Pazifisten in Israel haben's nicht leicht

Israelis protestieren in Tel Aviv gegen die aktuelle Militärkampagne gegen den Gaza-Streifen.

Foto: Lior Mizrahi/Getty Images

Israelis protestieren in Tel Aviv gegen die aktuelle Militärkampagne gegen den Gaza-Streifen. Sie sind eine Minderheit in Israel.

Pazifisten in Israel haben's nicht leicht
Nur wenige Menschen in Israel demonstrieren für den Frieden. Die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt die Offensive gegen die Hamas im Gazastreifen. Den Pazifisten schlägt Hass entgegen, immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen gegen sie.

"Es war wie ein Lynchversuch", sagt Nevo Sheffi. Der 23-jährige Israeli hatte am Wochenende in Haifa an einer arabisch-jüdischen Friedensdemonstration teilgenommen, die die linke Partei "Chadasch" organisiert hatte. "Tausende Rechtsaktivisten" hätten den sieben Bussen der Demonstranten aufgelauert, sagt Sheffi. Die aufgebrachte Menge habe die Pazifisten eingekreist und gehetzt. Steine und Flaschen seien auf die Busse geflogen. "Wir haben uns durch eine Nebengasse in Sicherheit bringen können", berichtet Sheffi.

Mit den neuen Kämpfen verschärfen sich auch die ideologischen Fronten in Israel. Vor gut zwei Wochen startete Israels Regierung die Militäroperation "Schützende Klippe" gegen die radikalislamische Hamas im Gazastreifen. Ziel der Offensive ist es, die Raketenangriffe auf Israel zu beenden. Bodentruppen, die am vergangenen Donnerstag in den Gazastreifen einmarschiert sind, sollen zudem geheime Tunnel suchen, durch die Hamas-Kämpfer nach Israel eindringen könnten. 

Auch in Tel Aviv und in Jaffa kam es seither zu Zusammenstößen zwischen Kriegsgegnern und denen, die ihn befürworten. "So schlimm wie jetzt war es noch nie", sagt der Jurastudent Sheffi. Seit Jahren ist er Aktivist der linken Partei "Meretz" und als solcher Wortgefechte gewohnt. Mit Parolen begann es auch am vergangenen Wochenende. "Juden und Araber weigern sich Feinde zu sein", schrieben die Pazifisten auf ihre Plakate. "Tod den Arabern", hielten Kriegsbefürworter dagegen und: "Schickt die Linken in die Gaskammern."

80 Prozent sind für eine Bodenoffensive

Seit Jahren werde der politische Diskurs immer heftiger, sagt Sheffi, "aber die körperlichen Angriffe sind neu". Ein 70-jähriger Mann habe ins Krankenhaus gemusst. "Es war wie bei einem Pogrom." Immer wieder richtet sich der Hass auch ganz persönlich gegen die Politikerin Hanin Soabi. Die Knesset-Abgeordnete für die israelisch-arabische Partei "Balad" hat klar Position gegen die Militäroffensive bezogen.

Die Friedensaktivisten sind derzeit in Israel klar in der Minderheit. Einer am Dienstag in der regierungsnahen Tageszeitung "Israel Hajom" veröffentlichten Umfrage zufolge befürworten 80 Prozent der Bevölkerung die Bodenoffensive, Araber und Juden zusammengerechnet. 71 Prozent der Befragten treten sogar für eine Ausweitung der Militäroperationen ein. Solange Raketen auf Israel abgeschossen werden und die israelischen Soldaten an der Front ihren Kopf hinhalten, gilt es als demoralisierend, den Krieg abzulehnen. 

Menschenrechtsorganisationen wie "B'tselem" fordern eine sofortige Waffenruhe. "Die schrecklichen Entwicklungen in Gaza haben unerträgliche Ausmaße erreicht", heißt es in einer Mitteilung der Nichtregierungsorganisation. "Israel bombardiert Häuser, in denen sich Menschen aufhalten, komplette Familien werden unter den Trümmern begraben, und die Straßen sind voller Ruinen."

"Menschliche Schutzschilder in einem verrückten Krieg"

Auch das "Elternforum" von Vätern und Müttern, die ihre Kinder bei Terroranschlägen verloren haben, und die trotzdem den Dialog mit den Palästinensern suchen, schreckt die Haltung der Bevölkerungsmehrheit nicht ab. Für drei Stunden halten die Aktivisten allabendlich in einem Friedenszelt vor der Cinematheque in Tel Aviv eine Mahnwache.

Der Schriftzug von "Peace Now - Schalom achschaw"

Unermüdlich hält auch der 90-jährige Uri Avnery, einst Mitbegründer der Friedensbewegung "Schalom achschaw" ("Frieden jetzt") die Israelis zur Versöhnung an. Avnery argumentiert mit der Geschichte: Über fünf Jahre lang habe Winston Churchill die Bevölkerung Londons als "menschliche Schutzschilder in seinem verrückten Krieg" gegen die deutsche Luftwaffe gehalten, schreibt er und zieht damit eine Parallele zu den Angriffen der israelischen Armee auf Wohnviertel in Gaza.

Während Churchill sich seinem Bunker aufgehalten habe, "unter der Downing Street 10", hätten die Londoner Bürger schutzlos auf Bomben und Raketen gewartet. Auch damals habe "die deutsche Luftwaffe die Bürger von London dazu aufgerufen, die Stadt zu verlassen".