Digitale Helfer für Flüchtlinge

Zivilgesellschaft 4.0 – Geflüchtete und digitale Selbstorganisation: Refugee-Hackathon

Foto: Lionel-Kreglinger/Berlin 2015

Zivilgesellschaft 4.0 – Geflüchtete und digitale Selbstorganisation: Refugee-Hackathon.

Welche Apps und Websites helfen Geflüchteten beim Ankommen und der Integration in Deutschland? In Berlin haben sich Geflüchtete, Programmierer, Designer und Freiwillige getroffen, um Projekte vorzustellen, sich zu vernetzen und digitale Helfer zu programmieren.

Während der Flucht sind Smartphones lebensnotwendig. Ein Großteil der Kommunikation zwischen den Flüchtlingen läuft über Facebook und WhatsApp. In Deutschland angekommen, bleiben Apps und Websites wichtige Hilfen beim Ankommen und der Integration. Zahllose Initiativen und Freiwillige programmieren digitale Helfer, aber auch Geflüchtete helfen sich selbst. Auf dem Kongress "Civil Society 4.0 - Geflüchtete und digitale Selbstorganisation" in Berlin haben sie Ideen ausgetauscht.

Über das Portal MeetUp vernetzen sich schon heute Geflüchtete erfolgreich. Man trifft sich zu deutsch-arabischen Sprachtandems ebenso wie zu "Refugee Repertoire – Theaterprojekte mit Geflüchteten". Letzteres organisiert Thorsten "TeeKay" Kreissig, der so Geflüchteten die Zeit bis zur Anerkennung oder Ablehnung ihres Asylantrages sinnvoll gestalten möchte. Zum Kongress nach Berlin ist er gekommen, um seine neueste Idee vorzustellen: "Refugee Academy", eine Online-Plattform, auf der sich Lerngruppen und Lehrer vernetzen. "Individuelle und soziale Nöte werden in den Unterkünften und Behörden gedeckt. Echte Integration findet aber doch über Kultur und Lernen statt." Anstatt untätig in den Unterkünften rumzusitzen, möchte TeeKay Deutsche und Migranten beim Lernen zusammenführen. In seiner virtuellen "Refugee Academy" sollen Geflüchtete jemanden suchen, der Deutsch unterrichtet, oder jemanden finden, dem sie Arabisch beibringen. Lernen und lehren: auf Deutsch, Englisch, Arabisch, Farsi.

Hier entsteht "Refugee Academy"

TeeKay hat Blätter mitgebracht, auf denen er gemalt hat, wie er sich das Design der Website vorstellt. Er hat eine Gruppe junger Menschen um sich geschart, einige tragen Kapuzenpulli, andere Kopftuch. Jetzt klebt er seine gemalten Screenshots mit unbändigem Enthusiasmus an eine Schrankwand. "Wir sollen kostenlos unterrichten?", fragt ein junger Ägypter auf Englisch. Das hänge ja vom Anerkennungsstatus ab, ob man überhaupt für Geld arbeiten dürfe. Und was der Unterschied sei zu den vielen Angeboten von Sprachcafés und Tandem-Partner? "Es geht nicht nur um die Sprache. Der eine spielt Geige. Ein anderer möchte Physik lernen. Alle Uni-Fächer sollen geboten werden", sagt TeeKay.

"Aber da ist noch das Problem mit dem Internet", wirft ein anderer ein. In der Tat gibt es in den wenigsten Unterkünften WLAN. "Sinnvoll wäre eine bundesweite Karte, auf der Unterkünfte mit WLAN eingezeichnet sind. Und öffentliche, kostenlose Hotspots." Probleme gibt es genug zu lösen. Und auch viele Freiwillige, die helfen wollen. Doch manchmal gilt eben tatsächlich: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht.

