Schneider: "Habe noch etwas mit Gott zu klären"

Foto: ZDF/Cornelia Lehmann
Schneider: "Habe noch etwas mit Gott zu klären"
Nikolaus Schneider, der gerade verabschiedete EKD-Ratsvorsitzende, ist bekannt dafür, Gefühle auch öffentlich zuzulassen und darüber zu sprechen. Mit Markus Lanz führte er gestern Abend ein berührendes Gespräch über den frühen Tod seiner jüngsten Tochter und die Krebserkrankung seiner Frau Anne.
12.12.2014
Christiane Meister

Andreas Albers begann an Gott zu zweifeln, als sein Sohn Maximilian vor drei Jahren an Leukämie erkrankte. "Wenn du mir meinen Sohn nimmst, dann kannst du mich vergessen" – so erinnerte sich der Vater in Markus Lanz' Talkshow am Donnerstagabend an seine Gefühle. "Mit jedem Tag, an dem es ihm besser ging, ist auch mein Glaube zurückgekommen." Heute gilt der inzwischen 14-Jährige als geheilt und kam mit seinem Vater in die Sendung.

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Auch er kenne solche Gefühle, sagte Nikolaus Schneider, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschland, etwas später in der Runde. Seine jüngste Tochter Meike starb vor fast zehn Jahren an Blutkrebs. "Angesichts dieser Erfahrung habe ich eine Seite Gottes kennengelernt, die rätselhaft und dunkel ist", erzählte der Theologe. "Der Sinn dieses Schicksals leuchtet mir nicht ein. Da habe ich noch etwas mit Gott zu klären." Sein Glaube habe zu dieser Zeit Risse bekommen, doch verloren habe er ihn nicht. In berührender Weise erinnerte er sich an den Tod seines Kindes: "In dem Augenblick, in dem ich nichts halten konnte, wurde ich gehalten. Ohne dieses Gefühl hätte ich nicht mehr predigen können", sagte Schneider.

"Ich habe Grund, dankbar zu sein"

"Haben Sie sich gefragt ‚Warum schon wieder ich?‘, als ihre Frau an Krebs erkrankte?", wollte Gastgeber Lanz von Schneider wissen. Der gestand, dass so ein Gedanke weder zu vermeiden, noch zu beantworten sei. "Aber eigentlich muss man sich viel häufiger die Frage stellen, ‚Wieso ich nicht?‘", führte Schneider aus. "Ich habe Grund, dankbar zu sein. Ich bin nicht während eines Krieges geboren und durchlebe keine Bombennächte."

Mit der Erkrankung seiner Frau hadere er weniger als mit der seines Kindes: "Sie hat viele erfüllte Jahre erlebt", erklärte Schneider. Trotzdem hat er sein Amt als Ratsvorsitzender abgegeben, um seiner Frau besser beistehen zu können. "Ein Amt ist nicht wichtiger als menschliche Gemeinschaft", davon zeigte sich der Theologe überzeugt.

Respekt und Liebe

Dass sich Schneider so offen über Leben und Tod äußert – nicht nur allgemein, sondern auch ganz persönlich – ist nicht neu. Als ihre jüngste Tochter starb, schrieben Anne und Nikolaus Schneider ein Buch über ihre Trauer. "Unser Umgang mit dem Tod hat Zeugnischarakter. Wir wollen deutlich machen, dass Sterben etwas Individuelles ist", erklärte Schneider die gemeinsame Motivation. Als Pfarrer habe er viele Menschen begleitet. "Sterben ist ähnlich wie die Liebe – jeder stirbt anders", erklärte er. "In solchen Momenten gibt es nur Respekt und Liebe." Deshalb sei es für ihn selbstverständlich, seine Frau im gegebenen Fall auch beim Wunsch nach Sterbehilfe zu begleiten – obwohl er Sterbehilfe prinzipiell ablehnt.

Wie so oft zeigte Schneider im Gespräch mit Markus Lanz zutiefst menschliche Gefühle, die er mit theologisch geprägten Gedanken ergänzte. Nahbar und beeindruckend gelingt es ihm so, über Ängste, Hoffnung und Liebe zu sprechen. Am Ende zeigte sich nicht nur der Moderator berührt: "Das Gespräch wird mir noch lange nachgehen", sagte Lanz. Auch Andreas Albers war vom Dialog mit dem ehemaligen EKD-Ratspräsidenten bewegt.

In der Sendung blieb jedoch kaum Zeit, über Schneiders Abschiedsgruß aus seinem Amt zu sprechen. Der ist das Buch "Ich bin evangelisch – Menschen sprechen über ihren Glauben", das Lanz kurz vorstellte. Darin beschreiben 54 prominente Menschen, was ihnen ihr Glaube bedeutet.

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