Das Konrad-Problem: Wohin mit dem Atommüll?

Das Konrad-Problem: Wohin mit dem Atommüll?
Alles dreht sich derzeit um den Neustart bei der Endlagersuche. Doch ein Jahr nach Fukushima ist noch völlig unklar, wie der Rückbau der stillgelegten Atommeiler ablaufen soll. Der Großteil des Materials soll in den Schacht Konrad - und der ist noch lange nicht fertig.

Fukushima brachte für tausende Mitarbeiter in acht deutschen Atomkraftwerken eine fundamentale Veränderung. Statt Strom zu produzieren, müssen sie sich um die jahrelange Abwicklung kümmern. Inzwischen wird überlegt, die Meiler in einen Dornröschenschlaf zu schicken. In der Fachsprache heißt das "Sicherer Einschluss".

"Wir würden einen direkten Rückbau bevorzugen", betont der Eon-Manager Ralf Güldner, der auch Präsident des Deutschen Atomforums ist. Doch alles hänge daran, wann Schacht Konrad in Salzgitter als Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle startbereit ist "und wann es Klarheit gibt zu den künftigen Einlagerungsbedingungen", sagt Güldner. Denn die erwarteten 29.000 Tonnen an hochradioaktiven Abfällen - das sind vor allem die Brennstoffe - sind nur der kleinste Teil. Den Großteil beim Rückbau macht schwach- und mittelradioaktiver Müll aus. Das dafür vorgesehene Endlager Schacht Konrad ist bisher für 303.000 Kubikmeter genehmigt.

Die Fehler von Asse und Morsleben nicht wiederholen

Das Problem: Statt wie früher gedacht 2014 wird Konrad nicht vor 2019 startbereit sein. Aber auch dieser Termin ist nicht sicher. Wenn der Müll ab 2019 tatsächlich in das Lager gebracht werden könnte, wäre der rasche Rückbau möglich. Dann könnte auch weiterhin die Fachkompetenz des vorhandenen Personals zu den Anlagen genutzt werden, betont Güldner. "Das wird mit der Zeit ja abnehmen."

Der Umbau des früheren Erzbergwerks zu einem Endlager wird voraussichtlich rund 1,6 Milliarden Euro kosten. So viel also, wie bisher in die Erkundung Gorlebens als mögliches Endlager für den hochradioaktiven Müll geflossen ist. Zu zahlen ist dies vor allem von den Abfallverursachern. Insgesamt haben die Energiekonzerne für den Rückbau und die Endlagerung 28 Milliarden Euro zurückgelegt. Pro Atomkraftwerk werden für Nachbetriebsphase, Rückbau und Endlagerung Kosten von mindestens einer Milliarde Euro veranschlagt. "Bei den Energieversorgern haben sich bereits größere Mengen schwach- und mittelaktiver Abfälle angesammelt, die auf eine Entsorgung in Konrad warten", sagt Atomforums-Präsident Güldner.

Doch immer wieder kam es zu Verzögerungen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) beklagt unrealistische Annahmen aus den 80er und 90er Jahren. Gründlichkeit müsse hier vor Schnelligkeit gehen, um Fehler wie bei den Lagern Asse und Morsleben nicht zu wiederholen, die für mehrere Milliarden Euro geräumt beziehungsweise verfüllt werden müssen.

Entsorgen statt verbergen

Das BfS und die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe (DBE) müssen vor allem die teils 20 Jahre alten Planungen dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technik anpassen - und zahlreiche Behördenauflagen abarbeiten. Zudem sollen Bürger umfassend eingebunden werden, um Ängste zu nehmen. Das Motto des BfS: "Wir haben etwas zu entsorgen, aber nichts zu verbergen."

Ein weiteres Problem: Keiner weiß, ob womöglich auch der Asse-Müll - sofern er geborgen werden kann - nach Konrad muss und die Genehmigung zur Einlagermenge erweitert werden müsste. In Salzgitter fürchtet man sich schon vor zahlreichen Atommülltransporten zum Schacht Konrad.

"Natürlich ist die rasche Betriebsbereitschaft von Konrad für einen Rückbau von Kernkraftwerken ganz, ganz wichtig", sagt eine RWE-Sprecherin. "Leider ist der Zeitplan in den vergangenen Jahren immer wieder nach hinten verschoben worden."

Zwischenlösung Zwischenlager?

Ist Konrad nicht bald betriebsbereit, müssen womöglich an den AKW neue oder größere Zwischenlager gebaut werden, wenn die Behörden auf einem schnellen Rückbau dringen. Michael Sailer, Vorsitzender der Entsorgungskommission, betont: "Man braucht weniger Zwischenlager, wenn Schacht Konrad planmäßig 2019 in Betrieb gehen kann." Dann könne der Rückbau in 15 Jahren pro Kernkraftwerk machbar sein. "Die Brennstofffreiheit kann nach fünf Jahren erreicht sein", sagt Sailer. "Es dauert dann bestimmt noch einmal zehn Jahre mit dem Rückbau."

Er geht trotz des ungelösten Konrad-Problems davon aus, dass es zum Rückbau kommen wird. "Sicherer Einschluss bedeutet ja nicht: Tür zu und Schluss", sagt Sailer. "Sondern das heißt: Alle bewegliche Radioaktivität raus und alle Brandlast raus." Jedes Kabel sei schon eine Brandlast. Letztlich müsse praktisch ohnehin die Hälfte eines Rückbaus gemacht werden. "Es wird sich bei der genaueren Analyse herausstellen, dass sich der sichere Einschluss nicht rentiert."

dpa