Wie die Glocke christlich wurde

Glockensachverständiger Gerd Hennecke über die Kulturgeschichte des Geläuts
Die Mingun Glocke in Burma

Foto: Heritage-Images / The Print Collector / akg-images

Die Mingun Glocke in Burma im Jahre 1908. Sie wiegt 90 Tonnen und wird an ihrem äußeren Rand geschlagen da sie keinen Klöppel hat. Sie war die Größte in Asien bis im Jahr 2000, als in China eine 116 Tonnen schwere Glocke gegossen wurde.

Glockenklänge bewegen Menschen und rufen Erinnerungen hervor. Warum das so ist, beantwortet Kirchenmusikdirektor Gerd Hennecke aus der bayerischen evangelischen Landeskirche.

Seit wann gibt es Glocken?

Gerd Hennecke: Das Ursprungsland der Glocke ist China, wo sie vor 4000 Jahren erfunden wurde. Es war damals nicht nur Musikinstrument, sondern vor allem auch eine Maßeinheit für Reis oder Getreide. Der Durchmesser der Glocke ergab einen bestimmten Ton, so konnte man die Glocke eichen.

Wie hat die Glocke den Weg in die christliche Religion gefunden?

Hennecke: In der griechischen Mythologie wird der Wachhund des Cerberus immer mit einer Glocke dargestellt. Es ist auch bekannt, dass der Wagen, der die Leiche Alexander des Großen nach Ägypten überführte, mit Glocken geschmückt war. Seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. gab es sie in christlichen Klöstern. Der Weg führte sie wohl über die koptischen Mönchsgemeinschaften Ägyptens nach Mitteleuropa. Diese hatten Beziehungen zum Kloster Notre-Dame de Lérins südlich von Cannes. Von dort brachten sie das Christentum nach Irland, Schottland und England. Diese iroschottischen Missionare hatten Glocken als Erkennungszeichen des neuen Glaubens dabei. Auf ihrer Wanderschaft im dunklen Deutschland des 7. Jahrhunderts machten sie sich akustisch mit Glocken bemerkbar.

Audioslide: Besuch in der Glockengießerei Rincker

Ist eine dieser Wanderglocken erhalten?

Hennecke: Eine dieser geschmiedeten Wanderglocken wurde erst vor 30 Jahren entdeckt, im Ramsach-Kirchlein am Rande des Murnauer Mooses. Da fristete sie ihr Dasein als geschmiedete Sakristeiglocke. Eine der ältesten Glocken Europas befindet sich also in Bayern.

Was ist der perfekte Klang der Glocke?

Hennecke: Das ist die spätgotische Moll-Oktavrippe, die es in Europa seit dem 15. Jahrhundert gibt. Da hatte man bereits einen sehr hohen Status der Gießkunst erreicht. Gerhard van Wou goss 1497 die Gloriosa in Erfurt nach dieser Form, sie zählt zu den klangschönsten Glocken der Welt und wird auch "Königin der Glocken" genannt. Nach dieser Blüte ging es in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs bergab. Glockengießer, wie die Familie Glockengießer in Nürnberg, starben aus. Wissen ging verloren, das klangliche Empfinden änderte sich. Erst im 20. Jahrhundert erinnerte man sich zurück, so dass heute wieder Glocken nach der gotischen Moll-Oktavrippe gegossen werden.

Was bringt eine Glocke im Menschen zum Klingen?

Hennecke: Wie man den Glauben eigentlich nicht konkret fassen kann, so ist auch der Klang der Glocke nur schwer fassbar. Sie können viele Musiker fragen, welchen Ton eine Glocke hat. Aber die meisten werden es nicht sagen können, weil der Ton einer Glocke aus einer Vielzahl von Einzeltönen besteht. Das ist etwas sehr mystisches. Der Klang der Glocke verbindet Himmel und Erde.

Warum verschwanden Glocken in Kriegszeiten und in Diktaturen?

Hennecke: Immer wenn Glocken zerstört oder zum Schweigen gebracht wurden, gab es auch keine Menschenwürde mehr. Ob das in China, bei der Französischen Revolution oder bei den Kriegen in Europa war. Die Geschichte der Glocken hat unsere Kultur, die Kunst, Literatur, Musik und unseren Glauben geprägt.

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