TV-Tipp des Tages: "Tatort: Blutschuld" (ARD)

TV-Tipp des Tages: "Tatort: Blutschuld", 15. Februar, 20.15 Uhr im Ersten

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In der wahnwitzig flott geschnittenen Auftaktsequenz wandert ein Mann mit einem Messer im Hals durch die Leipziger Innenstadt. Dann ein Szenenwechsel, "Vier Jahre später", ein handgreiflicher Streit zwischen Vater und Schwiegersohn - und dann ist erst mal Ruhe.

Selten hat ein "Tatort" derart furios und skurril angefangen: In der wahnwitzig flott geschnittenen Auftaktsequenz wandert ein Mann mit einem Messer im Hals durch die Leipziger Innenstadt. Dann ein Szenenwechsel, "Vier Jahre später", ein handgreiflicher Streit zwischen Vater und Schwiegersohn -  und dann ist erst mal Ruhe. Im Fußball würde man sagen: Die Mannschaft muss dem hohen Tempo der Anfangsminuten Tribut zollen. Im Fall des Films "Blutschuld" kann man allerdings kaum von einer Auszeit sprechen, denn die Ruhephase dauert fast sechzig Minuten. Das Finale nimmt dafür zwar das gesamte letzte Handlungsdrittel ein, aber bis dahin ist der Film schlicht nicht spannend; weder vorder- noch hintergründig.

Saalfeld und Keppler ermitteln

Das überrascht, denn die bisherigen Krimis von Stefan Kornatz waren durchweg fesselnd. Das gilt vor allem für seine beiden "Tatort"-Beiträge ("Es ist böse" aus Frankfurt und zuletzt "Mord auf Langeoog" mit Wotan Wilke Möhring); noch besser war sein Gangsterfilm "Das Ende einer Maus ist der Anfang einer Katze". Obwohl Kornatz auch das Drehbuch geschrieben hat, bleiben die Hauptfiguren von "Blutschuld" seltsam fremd, weil sie trotz einer Vielzahl biografischer Details keine Tiefe bekommen. Das gilt auch für das Ermittlerduo Saalfeld und Keppler (Simone Thomalla, Martin Wuttke), zwischen dem es diesmal nicht recht funkt; als läge bereits der vom MDR im letzten Jahr angekündigte Abschied in der Luft.

Kornatz’ Geschichte orientiert sich an einem erprobten Muster. Nach einem offenbar in großer Wut begangenen "Overkill" drängen sich gleich vier Verdächtige auf, weil der Tote zu Lebzeiten alles andere als ein Opfer war: Harald Kosen (Bernhard Schütz) hat seine Tochter missbraucht, seinen Sohn misshandelt und die Tochter eines früheren Kompagnons überfahren; den Schwiegersohn behandelt er wie Dreck. Lauter perfekte Motive also und eine zwar nicht originelle, aber doch brauchbare Basis für einen Krimi. Obwohl die Geschichte nicht schwer zu durchschauen ist, wirkt sie unnötig kompliziert, zumal Kornatz viel Zeit darauf verwendet, die Familienbande zu entflechten. Außerdem versucht die etwas aufdringliche Tochter Sofie (Natalia Rudziewicz) mit aller Macht, Eva Saalfeld zu ihrer Freundin zu machen, was offenkundig nur einen Grund hat: Die persönliche Beziehung soll die Betroffenheit der Polizistin vergrößern, als auch Sofie ermordet wird. Theoretisch eine gute dramaturgische Idee, in der Praxis jedoch gescheitert, was auch mit dem limitierten Potenzial der Hauptdarstellerin zu tun hat.

Als Zuschauer fühlt man sich dagegen unterfordert, da man die perfide Strategie des Mörders wieder mal weitaus früher durchschaut als die Kommissare; wer im Krimi ständig von Wiedergutmachung und Opferausgleich spricht, führt meistens nichts Gutes im Schilde. Die letzten dreißig Minuten entschädigen zwar für Vieles, aber davor ist "Blutschuld" im Grunde nur wegen Martin Wuttke sehenswert: weil Keppler es vortrefflich versteht, Verdächtige allein durch seine pure Präsenz zu provozieren. Um ihn wird es wirklich schade sein, wenn das Duo aus Leipzig in Rente geht.