Luthers sinfonisches Denkmal

Felix Mendelssohn Bartholdys "Symphonie zur Feier der Kirchen-Revolution"
Porträt des deutschen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy.

Foto: epd-bild / KEYSTONE

Porträt des deutschen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy.

Felix Mendelssohn Bartholdys "Symphonie zur Feier der Kirchen-Revolution" führt bis heute ein kurioses Schattendasein. Kenner des Werks und seiner religiösen Botschaft plädieren für eine angemessene Wahrnehmung. Das Reformationsjubiläum könnte durch mehr Aufführungen eine Ära verstärkter Wertschätzung einleiten.

Am Anfang steht ein protestantisches Jubiläum. Felix Mendelssohn Bartholdy komponiert 1830 aus eigenem Antrieb ein Werk, das Luther und der Reformation ein musikalisches Denkmal setzen soll. Anlass ist die Dreihundertjahrfeier der Confessio Augustana. Am 25. Juni 1530 war das "Augsburger Bekenntnis" als eine fundamentale Bekräftigung des Glaubens der lutherischen Reichsstände auf dem Reichstag in der Fuggerstadt verabschiedet worden. Doch die geplante Uraufführung der Reformations-Sinfonie (Sinfonie Nr. 5 in D-Dur/d-Moll op. 107) platzt. Die offiziellen Feierlichkeiten fallen den Unruhen im Sog der französischen Julirevolution zum Opfer. Unter Leitung des Komponisten erlebt schlussendlich Berlin am 15. November 1832 die Uraufführung der "Symphonie zur Feier der Kirchen-Revolution". Die Aufnahme beim Publikum fällt verhalten aus. Es ist der Beginn eines höchst eigentümlichen Schattendaseins des vier Sätze umfassenden Werks, das weitgehend bis heute anhält. Dabei hätte die Komposition mit einer Spieldauer von rund einer halben Stunde alle Voraussetzungen, durch das Reformationsjubiläum eine größere Wahrnehmung, vielleicht auch Wertschätzung zu erfahren.

Reformations-Sinfonie (Sinfonie Nr. 5 in D-Dur/d-Moll op. 107) )
Von den fünf Sinfonien des Komponisten, mit dem viele vor allem sein Violinkonzert e-Moll und seine Musik zu Shakespeares Sommernachtstraum verbinden, gehören zumindest zwei zum Repertoire des heutigen Konzertbetriebs, die Italienische und die Schottische. Dann und wann findet sich auch seine Lobgesang benannte Komposition in den Programmen von Philharmonien und Konzertsälen. Sie erinnert mit ihren drei Instrumentalsätzen und einer Kantate über Bibelpassagen als viertem Satz in der Struktur an Beethovens Neunte. Völlig anders dagegen verhält es sich mit der ominösen Fünften, die in den Ecksätzen mit dem zitierten Dresdner Amen und dem eingewobenen Choral Ein' feste Burg ist unser Gott unmittelbar auf den Anlass ihrer Entstehung Bezug nimmt. Dass Karl-Heinz Steffens, Generalmusikdirektor der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, sie Ende Juni im Eröffnungskonzert des Musikfests Speyer in der dortigen Gedächtniskirche der Protestation prominent zur Aufführung brachte, kann schon als Ausnahme- wie als Glücksfall betrachtet werden. Als "Kuriosum" sieht denn auch der Chef des in Ludwigshafen beheimateten Orchesters die Tatsache, dass die Sinfonie "kaum ein Begriff ist, obwohl sie ja eigentlich für ein Friedensfest komponiert worden ist". Zudem habe das Werk eine klare inhaltliche Ausrichtung, lasse es sich als Schöpfung eines "glühenden Protestanten" verstehen.

