"Viele Menschen werden Lobpreis nicht verstehen"

Lobpreis-Musik

Foto: Getty Images/Design Pics

Lobpreis-Musik sei die Entdeckung der Anbetungswürdigkeit Gottes, sagt der emeritierte Theologie-Professor Siegfried Zimmer.

"Viele Menschen werden Lobpreis nicht verstehen"
Pseudo-christliche Popmusik ohne Inhalt oder Ausdruck einer tiefen Spiritualität? Der Grundsatzstreit um Lobpreis-Musik fand auch auf dem Kirchentag seinen Widerhall. Im Zentrum Kirchenmusik diskutierten unter anderem der Liedermacher Albert Frey und der Theologe Siegfried Zimmer unter dem Titel "Lobpreis: Genial oder banal?" über Tiefe und Zukunft der Worship-Musik.

Alle fächeln. Sie fächeln mit Flyern und Hüten, mit Liederbüchern und Stadtplänen, mit Kirchentagshockerverbindungsstücken und allen anderen flachen Gegenständen. "Dass es Ihnen heiß ist, sehe ich. Jetzt wird ihnen aber auch noch warm ums Herz", sagt Moderator Andreas Malessa zu Beginn der Diskussion über Lobpreis-Musik. Die Menschen, die gut ein Drittel der Papphocker in der Zelthalle 15 besetzen, stehen aber auch in der Hitze willig auf, um mit Liedermacher Albert Frey zu Beginn das Credo zu singen – Worship-Style.

Lobpreis-Musik, auch Worship-Musik genannt, ist nicht unumstritten. "Inhaltsleerer Christenpop", so lassen sich die Vorurteile gegen die Anbetungslieder prägnant zusammenfassen. Ein Vorurteil, das auch Siegfried Zimmer kennt. Der emeritierte Theologie-Professor, der mit auf dem Podium sitzt, ist ein Befürworter der Lobpreismusik, aber er sieht theologische Schwächen in den Inhalten. "Das Lob in der Bibel ist nur dann gesund, wenn es nicht auf Kosten der Klage geht", sagt er, schließlich gibt es mehr Klagepsalmen als Lobespsalmen im Alten Testament. Anbetungslieder müssten das berücksichtigen. Sie dürften auch nicht den gekreuzigten Jesus auf ein Sühneopfer reduzieren, fordert Zimmer in seinem Eingangsvortrag: "Die Kreuzigung ist kein kleines Durchgangsstadium, das Jesus hinter sich lässt", sagt er, und dass Gott eben nicht immer auf der Seite der Schönen, der Erfolgreichen, der Lobpreisenden ist.

Trotzdem sieht Zimmer eine große Chance im Lobpreis. "Im Lobpreis bewundern wir das Hoch-Interessante, Geheimnisvolle, Faszinierende, die Heiligkeit Gottes", schwärmt er. Gott sei "das Gegenteil von langweilig". Die Lobpreis-Musik, die aus den charismatischen Pfingstkirchen kommt, beschreibt Zimmer als "die Entdeckung der Anbetungswürdigkeit Gottes."

Worship-Musik zeichnet sich durch popmusikalische Arrangements aus, die in der Regel positive, christusbezogene Texte vertonen. Die Bandbreite der Instrumente reicht vom einzelnen Gitarristen bis zu vielköpfigen Worship-Bands. Die Musik ist heute "längst nicht mehr neu, jugendspezifisch und auf charismatisch-pfingstlerische Freikirchen beschränkt", so erklärt es Moderator Andreas Malessa dem versammelten Publikum. Lobpreis-Musik habe die Sing- und Hörgewohnheiten aller Christen verändert.

