Ben Becker als Judas Ischariot im Berliner Dom

Ben Becker als Judas Ischariot im Berliner Dom

epd-bild/Juergen Blume

Ben Becker als Judas Ischariot im Berliner Dom

Ben Becker als Judas Ischariot im Berliner Dom
Am Mittwochabend hatte das neue Programm von Ben Becker Premiere: "Ich, Judas". Abermals ist der Schauspieler mit einem biblischen Stoff auf der Bühne und überzeugt sein Publikum.

Da hat ein brillanter Text seinen Interpreten gefunden: Das Publikum im ausverkauften Berliner Dom applaudiert stehend, nachdem das letzte Wort verklungen ist, ein verzweifelt geschrienes, schier endloses "Nein". Ben Beckers Schwester Meret überreicht ihm einen Rosenstrauß, den er auf dem Altar ablegt, zu Füßen des Gekreuzigten, mit dem er gerungen hat, den er angefleht, betrauert, geliebt hat, dessen Alter Ego er war, dessen Freund und ergebener Jünger, sein engster Vertrauter und - sein Verräter.

"Nein Herr, ich habe dich nicht verraten"

"Ich, Judas" heißt das neue Programm von Ben Becker, das am Mittwochabend Premiere hatte. Gemeinsam mit dem Dramaturgen am Deutschen Theater, John von Düffel, setzt sich Becker in dem Stück mit einer der schwierigsten Personen der Religionsgeschichte auseinander, Judas Ischariot. Becker kombiniert für seinen Judas-Abend eine überaus plastische Lesung aus Amos Oz' jüngstem Roman "Judas" mit der Aufführung eines der größten Texte des 2013 gestorbenen Literaturhistorikers und Schriftstellers Walter Jens, der "Verteidigungsrede des Judas Ischariot".

"Nein Herr, ich habe dich nicht verraten" - ein aufbegehrender Monolog wie für diesen Schauspieler geschrieben. Becker platziert ihn kraftvoll, mit der ihm eigenen körperlichen Präsenz dort, wohin er gehört: In den Altarraum des Berliner Doms, dieses mit Gold überladenen Prunkbaus des Protestantismus. Domorganist Andreas Sieling unterstützt ihn auf der Sauerorgel, mit drohenden, tiefsten Tönen, mit Bach und mit schrillem Alarm.

Den Dom, den Papst, die Kirchen, die ganze Überlieferung gäbe es nicht, hätte es nicht Judas, "den Überlieferer" Jesu gegeben, so die Logik des evangelischen Christen Walter Jens. "Judas ist ohne Jesus nichts", deklamiert Becker, und: "Ohne Judas ist Jesus nichts". Ohne Kreuzestod "gäbe es die Überlieferung nicht, dass wir erlöst sind". Judas hat einen göttlichen Auftrag erfüllt.

"Judas ist eine Kampfzone, aufgeladen mit der Verachtung und Feindseligkeit der Jahrtausende"

Barfuß, im langen weißen Mantel in die Farbe der Unschuld gekleidet, steht Becker auf dem Abendmahlstisch, der quer und als schiefe Ebene im Altarraum des Doms aufgebaut ist und verlangt, "dass mein Schuldspruch aufgehoben wird". Nichts lässt der Text von Walter Jens aus in der Schilderung des Schuldspruchs, des "Urteils der Jahrtausende" über diesen jüdischen Verräter und sein Volk: die mit lüsternem Abscheu verfertigten Klischees des Juden in Malerei, Literatur und Film, das "Judenpisse"-Pamphlet des Martin Luther, "Pogrome, Lager, Gas". Becker schleudert es dem Publikum in den Kirchenbänken ins Gesicht. Judas stellt die Schuldfrage, der sich die Kirchen viel zu spät gestellt haben.

Durch Beckers Sprechkunst und Stimme erhalten die Texte von Walter Jens und Amoz Oz eine Intensität, die Schrecken und Abgründe der Judas-Geschichte offenbar werden lassen. Bedauerlich allein, dass der Nachhall im Berliner Dom manche Silbe verschludert. Vor gut sieben Jahren ging Becker mit einer musikalisch begleiteten Bibellesung auf Tournee - für sein neues Programm zu einem biblischen Stoff hat er sich wiederum starken Texten anvertraut.

Der israelische Schriftsteller Amos Oz sieht in dem Verräter Jesu einen Überzeugungstäter. Sein Judas glaubt, dass Gottes Sohn der Tod nichts anhaben kann, und liefert ihn aus, gerade weil er ihn bezeugt. Auf Golgatha erleidet er die Kreuzigung seines Meisters wie am eigenen Leib und erkennt: "Jeden Nagel habe ich in sein Fleisch getrieben. Ich habe ihn ermordet." Becker liest das so, dass alle Qual bis zum Selbstmord des Judas spürbar wird. Judas sei mehr als eine Rolle, hat er vor der Premiere verkündet: "Judas ist eine Kampfzone, ein Schlacht- und Kraftfeld, aufgeladen mit der Verachtung und Feindseligkeit der Jahrtausende."

"Ich, Judas"

ist noch am 19. und 22. November jeweils um 20 Uhr im Berliner Dom (Am Lustgarten, 10178 Berlin) zu sehen sowie zusätzlich am 12. und 13. März 2016. Die Karten kosten zwischen 12 und 49 Euro. Am 5. März wird die Inszenierung auch im Hamburger Michel zu sehen sein.