"Ich bin klein. Doch ich kann meine Größe leben"

"Ich bin klein. Doch ich kann meine Größe leben"
"Groß genug", so lautet in dieser Woche das Motto der evangelischen Fastenaktion "7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz". Auch mit einer Körpergröße von 126 Zentimetern kann eine erwachsene Frau "groß genug" sein: Sabine Popp aus Leimen bei Heidelberg ist kleinwüchsig.
08.02.2012
Von Anne Kampf

Als sie auf die Welt kam, sagte der Arzt: "Hoppla, da haben wir 'ne Kleine!" An der Diagnose bestand kein Zweifel: Achondroplasie. Das bedeutet, Arme und Beine sind im Verhältnis zu Oberkörper und Kopf zu kurz. Sabine Popp trägt braune Kinderschuhe in Größe 32, eine braunkarierte Hose, einen roten Pulli. Wenn sie am Tisch sitzt und die Hände in den Schoß gelegt hat, sieht die 48-jährige aus wie eine "Große". Braunes, kurzes, lockiges Haar, eine Brille. Dahinter Augen, die oft nachdenklich schauen, aber noch öfter zusammengekniffen werden, wenn Sabine Popp lacht. Und das tut sie oft.

Sabine Popp fährt Auto - und zwar ein erstaunlich großes. Der Fahrersitz und die Pedale sind für sie umgebaut worden.

Schon mit ihrer E-Mail zur Verabredung in Heidelberg kam eine gute Portion Selbstironie: "Ich hole Sie dann direkt am Gleis ab. Sie gehen einfach auf eine Frau mit 126 cm zu. Das dürfte ich dann sein." In der Tat, sie fällt auf, wie sie zwischen all den großen Menschen am Bahnsteig steht, und auch wie sie zum Ausgang marschiert. Die kurzen Beine können nicht ganz so schnell laufen, alle anderen Leute überholen uns. Sabine Popp meidet öffentliche Verkehrsmittel. Vor allem wegen der hastenden Menschenmassen in den Bahnhöfen, da hat sie Angst, überrannt zu werden. Sie fährt lieber Auto.

In dem großen dunklen BMW ist ein spezieller Fahrersitz eingebaut: Klein, schmal und mit kurzer Sitzfläche. Gas- und Bremspedal sind verlängert, ein doppelter Boden ist eingezogen, damit sie die Füße abstellen kann. Den Airbag auf der Fahrerseite hat sie stilllegen lassen. Der könnte ihr schräg von unten direkt ins Gesicht knallen. Sie hat von einer kleinwüchsigen Frau gehört, die durch den Airbag einen Genickbruch erlitt und starb. "Da hab ich einfach Schiss", bekennt Sabine Popp.

Die Leute sagen: "Sie haben doch auch ihr Päckle zu tragen"

Parken darf sie auf Rollstuhlfahrer-Parkplätzen. Nicht alle Kleinwüchsigen bekommen einen Ausweis dafür, nur die mit dem Vermerk "außergewöhnlich gehbehindert", und das ist Sabine Popp seit einem Schlaganfall im Jahr 1986. "Das rechte Bein kommt nicht so gut mit", erklärt sie, traut sich deswegen auch nicht so recht aufs Fahrrad. "Es ist 'ne Katastrophe, wenn mein Auto nicht da ist", sagt sie. Dann braucht sie - zu Fuß und mit der S-Bahn - eine Stunde für sieben Kilometer zur Arbeit.

