Die Filme von Martin Ambrosch (Buch) und Andreas Prochaska (Regie) waren bislang ausnahmslos herausragend, zumal Heino Ferch die Hauptfigur, den seit dem Tod seiner Frau verbitterten und kaum noch zu einem Leben in einer Sozialgemeinschaft fähigen Kriminalpsychologen Richard Brock, mit enormer subtiler Intensität verkörpert. In "Schande", dem vierten Fall, hat es Brock mit einem Menschen zu tun, den er in einer Vorlesung perfekt beschreibt: "Wir alle sind Eisberge", erklärt er seinen Studenten, weil der weitaus größte Teil unserer Persönlichkeit im Verborgenen liege.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Ein derartiger Eisberg ist Gerhard Bliem (Fritz Karl), ein vermeintlicher Internist, der Brock erpresst, ihn als Klienten zu behandeln: Bliem weiß vom Verhältnis des Psychologen mit der Frau eines befreundeten Kollegen. Was Brock nicht ahnt: Der Mann ist auch in die Ermordung eines Nachbarn verstrickt. Als dann auch noch Brocks Freundin von einem Auto angefahren und lebensgefährlich verletzt wird, kommen die Einschläge aus Sicht Brocks bedrohlich näher.
"Schande" beginnt als Thriller, weil in Brocks Wohnhaus ein Brand ausbricht und der Psychologe im letzten Moment vor einer Rauchvergiftung gerettet wird; Kameramann David Slama, seit weit über dreißig Jahren ein Meister seines Fachs, hat dem Zwielicht großartige Bilder abgerungen. Davon abgesehen ist die Atmosphäre des Films eher kühl; das winterliche Wien wirkt selbst dann noch abweisend, wenn die Sonne scheint. Die sparsame Musik (Matthias Weber) sorgt zwar weiterhin im Hintergrund dafür, dass "Spuren des Bösen" kein Wohlbehagen verbreitet, doch die Geschichte konzentriert sich nach einer längeren Einleitung auf das Kräftemessen zwischen dem Psychotherapeuten und seinem Patienten.
Optisch ausgesprochen mutig gestaltetes Finale
Es war eine ausgezeichnete Entscheidung, diese Rolle Fritz Karl anzuvertrauen. Der Österreicher hat schon eine Vielzahl von Schurken gespielt, aber hier sorgt er dafür, dass man lange nicht schlau aus dem innerlich verzweifelt traurigen Gerhard Bliem wird. Außerdem ist das sanfte Auftreten des Mediziners natürlich ein reizvoller Kontrast zum in sich gekehrten, hartschaligen Brock; gerade weil Heino Ferch fast keine Miene verzieht, ist sein Spiel ungeheuer wirkungsvoll. Am Ende schließt sich dann der Kreis, zumindest, was das Genre angeht: Spätestens mit dem optisch ausgesprochen mutig gestalteten Finale untermauert der Film die ganz besondere Qualität dieser Reihe.

