Krippe, Christbaum und Angst

Interkulturelles Weihnachtsfest in Hannover

Foto: Jens Schulze

Volles Haus am 10. Januar in der Matthäuskirche in Hannover

Krippe, Christbaum und Angst
Beim "interkulturellen Weihnachtsfest" in Hannover ist dieses Jahr einiges anders als sonst: Es gibt mehr Flüchtlinge. Und sie haben Angst vor "Pegida".

Vorn am Altar steht ein großer festlich geschmückter Weihnachtsbaum und davor eine Krippe aus Holz. Von der Decke hängt ein weiß-leuchtender Weihnachtsstern, der Bläserchor verströmt mit seiner Musik besinnliche Stimmung. In der hannoverschen Matthäuskirche wurde am Samstag mitten im Januar noch einmal Christi Geburt gefeiert, kurz nach dem Weihnachtsfest der orthodoxen Kirchen am 6. und 7. Januar. Bereits zum fünften Mal haben Religionsgemeinschaften und internationale Vereine in Hannover zu dem "interkulturellen Weihnachtsfest" eingeladen.

"Typisch deutsch ist eine Vielfalt von Religionen und Nationen"

Fast 600 Menschen drängen sich in der Kirche. Menschen aus 140 Nationen leben in Hannover, jede scheint vertreten. Das Publikum ist ethnisch noch vielfältiger als im vergangenen Jahr. Und noch etwas ist anders. Denn an diesem Montag will die fremdenfeindliche "Pegida"-Bewegung auch erstmals in Hannover demonstrieren.


"Die wöchentlichen Pegida-Auftritte in Deutschland machen uns Angst", sagt Hamideh Mohagheghi. Sie ist Sprecherin des Rates der Religionen in Hannover und feiert auch als Muslimin das christliche Fest mit. Die Solidarität vieler anderer mache ihr aber auch Mut, fügt sie dann hinzu. "Ich bin dankbar, dass Vielfalt in dieser Stadt möglich ist."

Natürlich ist das Miteinander jetzt noch wichtiger, meint Abayomi Bankole vom Afrikanischen Dachverband Norddeutschlands mit Blick auf "Pegida". Der Begriff "typisch deutsch" müsse neu definiert werden, glaubt der gebürtige Nigerianer. "Typisch deutsch ist heute eine Vielfalt von Religionen und Nationen." Um das zu unterstreichen, lesen neun Hannoveraner in ihren Muttersprachen die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums vor.

"Für Gott ist unwichtig, woher einer kommt"

Weihnachten heiße, sich zu öffnen für die, die zu uns kommen, sagt der evangelische Landesbischof Ralf Meister in der Predigt. Er zieht Parallelen zwischen dem Jesuskind in der Heiligen Nacht und den 50 Millionen Flüchtlingen weltweit. Der Auftrag der Weihnacht laute für die Christen, allen Notleidenden zu helfen - weltweit. "Für Gott ist unwichtig, woher einer kommt oder welche Sprache er spricht."

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister und der Erzpriester Milan Pejic von der Serbisch-orthodoxen Kirche erteilen den Schlusssegen.

Milan Pejic war selbst Flüchtling, als er vor 42 Jahren in die Bundesrepublik kam. Der serbisch-orthodoxe Erzpriester erinnert sich noch, wie erschrocken er bei seiner Ankunft war: "Ich musste Fingerabdrücke abgeben und wurde fotografiert wie ein Verbrecher." Aber die deutsche Gesellschaft habe ihm viel gegeben. Nun hilft er selbst Asylsuchenden. Er möchte nicht, dass Menschen schlecht empfangen werden.

"In meiner Gemeinde gibt es viele Flüchtlinge", erzählt der Geistliche. Die meisten sind Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien. Oftmals glauben die deutschen Behörden ihnen nicht, dass sie verfolgt werden. So auch einem jungen Paar. Sie wurden in ihrem Dorf fast gelyncht, weil sie Aids haben. "Ich will nicht, dass sie auch hier Angst haben müssen", sagt Pejic. Doch auch viele Menschen, die schon lange in Deutschland sind, fürchten sich vor "Pegida", weiß er aus seiner Gemeinde. "Die Migranten hier haben mehr Angst vor Pegida als umgekehrt."

"Flüchtlinge machen Deutschland reicher"

Die interkulturelle Zusammenarbeit in Hannover begann, als Anfang der 90er Jahre fremdenfeindliche Deutsche Flüchtlingsheime in Hoyerswerda und Rostock anzündeten. Das überkonfessionelle Weihnachtsfest entstand letztlich daraus.

"Mit unserem Fest wollen wir ein Zeichen gegen Ausgrenzung setzen", erklärt Michel Youssif. Der ägyptische Pastor der arabisch-deutschen evangelischen Gemeinde fürchtet sich davor, dass "Pegida" zu einem erstarkten Rechtsradikalismus führt. Heute sind es die Muslime und morgen alle Menschen mit anderen Hautfarben. "Dabei machen Flüchtlinge Deutschland nicht ärmer, sondern reicher."