[listbox:title=Kleinwuchs[In Deutschland gibt es schätzungsweise bis zu 100.000 kleinwüchsige Menschen.##Kleinwuchs kann Folge von Mangelernährung, Stoffwechseldefekten oder chronischen Krankheiten sein oder sogar psychosoziale Ursachen haben (mangelnde Zuwendung der Eltern). Andere Formen des Kleinwuchses sind hormonell oder genetisch bedingt.##Zu letzteren Ausprägungen zählt die Achondroplasie: Arme und Beine sind verkürzt, Rumpf und Kopf normal groß. Die Dysmelie, ebenfalls genetisch bedingt, zeichnet sich durch eine Fehlbildung der Extremitäten aus (Conterganschädigung ist eine Dysmelie).##Bis zu einer Körpergröße von 140 Zentimetern wird Kleinwuchs als Behinderung anerkannt.##Kleinwüchsige Menschen haben sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz in Bundesverbänden zusammengeschlossen, um gemeinsame Interessen nach außen zu vertreten und um einander bei der Bewältigung von Alltagsproblemen zu helfen. Die Verbände organisieren regelmäßige Treffen, Seminare und Reisen.]]

Sabine Popp hat Sozialarbeit studiert. Der Schlaganfall unterbrach das Studium für drei Jahre, doch sie brachte es zu Ende. Landete zum Praktikum im Heidelberger Selbsthilfebüro, das 280 Selbsthilfegruppen von "Adipositas" bis "Zwangserkrankungen" koordiniert. Eine Gruppe "Kleinwüchsige Menschen" gibt es auch. Der damalige Chef sagte nach dem Praktikum: "Eigentlich wär's ja geschickt, wenn eine Betroffene hier arbeiten würde." Sabine Popp bekam den Job. Sie berät Menschen, die Hilfe brauchen, vermittelt sie in passende Gruppen.

Im Büro fühlt sie sich wohl. Hier in der Arbeit ist sie groß - gerade weil sie klein ist. "Wenn wir zu zweit hier sitzen, ein Kollege und ich, dann krieg' ich schneller Kontakt. Die Leute sagen: Sie haben doch auch ihr Päckle zu tragen", erklärt sie ihren Vorteil. Oft, so erzählt Sabine Popp, ließen sich kranke, verzweifelte Menschen von ihr aufmuntern. Eine leukämiekranke Frau habe zum Beispiel neulich angerufen und gesagt: "Wenn's mir so schlecht geht, muss ich immer daran denken, wie Sie lachen."

Was zählt, ist der Blickwinkel

Die aktuelle Chefin hält viel von ihrer kleinen, großen Mitarbeiterin. Denn Sabine Popp sieht, was andere nicht sehen: "Wenn wir hier einen Praktikanten einstellen, dann ist es immer wichtig, was ich denke. Mir ist egal, ob er braune Augen hat oder welche Klamotten der trägt. Ich merke, wie der auf mich reagiert. Darauf verlässt sich meine Chefin, auf meinen Blickwinkel." Größe ist für die Sozialarbeiterin fachliche Größe, und die hängt ganz und gar nicht von der Zahl der Zentimeter ab.

Dennoch braucht Sabine Popp die Hilfe ihrer Kolleginnen. Wenn sie etwas aus dem Schrank braucht, das ganz oben liegt, oder wenn sie den großen quadratischen Besprechungstisch mit Tee und Keksen decken muss: "Da komm' ich nicht hin, es sei denn, ich klettere." Lachend demonstriert sie, was gemeint ist, krabbelt auf einen Stuhl und dann auf den großen Tisch. "Sehen Sie?" Es sieht witzig aus. Mit einer Teekanne in der Hand dürfte die Aktion tatsächlich schwierig sein.

Zuhause in Leimen bei Heidelberg hat Sabine Popp die Küche so eingerichtet, dass alles für sie gut zu erreichen ist. Arbeitsplatte, Herd und Spüle sind tiefergelegt. Das Badezimmer dagegen sieht ganz normal aus - erstaunlich. Nur der Duschkopf hängt am unteren Ende der Stange, der Rest ist normal groß: die Toilette, das Waschbecken. Sabine Popp demonstriert, wie sie mit den Händen den Wasserhahn erreicht, "Naja, manchmal läuft Wasser in die Ärmel", aber sonst: Groß genug!

