"Meine Religion war die Hoffnung auf ein marxistisches Paradies"

Der Liedermacher Wolf Biermann stellte in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main seine Autobiografie "Warte nicht auf bessre Zeiten!" vor.

Foto: epd-bild/Heike Lyding

Der Liedermacher Wolf Biermann stellte in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main seine Autobiografie "Warte nicht auf bessre Zeiten!" vor.

"Meine Religion war die Hoffnung auf ein marxistisches Paradies"
Drei Fragen an den Liedermacher Wolf Biermann
Als junger Kommunist hat sich Wolf Biermann 1953 kurz nach seiner Übersiedlung von Hamburg in die DDR für eine Mitschülerin eingesetzt. Sie war Mitglied der evangelischen Jungen Gemeinde und sollte zum Austritt gezwungen werden. So schildert es der heute 80-jährige Liedermacher und Dichter in seiner Autobiografie.

Herr Biermann, wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Religion beschreiben?

Wolf Biermann: Ich bin ja in der kommunistischen Kirche aufgewachsen. Meine Religion war die Hoffnung auf ein marxistisches Paradies, in dem es keine Ungerechtigkeit gibt, keine Ausbeutung, keine Gewalt. Das was die Christen schlauerweise erst im Himmel versprechen, haben die Kommunisten auf Erden versprochen.

Wie ist es Ihnen damit ergangen?

Biermann: Ich kann kein Kommunist mehr sein. Dieser Versuch, die Endlösung der sozialen Frage zu erzwingen, führt nicht ins Paradies, sondern in die Hölle. Das irdische Jammertal will ich ertragen, aber in die Hölle des Gulag will ich nicht und will auch niemanden dorthin schicken.

Ihr Vater war Jude. Sie haben aus Ihrer Autobiografie im Jüdischen Gemeindezentrum in Frankfurt am Main gelesen. Was bedeuten Ihnen Ihre jüdischen Wurzeln?

Biermann: Alle in meiner Familie, die aus mir einen Juden hätten machen können, religiös oder kulturell, sind umgekommen. Über 20 Leute sind ermordet worden. Verjudet in einem besten Sinn hat mich viel später ein Mann, der in Frankfurt gelebt hat. Der Historiker Arno Lustiger wurde mir nach der Ausbürgerung aus der DDR 1976 im Westen ein väterlicher Freund.