Ferguson hofft auf einen bleibenden Wandel

Gemeindemitglieder in der "Greater St. Marks Missionary Baptist Church" trauern um Michael Ferguson.

Foto: Joshua Lott/Reuters

Gemeindemitglieder in der "Greater St. Marks Missionary Baptist Church" trauern um Michael Ferguson.

Ferguson hofft auf einen bleibenden Wandel
Der Tod von Michael Brown in Ferguson ist jetzt 16 Tage her. Nun wird er beerdigt, aber die Debatte um Polizeigewalt und Rassismus in der amerikanischen Kleinstadt Ferguson geht weiter. Sie wird auch auf den Kanzeln der Kirchen und in den Gemeinden geführt.

In schwarzen US-Wohnbezirken wie Ferguson, die wirtschaftlich vernachlässigt und polizeilich stark überwacht werden, bleiben oft nur kirchliche Gemeinden als Rückzugsorte für die "community". Zwei Dutzend Kirchengemeinden kümmern sich dort um das Gemeindeleben. Sie dienen nicht nur als Orte für den Sonntagsgottesdient, sondern sind auch im Wochenalltag der kulturelle und soziale Mittelpunkt einer Gemeinde. Typischerweise hat eine halbwegs stabile Kirchengemeinde in den USA einen Kindergarten. Sie bietet Nachmittagbetreuung für Schulkinder, sportliche Aktivitäten und einen Gemeinderaum für Klatsch und Tratsch an.

Kein Wunder also, dass die Pastoren, Reverends und alle anderen kirchlich Aktiven in den vergangenen Wochen in Ferguson eine entscheidene Rolle bei den Protesten und den Diskussionen über die Zukunft spielten. Eine Woche nach der Ermordung von Michael Brown waren Rassismus, Gewalt und Polizeiübergriffe das Hauptthema der Sonntagspredigten. Unter die Hunderte Zuhörer In den überfüllten Gemeinde- und Gebetsräumen mischten sich auch Politiker und hochrangige Polizeibeamte.

Gemeinsames Aufräumen nach den Plünderungen

Aus der Stadt St. Louis war beispielsweise der Justizminister des Bundesstaates Missouri Chris Koster angereist. Er bekundete der versammelten schwarzen Gemeinde sein Beileid und sagte unverblümt, die Gemeinde habe einen Bruder durch einen weissen Polizisten verloren. Auch der vom Gouverneur von Missouri mit dem Polizeieinsatz beauftragte schwarze Beamte Ron Johnson erinnerte vor fast 1.500 Versammelten in der Greater St. Mark Family Church an Michael Brown. "Wir müssen beten. Michael müssen wir für sein Leben danken", sagte Johnson. Auch am darauf folgenden Sonntag waren weitere Kirchen wie die Christ the King United Church, Wellspring, Church of the Nazarene oder die Church of Christ überfüllt.

Vor dem Sonntag waren schon besorgte Pastoren und Pfarrer aus St. Louis sowie einige Rabbiner und Imame aus anderen Bundesstaaten nach Ferguson gereist, um zu helfen, die gewalttätigen Proteste einzudämmen. Im Vordergrund müssten Gewaltfreiheit, die Versöhnung und die Ideale des friedlichen Zusammenlebens stehen, betonten sie unisono. Ganz praktisch halfen Kirchengemeinden am Wochenende in den frühen Morgenstunden bei den Aufräumarbeiten nach den Plünderungen mit.

Vor allem afroamerikanische Prediger wiesen in den Kirchen und auf der Strasse darauf hin, dass "die Kraft der Botschaft vom Kreuz" weiter vermittelt werden müsse. Jesus habe sich für alle unabhängig von ihrer Hautfarbe oder Herkunft geopfert, predigte beispielsweise der aus North Carolina angereiste Pastor Derwin Gray, doch auch in den meisten christlichen Kirchen in den USA bestehe die Rassentrennung zwischen Schwarzen und Weißen weiter. Nötig seien Gemeinden, die aktiv Mitglieder unterschiedlicher Hautfarben aufnehmen.

