Suizid eines Flüchtlings: Polizei bestreitet Hetze von Schaulustigen

Bürgermeister Sven Schrade

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Bürgermeister Sven Schrade steht vor dem Rathaus in Schmölln.

Suizid eines Flüchtlings: Polizei bestreitet Hetze von Schaulustigen
Ein junger Flüchtling stürzt sich in den Tod, Anwohner sollen ihn dabei angefeuert haben: Ein Unglück in Schmölln sorgt für Entsetzen und Empörung. Noch bleiben viele Fragen offen. Die Polizei widerspricht Vorwürfen gegen Schaulustige.

Nach dem Tod eines jugendlichen Flüchtlings im thüringischen Schmölln sorgen Berichte über eine mögliche Anstachelung zum Suizid durch Anwohner für Wirbel. Die Polizei widersprach Medienberichten, wonach Schaulustige den Somalier mit Rufen wie "Spring doch" ermuntert haben sollen. Beamte vor Ort hätten solche Rufe nicht gehört, sagte der Schichtleiter im Landeseinsatzzentrum in Erfurt, Stefan Erbse, am Sonntag dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Bürgermeister Sven Schrade (SPD) hatte dem MDR am Samstag gesagt, ihm lägen Informationen vor, dass Schaulustige dem Vorfall lange beigewohnt und dabei "Spring doch" gerufen hätten. Der Geschäftsführer des Meuselwitzer Bildungszentrums (MBZ), das die Einrichtung betreibt, bestätigte dies. Mitarbeiter hätten die Rufe zweifelsfrei gehört, sagte David Hirsch am Samstag der Online-Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung".

Der junge Somalier, dessen Alter von den amtlichen Stellen unterschiedlich mit 16 und 17 Jahren angegeben wurde, hatte sich am Freitagnachmittag aus dem fünften Stock eines Gebäudes gestürzt, in dem eine Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht ist. Die Polizei war bereits wegen Randale herbeigerufen worden. Als die Beamten eintrafen, saß der Jugendliche nach Angaben der Polizei auf dem Fensterbrett. Weder Polizei noch Feuerwehr und Rettungskräfte konnten den Sturz verhindern. Der Somalier erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

Polizei-Schichtleiter Erbse bestätigte, dass Schaulustige das Unglück beobachtet hätten. Seine Kollegen seien mehrere Stunden vor Ort gewesen. Er habe mit allen Verantwortlichen gesprochen. Niemand der Kollegen habe aber Rufe wie "Spring doch" gehört.

Bürgermeister Schrade sagte dem MDR, eine Frau sei von der Polizei vernommen worden. Erbse sagte, sie habe von Äußerungen von Anwohnern berichtet, die sie als Aufmunterung zum Suizid interpretiert habe. Den konkreten Ruf habe sie jedoch nicht bestätigt. Nach seiner Einschätzung seien Darstellungen falsch, wonach sich ein "fremdenfeindlichen Schmöllner Mob" versammelt habe.

Polizei von den Vorwürfen überrascht

Berichte über die mögliche Anstachelung sorgten für Empörung. "Es ist erschütternd, dass sich ein jugendlicher Flüchtling auf diese Art und Weise in den Tod stürzt", sagte die Vorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt. "Und es ist menschenverachtend, dazu aufzurufen", ergänzte sie.

Erbse sagte, die Polizei sei von den Vorwürfen überrascht worden. Nach seinen Angaben sollen nun weitere Zeugen angehört werden. Der junge Flüchtling war nach Angaben des Landratsamts wegen psychischer Probleme in Behandlung. Erst am Freitag wurde er aus der Klinik entlassen.

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