Malessa kennt die Szene der christlichen Popmusik schon seit Jahrzehnten. Auch er bringt eine Kritik mit aufs Podium. Er sieht in aktuellen Lobpreis-Liedern nur zwei Gottesbilder, nämlich den Vater und den König: "Für mich sieht Gott in manchen Lobpreisliedern aus wie Ludwig der Zweite im Hermelinmantel auf Neuschwanstein." Siegfried Zimmer teilt diese Kritik. Gott sei auch "Gott der Fremde, der Verborgene, das Geheimnis, der Gärtner", Gottesbilder, die in modernen Lobpreis-Liedern gar nicht vorkämen. Andere Lyrik könne den Lobpreis aus der "evangelikalen Enge" befreien, in der er laut Zimmer feststeckt.

Der Walheimer Pfarrer Christian Lehmann, ebenfalls auf dem Podium, sieht diese Konzentration auf wenige Gottesbilder ebenfalls, sagt aber auch: "Es mag eine Engführung sein, aber es ist nicht falsch." Lieder müssten ebenso wie eine Predigt nicht immer alles auf einmal sagen. Liedermacher Albert Frey nimmt diese Kritik als Herausforderung: "Was uns völlig fehlt, ist Gott der Schöpfer. Der ist bei uns im Liedgut unterentwickelt."

Trotzdem ist die Geschichte der Lobpreis-Musik eine Erfolgsgeschichte. Natürlich ist es nicht so, dass moderne populäre christliche Musik ausschließlich in freikirchlichen Gemeinden gesungen und gespielt wird. Neben den vielen Gospel-Chören gibt es im Bereich Kirchenmusik in allen Landeskirchen Formen und Möglichkeiten, andere Instrumente als Orgel und Posaunenchor im Gottesdienst einzusetzen.

Aber das Podium auf dem Kirchentag ist sich einig, dass Elemente des charismatischen Lobpreises auch gut in landeskirchliche Gottesdienste passen würden oder in Alternativgottesdiensten beispielsweise am Sonntagabend das Gemeindeleben bereichern können. Siegfried Zimmer betont, dass dabei nicht nur Worship-Lieder gesungen werden sollten. Aber gerade in Zeiten teurer Orgelreparaturen, die Gemeinden zu "Orgelreparaturvereinen" degradierten, könne der Lobpreis-Musik mit ihrer Vielfalt an Instrumenten eine größere Rolle zuwachsen.

Liedermacher Albert Frey bei der Veranstaltung "Lobpreis: Genial oder banal" beim DEKT 2015 Kirchentag in Stuttgart.

Noch einmal demonstriert Albert Frey, wie das geht: Er lädt das schweißgebadete Publikum dazu ein, wieder mit ihm zu singen. Wie üblich beim Lobpreis werden die Liedtexte auf eine Leinwand projiziert, das singende Publikum hat die Hände frei zum Klatschen oder Tanzen. In der Hitze von Stuttgart erheben aber nur Einzelne ihre Hände in spiritueller Ergriffenheit zu dem Zehn-Minuten-Kurzkaraoke, das Frey mit seiner Gitarre auf die Bühne bringt.

Frey macht das gut, aber er betont im Anschluss auch direkt: Worship ist kein Konzert. Es gibt eine "gefährliche Performancekultur", die dem Ausdruck der Spiritualität im Lobpreis entgegensteht. Pfarrer Lehmann unterstützt: "Das müssen wir uns fragen: Füllen wir das, was wir singen, mit Glaube, Leben, Liebe?" Das gelte aber für jede Musik, egal ob Gesangbuchlieder oder Worship.

Der ehrliche Ausdruck des Glaubens im Lobpreis ist allen vier Podiumsteilnehmern wichtig. Aber was, wenn der Funke des Glaubens nicht überspringt? "Lobpreis muss von innen geboren werden", sagt Frey. Es brauche das innere Bedürfnis nach einer Beziehung zu Gott. Da helfe es auch nicht, wenn jemand zehn oder zwanzig Lobpreis-Lieder über Jesus singe: "Viele Menschen werden Lobpreis nicht verstehen."