall gilt das nicht nur für die im NDR-"Tatort" an der Seite von Wotan Wilke Möhring agierende Franziska Weisz, sondern vor allem für Peter Jordan. Er spielt den Stadtkämmerer, der sein Insiderwissen für illegale Geschäfte nutzt.

Regie führte Regisseur Marc Rensing, der 2010 mit seinem rasanten Kinofilm "Parkour" (ein "Debüt im Dritten" des SWR) auf sich aufmerksam gemacht hat und 2013 mit dem Drama "Die Frau, die sich traut" einen ähnlich sehenswerten Film nachlegte. Seine Fernseharbeiten, größtenteils "Wilsberg"-Episoden, waren dagegen nicht immer rundum gelungen. Auch "Der blaue Jan" fällt handwerklich trotz gelegentlicher kleiner Schockeffekte nicht weiter aus dem Rahmen; ein Schicksal, das viele Regisseure ereilt, wenn sie sich den Anforderungen des Mainstream-Fernsehens unterordnen müssen. Aber der Film ist unterhaltsam und kurzweilig, zumal Sophie Dal und Maxim Mehmet darstellerisch ähnlich gut harmonieren wie zuvor Dal und Lukas. Trotzdem haben Felix Vörtler als "Brocki" und Theresa Underberg als "forensische Apothekerin" Insa wieder mal die besten Szenen; gerade Brockhorst verkörpert den nicht unsympathischen, aber doch recht cholerischen Kripokommissar erneut mit großer Hingabe. Die vielen personellen Überschneidungen zwischen "Wilsberg" und "Friesland" lassen sich übrigens ganz einfach erklären: Verantwortlich für beide Reihe ist ZDF-Redakteur Martin R. Neumann, die Produktionsfirma (Warner Bros.) ist ebenfalls die gleiche.