Anfeindungen durch das NS-Regime

Diese Formulierung verweist auf die Biographie Mendelssohns, der 1809 in Hamburg in eine bürgerliche jüdische Familie geboren wird, die äußerst angesehen ist. Abraham und Lea Mendelssohn lassen indes ihre Kinder christlich erziehen und 1816 in der Folge ihrer Übersiedlung nach Berlin protestantisch taufen. Dem jungen Felix wird als zusätzliches Zeichen der religiösen Neuorientierung zum Familiennamen der christlich geprägte Name Bartholdy hinzugesellt. 1822 konvertieren die Eltern zum Christentum. Für den Komponisten, Dirigenten und Organisten erweist sich das familiäre "Berliner Bekenntnis" als wegweisend für seine Arbeit, sein Engagement, seine Ideen. Besonders manifest wird dies in der Entschlossenheit, mit der sich Mendelssohn Bartholdy für die Schöpfungen Händels und Johann Sebastian Bachs in die Bresche schlägt. 1829 organisiert der gerade 20-jährige eine Aufführung der praktisch vergessenen Matthäus-Passion Bachs in Berlin. Die Folge: eine Renaissance des großen Leipzigers bis in unsere Gegenwart, eine "Neuentdeckung der ureigenen lutherischen Musik" (Steffens).

Die Hinwendung zum Protestantismus wird, wie sich später zeigen wird, Mendelssohn nicht vor antisemitischen Anfeindungen durch das NS-Regime schützen. Daraus resultieren in der öffentlichen Wahrnehmung Irritationen, die den Komponisten und insbesondere seine Reformations-Sinfonie bis heute tangieren. Irritationen, die nicht zuletzt ihre Grundlage in unzureichenden Kenntnissen der Biographie Mendelssohns haben dürften. Heinz Walter Florin, Dirigent, Pianist und Komponist, führt denn auch die relativ geringe Zahl an Aufführungen der Fünften auf die verbreitete Unkenntnis von Werk, Wirkungsgeschichte und Vereinnahmung des Komponisten zurück. Nicol Matt, studierter Kirchenmusiker, ist einer derjenigen, die der Reformations-Sinfonie eine angemessene öffentliche Präsenz wünschen. Den Dirigenten und Leiter der professionellen Formation Chamber Choir of Europe befremdet es, "dass das Werk meist unterschätzt wird". Auch für ein säkular gestimmtes Konzertpublikum biete es keineswegs inhaltliche oder programmatische Vorbehalte. "Mendelssohn", betont Matt, "versteht sein kirchenmusikalisches Werk nie als Verkündigung im Gottesdienst, sondern als eigenständige Kunstwerke für den Konzertsaal und die Kirche." Das Dresdner Amen im ersten Satz etwa sei später auch von Wagner im Tannhäuser und im Parsifal sowie von Mahler im Schlusssatz seiner 1. Sinfonie aufgegriffen, ferner von Bruckner in dessen 9. Sinfonie verarbeitet worden.

Gegen die Annahme, die Reformations-Sinfonie könne als religiös verengte Programm-Musik missverstanden und abgelehnt werden, argumentiert auch Hermann Dechant, der österreichische Dirigent, Flötist, Musikwissenschaftler und Musikverleger: "Religion ist auch ein kulturelles Phänomen. Und gerade der Protestantismus ist aus Deutschland nicht wegzudenken." Insofern, sagt Dechant, von 1960 bis 1973 bei Joseph Keilberth und Eugen Jochum Soloflötist der Bamberger Sinfoniker, halte er – noch dazu im Lutherjahr – die Aufführung der Mendelssohn-Komposition im Konzert "für gut und richtig". Keineswegs handele es sich um ein schwaches Werk, wie das hin und wieder Auguren wegen der religiösen Bezüge glaubten, feststellen zu müssen. "Die Sinfonie befindet sich mit ihren vier anderen Artgenossinnen durchaus auf Augenhöhe", unterstreicht der Experte.

1847 verstirbt der Wegbereiter der deutschen Romantik Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig, in der Stadt, in der er seit 1835 die Leitung des Gewandhausorchesters innehat. Insbesondere dort kennt man praktisch keine Skrupel mit dem Werk. In den Konzertprogrammen des weltberühmten Orchesters sind zahlreiche Aufführungen unter namhaften Dirigenten verzeichnet. Darunter Marek Janowski, Sir Roger Norrington, Philipe Herreweghe, Riccardo Chailly. Kurt Masur nimmt das Werk im September 1989 auf Tonträger auf, wenige Wochen vor dem Zerfall der DDR. Die Vorwegnahme quasi einer "politischen Reformation". Auch bei einem Gastspiel des Gewandhausorchesters 2007 im Vatikan anlässlich des 80. Geburtstags von Papst Benedikt erklingt Luthers sinfonisches Denkmal. Ein später Ritterschlag, wenn man so will, dem weitere folgen könnten.

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