7 Wochen Ohne, Woche 5: "Hier ist noch Platz"

Foto: Henning Ross

7 Wochen Ohne, Woche 5: "Hier ist noch Platz"
Die Fastenzeit läuft - und damit auch die evangelische Fastenaktion "7 Wochen Ohne". Das Motto lautet dieses Jahr: "Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge". Damit das Herz weit werden kann, schlägt Pastor Frank Muchlinsky für jede Woche eine Übung vor, die zum jeweiligen Bibeltext passt.

(3. Mose 19,33–34)

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.

 

Liebe Mitfastende,

willkommen in der fünften Woche ohne Enge! Haben Sie tatsächlich Weite erfahren können? Konnten Sie Schritte auf dem Weg der Versöhnung machen, unter der Dusche singen, Menschen zum Essen einladen und Ihre Gesichtszüge lockern? Ich hoffe und wünsche Ihnen das sehr, denn in dieser Woche wird es brenzlig aktuell. Hier ist er nun, der Text zur Flüchtlingskrise. Als diese Verse für 7 Wochen Ohne ausgesucht wurden, war "Wir schaffen das" noch kein geflügeltes Wort. Es hatte noch keine Übergriffe von Flüchtlingen in der Silvesternacht gegeben. Die Stimmung in unserem Land war angespannt, aber es hätte wohl kaum jemand gewagt, laut zu fordern, unsere Grenzen notfalls zu schießen, wenn zu viele Menschen bei uns Zuflucht suchen sollten.

Die Situation, in der diese Verse in der Bibel stehen, ist noch einmal eine ganz andere. Das Volk Israel erhält seine Regeln, seine Gesetze von Gott in einer Situation, in der sie sich eigentlich um ganz andere Dinge kümmern müssten. Es mag eine nachträgliche Komposition sein, aber die Israeliten bekommen ihre Gebote von Gott mitten auf der Flucht. Nun gut, man ist den Verfolgern glücklich entkommen, aber man ist Meilen und Jahrzehnte davon entfernt, jemals ein eigenes Land zu besitzen oder gar einen Staat zu haben, in dem man diese Gesetze durchsetzen könnte. Trotzdem bekommt das Volk in genau dieser Situation seine Weisungen von Gott, wie man einen Staat zu organisieren hätte, wenn man einmal im Gelobten Land ankommt.

Was zunächst sinnlos erscheint, bekommt aber Sinn, wenn man sich die Verse genau anschaut. Der Fremdling soll dereinst wie ein Einheimischer behandelt werden und "du sollst ihn lieben" – und nun heißt es wörtlich übersetzt: "Denn er ist wie du, denn ihr seid Fremde gewesen in Ägypten." Einerseits ist es noch lange hin bis zu einem eigenen Staat, in dem man dieses Gesetz anwenden könnte. Andererseits ist man noch nahe genug dran an der Erfahrung der eigenen Unterdrückung und der eigenen Flucht. Sämtliche Gebote Gottes werden dem Volk Israel in der Bibel in dieser Situation gegeben, als man sich noch daran erinnern kann, was es bedeutet, in Gefangenschaft zu leben. Die Leute, die das erlebt haben, leben noch, als ihnen gesagt wird: "Vergesst das niemals!" Das ist einer der wichtigsten Gedanken, den das Judentum über Jahrtausende bewahrt hat: Vergesst nie, dass ihr Flüchtlinge wart und dass Gott euch befreit hat! Darum ist auch der Flüchtling "wie du".

Darum möchte ich Ihnen für diese Woche vorschlagen, jemanden aus Ihrem Volk zu finden, der oder die noch erzählen kann, wie es war, auf der Flucht zu sein und endlich anzukommen. Jemand, der sich noch erinnern kann und davon erzählen kann, wie die Einheimischen die Flüchtlinge aufnahmen. Wenn Sie niemanden in Ihrer Familie haben, der davon noch erzählen kann, dann empfehle ich Ihnen einen Besuch in Ihrer Kirchengemeinde. Sehr häufig gibt es dort Seniorentreffs, und häufig gibt es dort Menschen, die im Krieg fliehen mussten. Sollten Sie dort nicht fündig werden, besuchen Sie ein Alten- und Pflegeheim. Noch gibt es genügend Menschen in unserem Land, die sich sehr gut erinnern können. Hören Sie ihnen einmal zu. Ein Gespräch kann reichen.

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Oder haben Sie selbst noch Flucht erlebt? Dann suchen Sie jemanden, dem Sie davon erzählen können, damit auch wir niemals vergessen, was Flucht bedeutet. Vielleicht sind Sie auch in einer Fastengruppe oder einem anderen Gesprächskreis. Dann nehmen Sie dies als Anlass, zu erzählen und von Flucht zu hören. Natürlich weiß ich um die Unterschiede zwischen der Situation 1945 und der heute. Aber unser Bibeltext für diese Woche macht ja gerade keine Unterschiede. Er sagt: Der Fremdling in deinem Land ist "wie du"! Du warst ein Fremder, vergiss es nie! In dieser Woche können wir uns daran erinnern, indem wir diejenigen befragen, die schon lange zu uns gehören, und die doch einmal Fremdlinge waren. Davon mögen sie erzählen: von der Aufnahme, von der Ablehnung und davon, wie man schließlich heimisch wurde. Daraus erwächst nicht zwangsläufig eine Handlungsanweisung zum Umgang mit den Flüchtlingen, denen wir derzeit Zuflucht geben. Aber es kann das Verständnis dafür wachsen, warum wir den Fremdling nicht bedrücken sollen, sondern ihn lieben. Er ist wie wir.

Gott bewahre Ihnen ein großes Herz! Eine gute Woche wünscht

Ihr Frank Muchlinsky