Groß genug für ein Praktikum im Kindergarten

Auch der Esstisch und die Stühle im Esszimmer sind normal hoch – logisch, denn wenn sie Gäste einlädt, sind das ja fast immer große Menschen. Auch ihr Bett hat Standardlänge. "In einem kleinen würd' ich mich ja klein fühlen", meint Sabine Popp. Die Beine des Schreibtisches dagegen sind unten abgesägt, und davor steht ein winziges altes Holzstühlchen: Das hat ihr der Großvater gezimmert, als sie fünf Jahre alt war. Der Stuhl tut es immer noch, fast ist er sogar ein bisschen zu klein für sie.

Als Sabine Popp fünf Jahre alt war, zimmerte der Opa ein Stühlchen für sie. Es dient ihr heute noch als Schreibtischstuhl.

Mit ihren 126 Zentimetern ist Sabine Popp so groß wie ein sechsjähriges Kind. Sie kauft Schuhe und Hosen in der Kinderabteilung, benutzt im Supermarkt die Kinder-Einkaufswagen mit den bunten Fähnchen, "da bin ich immer so glücklich, wenn es die gibt!" Oft wird sie von Kindern besonders wahrgenommen, die wundern sich bei ihrem Anblick und fragen ihre Mütter: "Mama, was ist das denn? Eine Mama? Eine Oma?" Sabine Popp geht darauf ein und erklärt, dass sie eine Frau ist, nur eben eine kleine. 

Bei einem Praktikum im Kindergarten hatte sie zu kämpfen: "Wir haben Fangen gespielt und manche hab ich nicht gekriegt", erzählt Sabine Popp, halb beschämt, halb schmunzelnd. Wie verschafft man sich Autorität, wenn die Kinder sagen: "Du bist genauso groß wie ich, du übernimmst das Kommando nicht"? Kinder denken eben in den Kategorien "groß" und "klein", weil sie Sätze gesagt bekommen wie: "Erst wenn du groß bist, darfst du Fernsehen gucken…" Sabine Popp fand argumentierte gegenüber den Kindern: "Ich bin länger auf der Welt als du und habe Abitur." Nach zwei Wochen war sie in der Gruppe als Autoritätsperson akzeptiert. Groß genug!

Das einzige, was sie als Große täte: Motorradfahren

"Groß und klein", das ist immer relativ. Mit den Kindern war Sabine Popp buchstäblich "auf Augenhöhe", aber trotzdem - innerlich - größer. Mit dieser Einstellung klappt auch der Umgang mit blöden Sprüchen, die sie sich gelegentlich von Jugend-Cliquen der Straße anhören muss - wegen ihres ungewöhnlichen Erscheinungsbildes. Auf Bemerkungen über ihre kurzen Beine erwidert Sabine Popp nichts, sondern geht weiter und denkt sich: "Meine Güte, seid ihr klein!"

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Doch bei aller inneren Größe fühlt sie sich manchmal doch klein. Nämlich dann, wenn sehr viele große Menschen um sie herum sind. Sabine Popp geht nicht in Fußballstadien, nicht in große Konzerte und nicht in die Disco. "Die Leute hopsen um mich herum, und plötzlich lieg' ich da unten drunter…" Außerdem fährt sie nicht Motorrad, obwohl sie das bei ihrem Vater, einem Fahrlehrer, hätte lernen können. "Das wär' das einzige was ich anders machen tät', wenn ich groß wär'", träumt Sabine Popp. "Aber ich hab das Ding nicht so in der Gewalt wie ein Großer."

So zieht sie ihre Grenzen, schätzt ihre Möglichkeiten mit 126 Zentimetern Körpergröße realistisch ein und meidet Gefahren. Die Frage ist immer: "Bin ich da noch Herrin der Situation?" Wenn nicht, dann lässt sie's besser bleiben. "Dann fühle ich mich nicht groß genug. Aber das ist okay. Ich bin klein - aber nur in der Situation. Das heißt nicht generell, dass ich zu klein bin. Ich bin groß!" stellt Sabine Popp fest - denkt einen Moment lang nach und drückt es dann so aus: "Ich kann meine Größe leben."


Anne Kampf ist Redakteurin bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Gesellschaft.