Ein zweifaches historisches Wunder

Die Vaterunser-Glocke hängt wieder an ihrem ursprünglichen Platz im Turm der Johanneskirche.

Foto: Anett Kirchner

Die Vaterunser-Glocke hängt wieder an ihrem ursprünglichen Platz im Turm der Johanneskirche in Schlachtensee bei Berlin..

Ein zweifaches historisches Wunder
Alt, teuer in der Unterhaltung, unbrauchbar: Was manche lieber loswerden wollen, kann für andere unschätzbaren Wert erhalten. Etwa in der Evangelischen Kirchengemeinde Schlachtensee im Berliner Südwesten, die seit vielen Jahren einen "Schatz" mit Seltenheitswert hütet: eine mehr als 750 Jahre alte, bronzene Glocke - die älteste noch betriebene Kirchenglocke in Berlin.

"Sie ist ein Wunder in zweierlei Hinsicht", sagt Till Hagen vom Gemeindekirchenrat über die alte Glocke. Weil sie zum einen die zwei Weltkriege unbeschadet überstanden habe und zum anderen trotz ihres hohen Alters bis heute wunderschön klinge. Damit alle wieder etwas von dem "Schatz" haben, ist die Glocke nach 30 Jahren jetzt wieder an ihrem angestammten Platz im Turm der Johanneskirche in Schlachtensee aufgehängt worden.   

Und noch etwas ist hier besonders: Weil die Kirche 1957 komplett renoviert wurde und ein neues Geläut bekam, wurde die alte Glocke zu einer Vaterunser-Glocke gewidmet. Das heißt, sie schwingt nicht wie sonst üblich und sie hat auch keinen Klöppel. Vielmehr wird sie von außen mit einem Hammer angeschlagen; immer dann, wenn die Gemeinde das Vaterunser betet. Für jede der sieben Bitten gibt es einen Schlag, jeweils im Ton des zweigestrichenen C.

Dieser besonderen Bestimmung wurde die Vaterunser-Glocke wieder zugeführt. Ein Knopfdruck genügt: Dank der neuen Technik werden die sieben Glockenschläge über Funk mit einer Fernbedienung ausgelöst.

Wie kam die Glocke nach Schlachtensee?

Doch noch einmal zurück zu den beiden Wundern. In den Weltkriegen wurden fast alle Glocken eingeschmolzen. Wie ist es gelungen, diese zu retten? Till Hagen erzählt, es sei überliefert, dass man die Glocke in einer Kiste im Hamburger Hafen versteckt habe. Deshalb fehle heute auch der obere Haltering. "Der musste wohl abgeschlagen werden, weil sie sonst nicht in die Kiste gepasst hätte", erklärt er. Wie und warum die Glocke nach Hamburg kam, sei unbekannt.

Johanneskirche der Evangelischen Kirchengemeinde Schlachtensee.

Und das zweite Wunder. Normalerweise klingt ein so altes Instrument nicht mehr, es werde taub, habe ihm ein Experte erklärt. "Denn das Material ermüdet oder verschleißt", sagt Hagen. Hier nicht. Im Gegenteil. Die Glocke habe einen klaren, hellen Klang. Und so ist die Gemeinde Schlachtensee sehr stolz, dass ihre Vaterunser-Glocke wieder im Einsatz ist. Im Jahr des Reformationsjubiläums kann sie mit einer echten Rarität punkten. Nicht jeder hat die älteste Glocke von Berlin. Dabei stellt sich aber schnell die Frage, wie es kommt, dass so ein seltenes Stück Geschichte ausgerechnet zu dieser Kirche gehört, die erst etwas mehr als 100 Jahre alt ist?   

Verbürgt ist, dass die Glocke ein Geschenk der Kirchengemeinde Zehlendorf ist (heute Paulusgemeinde). Denn Schlachtensee gehörte früher zu der Muttergemeinde Zehlendorf. Wann die Glocke geschenkt wurde, ist nicht sicher. Es gibt zwei Theorien: entweder zur Einweihung der Johanneskirche 1920 oder erst 1949, als Schlachtensee eine selbstständige Gemeinde wurde.