Struktureller Rassismus trotz einer schwarzen Mittelschicht

Ob eher gemischte Kirchengemeinden als Motor für eine Veränderung dienen können, ist angesichts des Ausmasses, das der Rassismus darstellt, allerdings zweifelhaft. Ein grober Überblick über das Problem enthüllt: die Einkommenskluft zwischen Schwarzen und Weißen ist unverändert gross und bewegt sich auf dem Stand der 1960er Jahre. Schwarze Haushalte verdienen heute im Durchschnitt nur drei Fünftel so viel wie Weiße.

Umgekehrt ist das Haushaltsvermögen von Weißen zwanzig Mal so groß wie das von Schwarzen. Die Arbeitslosigkeit unter Schwarzen ist doppelt so hoch wie unter Weißen, die offizielle Armutsrate beträgt das Dreifache. Ein Blick auf die Gefängnisse enthüllt im Vergleich mit der 1960er Jahren sogar eine Verschlechterung. Damals wurden schwarze Männer fünfmal so oft ins Gefängnis geworfen wie weiße, heute ist die Wahrscheinlichkeit noch größer - sechseinhalb mal so oft.

Obwohl sich im zurückliegenden halben Jahrhundert eine schwarze Mittelschicht herausbildete, schwarze Stars wie Oprah Winfrey und Beyoncé eine grandiose Medienpräsenz haben und Barack Obama Präsident ist, besteht die Diskriminierung von Afroamerikanern fort. Sie wird im politikwissenschaftlichen Jargon "struktureller Rassismus" genannt. Diese historisch gewachsene und tief verankerte Ungleichheit arbeitete jüngst der Journalist Ta-Nehisi Coates ausführlich in der Zeitschrift "The Atlantic" auf: Die moralische Schuld, die sich Amerika dadurch über die Jahrhunderte aufgeladen habe, sei letzendlich nur durch Reparationszahlungen an die Afroamerikaner zu begleichen, lautet seine viel diskutierte Schlussfolgerung.

Wie lange hält die Aufmerksamkeit?

Der strukturelle Rassismus zeigt sich dann ganz konkret auf örtlicher Ebene - zum Beispiel in einem bis vor kurzem so unbekannten Städtchen wie Ferguson.  Der Ort hat 21.000 Bewohner. Mehr als zwei Drittel seiner Bewohner sind Afroamerikaner. Aber Ferguson wird von Weißen regiert. "Black Town, White Power" hiess es dazu ohne Beschönigung in einem Artikel in der "New York Times". Die "White Power" über die Schwarzen drückt sich in den Beschäftigungsverhältnissen aus. Der örtliche Bausektor, die Abwasser- und Abfallbeseitigung – sowie weitere Firmen in Privatbesitz – sind fast ausnahmslos im Besitz von Weißen, die wiederum vorzugsweise weiße Arbeitskräfte anstellen.

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Das Sagen hat neben dem weißen Bürgermeister, der Schulaufsicht mit ihren weißen Mitgliedern und dem Gemeinderat, der nur ein einziges schwarzes Mitglied hat, eben auch die örtliche Polizei, die einen weißen Chef hat und zu 94 Prozent aus Weißen besteht. Statt ihren Auftrag "to serve and protect" zu erfüllen, tritt die Polizei den (schwarzen) Bürgern gegenüber im Alltag als Gegner auf, der täglich Angst verbreitet. 86 Prozent aller Verkehrskontrollen, 92 Prozent aller Hausdurchsuchungen und 93 Prozent aller Festnahmen waren letztes Jahr in Ferguson gegen Schwarze gerichtet – weitaus höhere Prozentsätze als ihr Bevölkerungsanteil.

Eine Bestandsaufnahme dieses Rassismus findet in Ferguson und seinen Kirchengemeinden durchaus statt. Wie sich dringend nötige Reformen etwa im Polizeibereich durchsetzen lassen, wird ebenfalls diskutiert. Kurz vor der Beerdigung von Michael Brown ist die Militarisierung der Polizei ein Riesenthema. Zu befürchten ist allerdings, dass die nationale Aufmerksamkeit für Ferguson und die Probleme, für die es steht, nicht lange hält. Wenn Michael Brown beerdigt ist, die Fernsehkameras wieder weg sind und die Probleme weiter bestehen, verhallen hoffentlich die Bilder aus dem Fernsehen ungesehen und die Worte von den Kanzeln nicht ungehört.