Berauschend schön: Marc Chagall in Zürich

Foto: Wikimedia Commons/Jürg-Peter Hug, Zürich

Chagall-Fenster im Zürcher Fraumünster: Das blaugrundige "Jakobsfenster" links gibt die Verheissungen des Alten Bundes wieder, das gelbgrundige "Zionsfenster" rechts die des Neuen Bundes (Offenbarung), das grün getönte grössere "Christus"-Fenster in der Mitte die Erlösungstat Christi, gefasst in den "Baum des Lebens".

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Berauschend schön: Marc Chagall in Zürich
Der ZDF-Fernsehgottesdienst am kommenden Sonntag (22. März, 9.30 Uhr) greift das Jahresthema der Lutherdekade "Reformation – Bild und Bibel" auf. Kaum eine Kirche wäre dafür besser geeignet als das Fraumünster in Zürich: Der Bilderzyklus des jüdischen Glaskünstlers Marc Chagall in der reformierten Kirche ist weltberühmt.

Zürich ist die Stadt der Banken. Doch es sind nicht nur Bürogebäude, die die Silhouette des Wirtschaftszentrums der Schweiz prägen, sondern auch die Turmspitzen bedeutender reformierter Kirchen. Da ist das um 1100 errichtete Großmünster mit seinen charakteristischen Zwillingstürmen, welches zum Ausgangspunkt der deutschschweizerischen Reformation wurde; da ist die 1230 erbaute Predigerkirche und St. Peter mit seinem großen Zifferblatt. In der Stadt Huldrych Zwinglis (1484-1531), der zu den prägenden Gestalten der reformierten Kirche zählt, liegt auch das Fraumünster. Wegen seiner weltberühmten Fenster von Marc Chagall gehört es zu den "Points of Interest" in Zürich.

Das Fraumünster von außen
Mitten im Finanzdistrikt von Zürich gelegen, gilt das Fraumünster als bestbesuchte protestantische Kirche Zürichs. Niklaus Peter, seit zehn Jahren Pfarrer am Fraumünster, führt immer wieder Gruppen durch die Kirche. Die Gäste kommen aus allen Teilen der Welt, häufig auch aus Deutschland. Das Fraumünster hat unter Kunstkennern einen ausgezeichneten Ruf. "Das liegt an seiner Atmosphäre und seiner bewegten Geschichte", sagt Niklaus Peter, der fünf Jahre lang den theologischen Verlag Zürich leitete, der das Werk von Karl Barth herausgibt.

 

An diesem Vormittag führt er Interessierte einer evangelischen Akademie durch das Kirchenschiff. Sie sind auf Bildungsreise, wollen sich später auch die Calvin-Stadt Genf ansehen. Niklaus Peter kennt den irritierten Blick seiner Gäste. Der reformierte Theologe erklärt, dass der Bau mit seinen romanischen und gotischen Elementen einst die Kirche eines Frauenklosters war, das im Jahr 853 von König Ludwig dem Deutschen gestiftet und von Frauen des süddeutschen Hochadels bewohnt wurde. Nach der Reformation kamen Kirche und Kloster in den Besitz der Stadt. Die Gäste spüren sofort: Fraumünster ist ein Kraftort. Niklaus Peter sagt: "Seit tausend Jahren wird hier gebetet. Ein solcher Kirchenraum ist wie ein Speicher."

Die Chagall-Fenster

Die Hauptattraktion aber sind der 1970 entstandene farbenfrohe fünfteilige Fensterzyklus von Marc Chagall (1887-1985) im Chor sowie die 1978 fertiggestellte Rosette im südlichen Querschiff. Am 28. März jährt sich der Todestag des jüdisch-weißrussischen Maler-Genies zum 30. Mal. Touristen und Stadtzürcher wandeln gedankenverloren durch das Kirchenschiff und lassen die intensive Kraft der Farben und die biblischen Botschaften von Chagalls Werken auf sich wirken. "Sie sind berauschend schön und entfalten eine große Tiefe", sagt Niklaus Peter. Er zeigt auf das rote Prophetenfenster, das goldgelb leuchtende Davidsfenster und das blaue Gesetzesfenster. "Auf dem Christus-Fenster in der Mitte hat sich Chagall sogar selber verewigt", erzählt er. Kunsthistoriker rätseln allerdings, weshalb Chagall ausgerechnet auf die Darstellung von Ostern verzichtet hat. Hielt Chagall das Hochfest der Christen für undarstellbar?