"Aufwändige Apps funktionieren nicht, weil sie zu viel Datenvolumen beim Download schlucken", weiß Peggy Sylopp. Sie hat etliche bestehenden Apps in einer Studie für die Bundeszentrale für politische Bildung analysiert. Zu wenige wüssten von Bibliotheken oder anderen öffentlichen Orten mit freiem Internetzugang. Und die wenigen mit mobilem Internet nutzten das ihr Datenvolumen nicht, um Apps herunterzuladen. "Die allermeisten Apps für Flüchtlinge sind gefloppt". Hilfeseiten für Geflüchtete dürften nicht "von oben herab" geschrieben werden, sagt Sylopp.

Peggy Sylopp weiß: Am besten wissen die Geflüchteten selbst, welche Informationen sie benötigen. Und was eine App oder Website können muss. Wo besteht überhaupt Bedarf? "Am besten funktionieren Apps, die von den Geflüchteten selbst oder freiwilligen Helfern gemeinsam mit einem Programmierer entwickelt wurden."  So wie die Karte "Arriving in Berlin", die von Bewohnern des "Haus Leo", einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlingsfamilien der Berliner Stadtmission, erdacht und entwickelt wurde. Auf der Karte sind - auf Englisch, Arabisch und Farsi - Adressen zu den drängendsten Fragen eingezeichnet: Wo sind Beratungsstellen in Berlin? Wo gibt es kostenlose Deutsch-Kurse? Wo finde ich einen Arzt, der Farsi spricht? In welcher Bibliothek kann ich lesen, lernen oder ins Internet gehen?

Die Software dahinter ist open source, kann also von jedermann weiterentwickelt und erweitert werden. Gemeinsam mit Geflüchteten ist auch die App HiMate!, eine Gutscheinplattform, entstanden. Dort sollen Gutscheine vom lokalen Friseur, dem Fitnessstudio oder Buchhändler angeboten werden, um die Geflüchteten in ihre neue Stadt zu integrieren und den Leuten vor Ort in Kontakt und ins Gespräch zu bringen. "Bei Spenden wird immer das soziale Gefälle deutlich", sagt Thomas Noppen, erster und bisher einziger HiMate!-Angestellter. "Bei uns wird der Geflüchtete selbst aktiv." Ein erster Testlauf der App sei gerade erfolgreich beendet. 40 Freiwillige tragen die Idee, 25 Berliner Geschäfte böten bereits 100 Gutscheine an. "Wir treffen uns wöchentlich mit Flüchtlingen, um zu erfahren, was sie wirklich wollen und brauchen." Auch Obdachlose sollen in den Kreis aufgenommen werden. Um einen Missbrauch zu verhindern, will HiMate! die Nutzer vorher verifizieren. Wie genau die Verifizierung technisch funktionieren soll, kann Noppen noch nicht sagen. Wenn die App erfolgreich wird, sollen auch Geflüchtete angestellt und für die Arbeit bezahlt werden.

Den Überblick zu behalten ist schwer

Um Wohnraum für Geflüchtete kümmert sich "Place4Refugees". Gestartet im August vergangenen Jahres als FB-Gruppe, in der Privatleute Schlafplätze an die Wartenden vor dem LaGeSo vermittelt. "Wir hatten Leute vor dem LaGeSo, die geschaut haben, wie viele Leute noch keinen Schlafplatz haben. Dann haben wir einen Rundruf gestartet, welches Hostel noch freie Betten hatte", erzählt Daniela Grebe. Wer in die geschlossene Facebook-Gruppe aufgenommen werden will, dessen Facebook-Seite wird von den Administratoren zumindest oberflächlich gecheckt. "Das machen wir aus Sicherheitsgründen, weil immerhin viele private Infos ausgetauscht und gepostet werden", fügt Grebe hinzu. Mittlerweile hat die Gruppe beinahe 4000 Mitglieder, 60 Helfer seien regelmäßig aktiv. "Sehr viele engagieren sich nach ihrer eigentlichen Arbeit, trotz Familie und Kinder." 400 private Gastgeber sind dabei, die Geflüchtete in ihren Wohnungen und Wohngemeinschaften übernachten ließen. Das war kurzfristige Hilfe, die jetzt koordinierter ablaufen soll. Auf der Website sollen auch langfristige Wohnungen vermittelt werden, deutschlandweit.