"All die Jahre hatten wir keine Ahnung, was für ein Wert da oben in unserem Turm hängt", erinnert sich Till Hagen. Der 67-Jährige ist ein Alt-Schlachtenseer, der seit seinem 14. Lebensjahr hier im Kiez wohnt. Erst als die Glocke 1987 abgenommen wurde, verstaubt und voll mit Taubendreck, um sie in einer Ausstellung zur 750-Jahr-Feier von Berlin zu zeigen, habe man angefangen zu recherchieren.

"Sie soll klingen, denn das ist ihre Bestimmung"

Was auffällt: Die im unteren Durchmesser 83 Zentimeter große und etwa 300 Kilogramm schwere Glocke hat eine außergewöhnlich schlanke Zuckerhutform und ist mit Reliefs verziert: Wappenfiguren, Menschen- und Tiergestalten. Außerdem ist ein neun Zentimeter hoher, romanischer Bogenfries mit Säulen zu erkennen. Weder eine Jahreszahl noch eine Inschrift sind eingraviert. Form und Verzierungen lassen jedoch erahnen, dass die Glocke aus dem 13. Jahrhundert stammen könnte. Sie wurde vermutlich im Kloster Lehnin gegossen, unweit von Potsdam. Denn Zehlendorf gehörte bis zur Reformation 1517 zu dem Zisterzienserkloster Lehnin, weiß Eckard Siedke vom Förderverein "Alte Dorfkirche".

GKR-Mitglied Till Hagen (li) und Pfarrer Michael Juschka

Bevor die Vaterunser-Glocke letztlich nach Schlachtensee kam, hing sie in einem freistehenden Glockenstuhl aus Holz neben der Alten Dorfkirche in Zehlendorf. Dieser achteckige Kirchenbau stammt aus dem Jahr 1768. Auch vor dieser Zeit muss an derselben Stelle bereits eine Kirche gestanden haben. Das geht aus Unterlagen im kirchlichen Landesarchiv hervor. "Bestimmt war es eine Feldsteinkirche, wie damals in dieser Region üblich", sagt Siedke und vermutet, dass die Glocke in dieser Kirche auch schon im Einsatz war.

Wie lange sie insgesamt in Zehlendorf, wo zuvor und für wen sie einst bestimmt war, ist bislang ein Rätsel. "Wir haben leider keine Unterlagen, die die Herkunft der Glocke eindeutig dokumentieren", bedauert Pfarrer Michael Juschka. Doch als seine Gemeinde begriffen habe, wie einmalig diese Glocke sei, habe der Gemeindekirchenrat beschlossen, sie nicht zurück in den Turm zu hängen, sondern in einem Vorraum der Kirche aufzustellen. Das sollte eigentlich vorübergehend sein. Doch dann stand sie hier – auf einem Holzgerüst – 30 Jahre lang.

"Uns fehlten schlichtweg die finanziellen Mittel, die Glocke in geeigneter Form wieder aufzuhängen", sagt der Pfarrer. Es habe unterschiedliche Konzepte gegeben, etwa, die Glocke in der Kirche oder draußen in einem gläsernen Anbau aufzuhängen. Sie sollte für alle sichtbar und hörbar sein. Doch die Ideen waren zu teuer. Außerdem gingen andere wichtige Baumaßnahmen vor, wie der Umbau des Gemeindezentrums 2002. Letztlich entschied sich der Gemeindekirchenrat dafür, die Glocke doch wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück in den Turm zu hängen. Finanziert wurde das mit Spenden.

"Sie soll eben kein museales Ausstellungsstück sein, sie soll klingen, denn das ist ihre Bestimmung", sagt Juschka. Und so hören jetzt die Menschen, die rund um die Johanneskirche an der Matterhornstraße wohnen, wenn die Gemeinde das Vaterunser betet: Sieben helle, klare Töne für sieben Bitten: …denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.