Marc Chagall wurde 1967 von Pfarrer Peter Vogelsanger für die Gestaltung der Fenster angefragt, nachdem ein Gestaltungswettbewerb in der Frauenkirche mit Schweizer Künstlern gescheitert war. Seine 1967 in Zürich ausgestellten Erstfassungen der Scheiben für das Jerusalemer Hadassah-Krankenhaus hatten Vogelsangers Aufmerksamkeit erregt. Für Chagall war die Frauenkirche so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Ein halbes Jahr später machte sich der Künstler in Zürich jedenfalls schon ans Werk. Für seine Arbeit erhielt der weltberühmte Maler gerade mal 150.000 Franken, die vom Bauunternehmerehepaar Lou und Heinrich Hatt-Bucher gestiftet wurden.

Während die Besucher die Bilder betrachten, kommen sie bei der Reihe "Musik am frühen Morgen" auch in den Genuss von erlesenen Orgelstücken. "Wir haben hier die drittgrößte Orgel der Schweiz. Sie klingt wunderbar", schwärmt Niklaus Peter, der betont, das neben der großen Predigttradition im Fraumünster großen Wert auf die musikalische Qualität gelegt werde. Der Zürcher Pfarrer betont, dass Fraumünster keine Touristen-Kirche sei, sondern aus Gemeindegliedern bestehe, "die sich sehr intensiv am Gottesdienstleben beteiligen".

Pfarrer Niklaus Peter im Fraumünster

Das Jakobs-Fenster

Fast täglich steht Niklaus Peter vor dem Jakobs-Fenster. Es leuchtet in einem intensivem Dunkelblau. Es ist sein Lieblingsfenster. Der Theologe erzählt von den zwei prägenden Erfahrungen des Stammvaters, die hier abgebildet sind: vom Traum der Himmelsleiter und vom Kampf am Fluss Jabbok. Die Leiter steht für den von Gott ermöglichten Neuanfang Jakobs nach seinen Betrugsgeschichten. Am Jabbok aber muss Jakob sich überwinden, um den Segen ringen, und dann seinen Bruder Esau um Versöhnung bitten.

Am meisten fasziniert den Karl Barth-Kenner das Motiv der hier dargestellten Himmelsleiter. "Das ist nicht einfach eine Leiter, auf der man abhebt in den Himmel, sondern eine, die einen neu zu den Mitmenschen führt", sagt Peter. Das Faszinierende bei Glasfenstern sei, "dass je nach Lichteinfall gewisse Dinge plötzlich intensiver werden. Das Licht spielt in den Fenstern und lädt uns ein, mitzuspielen. Das Licht illuminiert die Geschichten und macht sie lebendig und hell."

Bunte Fenster in einer reformierten Kirche?

Niklaus Peter muss bei seinen Führungen durch das Fraumünster oft die Frage beantworten: Weshalb gibt es in einer doch eigentlich bilderfeindlichen reformierten Kirche so viele bunte Fenster? Seine Antwort lautet: "Die Reformierten nehmen das 2. Gebot 'Du sollst dir kein Bildnis machen' ernst. Es richtet sich vor allem gegen falsche Gottesbilder und gegen Heiligenbilder." Gegen biblische Bilder hätten die Reformierten aber nichts gehabt. Im Berner Münster etwa seien die Fenster mit biblischen Bildern nicht angetastet worden. "Darum haben wir hier im Fraumünster schon vor den Chagallfenstern das schöne Augusto Giacometti-Fenster im Querschiff – und freuen uns über diese beiden Kunstwerke."

Niklaus Peter fügt weiter an: "Was oft vergessen wird: Reformierte sind nicht aus einem Fundamentalismus heraus gegen Bilder. Es war eine gezielte Kritik an der Verbindung von Macht, Geld und Heiligem." Nach reformierter Tradition und Glaubenspraxis bedeute das: "Sich nicht auf falsche Gottesbilder fixieren und nicht unsere eigenen Wünsche und Vorstellungen in Gott hinein zu projizieren. Sondern versuchen zu hören statt zu sehen. Offen zu sein für das Wort, das uns bewegt und transformiert." Reformierte Ästhetik bedeutet für Niklaus Peter Reduktion auf Räume, die öffnen für das Göttliche.

Buchtipp: Niklaus Peter: Die Jakobsgeschichte. Fraumünster-Predigten. Edition Kämbel

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