"Hohes Alter, aber nicht für alle"

"Hohes Alter, aber nicht für alle"
Studie: Steigende Lebenserwartung stößt an Grenzen - Große soziale und regionale Unterschiede
Die seit Jahrzehnten weltweit steigende Lebenserwartung könnte einer Studie zufolge besonders in den Industriestaaten an ihre Grenzen stoßen. Hauptursachen seien die soziale Spaltung der Gesellschaften in Privilegierte und Unterprivilegierte und die ausufernden Kosten für die Gesundheitssysteme, sagte Studienautorin Sabine Sütterlin vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung am Montag in der Bundeshauptstadt. Dazu komme ein biologisches Limit. Die Studie "Hohes Alter, aber nicht für alle" untersucht die Auswirkungen der sozialen Spaltung auf die Lebenserwartungen.

So steige die Kurve bei den über 100-Jährigen trotz weiterer Fortschritte in der biomedizinischen Forschung sei den 80er Jahren nicht mehr an, sagte Sütterlin. In vielen Industriestaaten stießen zudem die Gesundheitssysteme an ihre finanziellen Grenzen. Altersmedizin sei teuer, sagte Sütterlin. So hätten die USA mit 17,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes die weltweit höchsten Gesundheitskosten, gleichzeitig aber mit 78,8 Jahren eine geringere Lebenserwartung als Kuba.

Zudem hätten Sozialstatus und Bildungsniveau starken Einfluss auf die Lebenserwartung der Menschen. In vielen Industrieländern sei die Gesellschaft gespalten in Gruppen, die ein sehr hohes Alter erreichen und dabei lange fit und gesund bleiben, und weniger Privilegierte, die tendenziell eher riskante Verhaltensweisen pflegen, sagte Sütterlin. Lebensverkürzende Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, Drogen, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht seien in dieser Gruppe stärker verbreitet.

Die Folgen seien unter anderem Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Gelenkerkrankungen. Besonders deutlich zeige sich das wiederum in den USA, wo die Differenz zwischen dem Bezirk (County) mit der höchsten und jenem mit der niedrigsten Lebenserwartung rund 20 Jahre beträgt.

Aber auch in Deutschland gebe es große regionale und soziale Unterschiede, sagte Sütterlin. So könnten neugeborene Jungen im wohlsituierten bayerischen Landkreis Starnberg mit rund acht Jahren mehr Lebenszeit rechnen als ihre Geschlechtsgenossen in der ehemaligen Schuhmachermetropole Pirmasens in Rheinland-Pfalz.

Besonders bei den Ernährungsgewohnheiten passten sich die aufstrebenden Mittelschichten in den Entwicklungsländern dem ungesunden Lebensstil des Westens an. "Zu süß, zu fett, zu salzig - das gilt dann leider auch dort", sagte der Direktor des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz.

Laut Klingholz ist die Lebenserwartung weltweit seit 1900 von durchschnittlich 30 auf heute 71 Jahre gestiegen, in Deutschland von 43 auf 81 Jahre. Das bedeute ein Zugewinn an Lebenszeit von drei Jahren pro Jahrzehnt.

Wie stark die Medizin dabei eine Rolle spielt, zeigt sich laut Klingholz bei den Lebenserwartungen in West- und Ostdeutschland. Als es noch zwei deutsche Staaten gab, verlangsamte sich ab Mitte der 70er Jahre der Anstieg in der DDR, parallel zu ähnlichen Entwicklungen in den Ländern des damaligen Ostblocks. Hätte sich der Trend aus der Zeit vor dem Fall der Mauer 1989 fortgesetzt, würden Frauen in Ostdeutschland heute durchschnittlich vier Jahre und Männer sechs Jahre früher sterben als dies heute der Fall ist. Dank der nachgeholten "kardiovaskularen Revolution", sprich: der modernen Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hätten die Frauen im Osten bereits im Jahr 2000 zu denen im Westen aufgeschlossen. Auch die Ost-Männer näherten sich allmählich dem Wert der West-Männer an.

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