Es gibt eine einfache Erklärung dafür, warum Menschen, die sich für Politik interessieren, von diesem Film unmittelbar gepackt sein werden: weil sich die Lebensläufe der drei Protagonisten immer wieder mit den eigenen decken. Birgit Schultz porträtiert zwar die drei Anwälte Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler, doch gleichzeitig erzählt sie die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland; zumindest die der letzten knapp fünfzig Jahre.
Wie bei so vielen Mitgliedern ihrer Generation hat sich das politische Bewusstsein des Trios 1967 in Berlin entwickelt. Damals standen sie noch auf der gleichen Seite. Jahrzehnte später ist das Bild ein völlig anderes. "Nur Idioten ändern sich nicht", erklärt der einstige RAF-Verteidiger Schily den eigenen Sinneswandel. Der ließ ihn von den Grünen ins Lager der Sozialdemokraten wechseln, wo er schließlich zu einem Innenminister wurde, der "law and order" zu sozialdemokratischen Werten erklärte. Mahler wiederum, einst RAF-Mitglied, geht heute für die NPD auf die Straße und vertritt ein höchst zweifelhaftes politisches Verständnis. Bloß Ströbele ist sich treu geblieben.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
So faszinierend wie die Lebensläufe ist auch der Film. Schultz hat die drei früheren Weggefährten zwar nicht an einen Tisch bekommen, aber ihre Montage macht aus den Monologen ein Gespräch, das immer wieder mit zeitgenössischen Aufnahmen und Fotografien unterlegt ist. Gerade Schily erweist sich in den Rückblenden als bis ins kleinste Detail kontrollierter Redner, dessen Argumente stets stichhaltig scheinen. Um so bewegender sind die wenigen Momente, in denen ihn die Gefühle übermannen.
Der Erzählbogen erstreckt sich vom "Polizeistaatsbesuch" im Juni ’67, als der Schah nach Berlin kam und der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde, über die Stammheim-Prozesse und den Einzug der Grünen in den Bundestag bis in die Gegenwart. Gelegentlich gibt der Kommentar Informationen zum Zeitgeschehen, doch im Wesentlichen gehört der Film den drei Anwälten. Konkrete Stellungnahmen zu den Bildern gibt es allerdings selten; wer sich in der Zeitgeschichte nicht auskennt, bleibt oft ratlos. Der Faszination tut das dennoch keinen Abbruch. Ein hochpolitischer Film, der zurecht mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet worden ist.