Schnell wird klar: Es gibt zahlreiche digitale Angebote für Geflüchtete. Den Überblick zu behalten ist schwer, deshalb setzen etliche Initiativen nicht auf das Anbieten von konkreter Hilfe, sondern konzentrieren sich auf das Auflisten und Zusammenstellen von Hilfsangeboten. Einen sehr gut gemachten Überblick für Dresden bietet "Afeefa". "Clarat" war eigentlich als Behörden-Wegweiser für Berliner Migranten-Familien gedacht, die schon länger in Deutschland wohnen. Mittlerweile wurde der Inhalte an die Bedürfnisse für Neuankömmlinge angepasst: Wo bekommen Familien Hilfe? Wo gibt es Infos zur Familienzusammenführung, wo Hilfe bei Problemen innerhalb der Familie? Wie funktionieren Ausbildung und Studium in Deutschland?

Direkte Beratung gibt es auch im Chat oder per Telefon. "Wir schätzen, dass bei uns die Angebote von 60 Prozent der großen Organisationen in Flüchtlingsbereich zu finden sind", erzählt Jule vom Clarat-Team. Das Angebot ist auf Berlin ausgerichtet, eine weitere Version für NRW ist in Planung. Die Seite gibt es bislang nur auf Deutsch und Englisch. Arabisch und Farsi: noch Fehlanzeige. "Außerdem fehlen uns noch genaue Erkenntnisse, was überhaupt wichtig für die Integration ist", so Jule weiter. Auch ungeklärt ist die Frage: Wird eher die mobile Ansicht oder die Desktop-Variante genutzt?

"Denkt an die Frauen!"

Auf spielerische Weise sollen bei "Konfetti" Neuankömmlinge in die Nachbarschaft integriert werden. Virtuelle "Konfetti"-Punkte bekommt man durch das Erledigen kleiner Aufgaben der Nachbarschaftshilfe wie "Laub kehren am Spielplatz" oder "Bühnenaufbau am Sommerfest". Konfetti ausgeben kann man dann wiederum für Projekte, bei denen man selbst Hilfe braucht.

Um sich im LaGeSo registrieren zu können, müssen Geflüchtete eine Art Wartenummer ziehen. Wann diese Nummer aufgerufen wird, sei schwer abzuschätzen. Abhilfe soll LaGeSoNum schaffen. Auf dieser Internetseite sollen Freiwillige die jeweiligen Nummern, die am LaGeSo aufgerufen werden, eintragen. Dadurch müssen die Geflüchteten nicht mehr vor dem LaGeSo anstehen.

Fatuma Musa bei ihrer Eröffnungsrede.
Auf ein grundsätzliches Problem macht Duscha Rosen vom FrauenComputerZentrumBerlin aufmerksam: "Viele der Frauen, die hier ankommen, haben gar kein eigenes Smartphone." Von vielen Hilfsangeboten wüssten Frauen also nichts. Reine Online-Hilfen könnten die Frauen gar nicht nutzen beziehungsweise sind sie auch hier von einem männlichen Familienmitglied abhängig. "Denkt an die speziellen Bedürfnisse der Frauen", erinnert Rosen. Auch Sprachkurse für Frauen funktionierten nur, wenn auch gleichzeitig für Kinderbetreuung gesorgt ist."

Während ein paar Meter weiter über das Design von Apps nachgedacht wird, leistet das FrauenComputerZentrumBerlin Basisarbeit – und zeigt den Frauen, wie sie sich einen Mail-Account einrichten und bei Facebook registrieren.