Interreligiöse Tour durch Kirchen und Hinterhöfe

Cross Roads

Foto: Anja Mia Neumann

Stadtführungsprojekt Cross Roads Berlin: Fatima mit einer Touristengruppe auf dem Jerusalemfriedhof.

Eine Stadt erzählt Geschichten: von unterschiedlichen Religionen und von Menschen, die wegen ihres Glaubens wichtige Dinge für die Gesellschaft tun. In Berlin führen interreligiöse Stadtführer zu den Orten, an denen diese Geschichten passieren.

Sie sind ein auffälliges Stadtführer-Gespann: Andrea mit blauer Mütze und Fatima mit grünem Kopftuch stehen vor einer wahrhaft internationalen Gruppe von Studenten in Berlin-Kreuzberg. Sie erzählen davon, was Menschen aus ihrem Glauben heraus tun. Politisches, Soziales. Egal, welcher Religion sie angehören.

Ihre Tour rund um die Heilig Kreuz-Kirche haben die Beiden selbst erdacht und ausgearbeitet; im Rahmen eines Stadtführungsprojekts namens Cross Roads, initiiert vom Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte. "Es geht um das Leben" heißt das Ergebnis ihrer zehnmonatigen Ausbildung dort. Jetzt stehen Andrea und Fatima in einem Hinterhof. Einige Metallstühle sind an die Häuserwand gelehnt, die Fahrradständer sind voller Räder. Immer wieder kommen Menschen und verschwinden hinter einer Tür, um sich aufzuwärmen, zu reden und Kaffee zu trinken. Das Gitschiner 15, ein Zentrum gegen Ausgrenzung und Armut, ist ein Projekt der Heilig Kreuz-Passion im Kiez.

"Es geht darum, Menschen einen Ort zu geben, um kreativ zu sein", erklärt die 31 Jahre alte Andrea. "Und darum, dem Mangel an Partizipation in unserer Gesellschaft entgegen zu wirken." Alles ist kostenlos, die Kunst-Kurse, das Beisammensein, nur der Kaffee kostet 50 Cent, wie Andrea berichtet. Ein Mann mit Hund und schwarzem Kapuzenpulli unterbricht sie und fragt nach dem Weg.

Teilnehmer aus Ghana, Hongkong, Bangladesch

Antje Zimmermann ist die Geschäftsführerin von Cross Roads und stolz auf ihr Projekt. "Natürlich bieten wir auch klassische Kirchenführungen und Führungen zu anderen christlich geprägten Orten an", erzählt sie. "Unser Ziel war es aber von Anfang an, auch ökumenisch und interreligiös aufzutreten." Zehn junge Berliner, mit einem unterschiedlichen religiösen oder auch atheistischen Hintergrund, haben sich deshalb zu interreligiösen Stadtführern ausbilden lassen. "Zeig mir deine Welt" heißt das Motto, unter dem schließlich drei Führungen entstanden.

Andrea (links) und Fatima während ihrer interreligösen Stadtführung.
Die Gruppe, die Fatima und Andrea an diesem Tag führen, könnte nicht besser zum Motto Interreligiosität passen. Ein Dutzend Master-Studenten von der Universität Göttingen verfolgen das, was die Beiden zu Kirchenasyl und humanitärer Hilfe berichten. Sie studieren interkulturelle Theologie und kommen aus Ghana, Hongkong, Bangladesch, Südkorea, Äthiopien und anderen Ländern. Im Hinterhof gibt Andrea das Wort an Fatima. Die 25-Jährige berichtet voller Enthusiasmus von der deutschen Nichtregierungsorganisation Islamic Relief, die um die Ecke einen Sitz hat. Bei der Aktion "Speisen für Waisen" werde Geld für elternlose Kinder gesammelt. Ob denn die Organisation auch missioniere?, fragt einer der Teilnehmer aus Bangladesch. "Nein", antwortet Fatima. "Das ist Teil der Abmachung. Es geht darum, Menschen zu helfen, unabhängig vom Glauben."

Wenn Reden und Handeln eins ist

Weiter geht es in die Heilig Kreuz-Kirche. Von der Empore haben die Stadterkunder einen guten Blick in die große, imposante Kirche mit den runden Fenstern. Andrea erzählt von einer Besetzung der Kirche in den 1970er Jahren. "Der Konflikt wurde damals mit Gesprächen gelöst." Überhaupt sei die Kirche ein Beispiel für soziales Engagement. Erst im vergangenen Jahr öffnete sie ihre Pforten für Flüchtlinge.

Warum machen die zwei jungen Frauen das? "Für mich sind diese Stadtführungen die Chance, anderen Menschen erst mal nur menschlich zu begegnen", sagt Fatima. "Also niemanden sofort in eine Schublade zu stecken und überhaupt daran zu denken, welchen religiösen Hintergrund er hat." Das Ziel der Politikstudentin: Erst mal eine Vertrauensbasis mit der Gruppe aufbauen. Und dann voneinander lernen.

In der Nähe der Kirche ist der Jerusalemfriedhof. Efeu auf dem Boden, Bäume ohne Blätter und verrostete Zäune um die Gräber. Hier liegt seit 2003 auch der langjährige Pfarrer der Gemeinde Joachim Ritzkowsky begraben – neben obdachlosen Menschen, deren Namen auf dem Grabstein eingraviert sind. "Oft sind Reden und Handeln zwei unterschiedliche Dinge", sagt Fatima zu den Teilnehmern der Stadtführung. "Ich finde ein solches Leben beeindruckend."

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