Autismus: Herr Caspers, das Superhirn

Ein Würfel liegt auf einer Computertastatur. Auf dem Würfel ist ein durchsichtiger Kopf mit Gehirn zu sehen.

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"Autworker" in Hamburg hilft Superhirnen wie Marc Caspers und anderen Autisten mit dem Asperger-Syndrom, was eine leichtere Form des Autismus ist.

Autismus: Herr Caspers, das Superhirn
428 Bewerbungen schrieb Marc Caspers - und bekam 428 Absagen. Der Grund: Er ist Autist. Bis er das Hamburger Unternehmen Autworker kennenlernte. Das unterstützt Autisten darin, Arbeit zu finden und im Berufsalltag besser zurechtzukommen. Die Berater kennen sich mit den Sorgen ihrer Klienten gut aus: Sie sind selbst Autisten.

"Spätestens nach der 80. Bewerbung dachte ich mir, du wirst kämpfen müssen", erinnert sich Marc Caspers. "Vielleicht werde ich 200 Mappen oder mehr verschicken müssen." Nach zwei Jahren waren es 428. Zu 40 Gesprächen wurde der heute 32-jährige Gütersloher immerhin eingeladen. Doch nie bekam er den Job. Er ist ein Ass im Kopfrechnen. Als Erstklässler hatte er Eltern und Lehrer damit verblüfft, dass er etliche Tier- und Pflanzennamen auf Latein aufzählte. Als er 30 wurde, zahlte der Vater noch immer seine Miete.

Bis zum Abitur war alles nach Plan verlaufen. Doch das Geschichts- und Germanistikstudium bereitete ihm Probleme. Er fand es schwer, sich an der Universität selbst zu organisieren. Verstand oft nicht, worüber die anderen Studenten lachten. Geriet er in Stress, krampften seine Hände, so dass ihm das Tippen schwer fiel. Nach sechs Semestern brach er ab.

Als Praktikant sollte Caspers Fotos von Soldaten aus den Dreißiger- und Vierzigerjahren in einem Archiv erfassen. Um ihre Einheiten und Dienstgrade zu bestimmen, besorgte er sich eine Liste aller Uniformen aus der Zeit des zweiten Weltkriegs. Die glich er gewissenhaft mit den Archivfotos ab. Sein Chef zeigte für seine Akribie wenig Verständnis: "Das ist ja ganz schön", sagte der, "aber es muss auch was weggearbeitet werden."

"Autisten haben es schwer, Arbeit zu finden"

Sein Hausarzt brachte Caspers vor knapp fünf Jahren auf die Idee, sich auf Autismus testen zu lassen. Die Diagnose: Er hat das Asperger-Syndrom, einfach ausgedrückt ist das eine leichtere Form des Autismus.

Informationsbroschüre für Vorgesetzte und Kollegen für die Zusamnearbeit mit autistischen Menschen am Arbeitsplatz gibt es zum download bei Autworker in Hamburg.

"Autisten haben es schwer, Arbeit zu finden", erklärt Martina Munzel in ihrem Büro in Hamburg-Altona, das sie sich mit drei Kollegen teilt. Zusammen leiten sie das genossenschaftlich geführte Unternehmen Autworker eG, das Autisten fit machen will für Bewerbungen, und sie bei beruflichen Problemen berät. Alle Autworker sind selbst Autisten und kennen die Probleme ihrer Klienten aus eigener Erfahrung.

"Schon im Bewerbungsgespräch geraten Autisten oft ins Schlingern", erklärt die 55-jährige Munzel. "Wir wirken auf viele unhöflich, weil es uns schwer fällt, Emotionen zu zeigen" – "...und wir sind zu ehrlich", ergänzt ihr 40-jähriger Kollege Marco Antons. Munzel erläutert, was das konkret heißen kann: "Viele Nicht-Autisten würde nach einem Programmierkurs behaupten: 'Ich kann programmieren.' Ein Autist würde sagen: 'Ich habe da mal einen Kurs besucht und einen ersten Eindruck gewonnen.' Das entspricht zwar der Realität, bringt ihn aber nicht weiter."

"Autisten werden vor allem über ihre Schwächen definiert"

Nur wenige Arbeitgeber wissen, dass es sich für sie sehr lohnen kann, über solche vermeintlichen Mängel hinwegzusehen. Denn Autisten bringen neben ihren Schwächen oft besondere Stärken mit: Sie tun mit Hingabe Dinge, die die meisten Nicht-Autisten als Quälerei empfinden würden. "Den Code einer Software Korrektur lesen", führt Autworker Lars Hoppe als Beispiel an. "Mehrere Millionen Zeilen auf winzige Fehler zu überprüfen, fänden die meisten Menschen ermüdend. Einem Autisten kann das richtig Spaß machen", so der 37-Jährige. "Ein Traumjob wäre es auch für so manchen, geschredderte Stasi-Dokumente für die Birthler-Behörde wieder zusammenzusetzen."

Als der heutige Vorstandsvorsitzende Hajo Seng gemeinsam mit neun weiteren Genossenschaftlern vor knapp zwei Jahren die Autworker eG gründete, hatten sie eine Arbeitsvermittlung im Sinn, die Autisten und Arbeitgeber miteinander in Kontakt bringt. Ihr Vorbild war das dänische Unternehmen Specialisterne ("Die Spezialisten"), das bereits seit Jahren erfolgreich Autisten in Arbeit vermittelt.

"Doch noch sind wir zu klein, haben zu wenig Interessenten auf beiden Seiten und keine Treffer", sagt Marco Antons. Genug zu tun haben er und seine Kollegen dennoch: In ganz Deutschland halten sie Vorträge zum Thema Autismus und Arbeit. Sie bieten Workshops an, in denen Autisten herausfinden können, wo ihre speziellen Fähigkeiten liegen. "Viele", so Antons, "sind wenig selbstbewusst und wissen gar nicht, was sie alles können. Seit frühester Kindheit werden Autisten oft vor allem über ihre Schwächen definiert."

Superhirn statt Computer

Im Jahr 2010, nach Bewerbung Nummer 428, war Marc Caspers frustriert und enttäuscht. Da erfuhr er auf einer Autismus-Tagung von Autworker, reiste zu einem der Workshops in Hamburg und begegnete dort rund einem Dutzend Leute, denen es ähnlich ging wie ihm. Einen halben Tag lang tauschten sie sich über ihre Vorlieben, Stärken und Schwächen aus und überlegten, wie der Job aussehen würde, den sie am liebsten finden würden.

"Ich kam gestärkt aus Hamburg zurück", erinnert sich Caspers. Mit der Erkenntnis, dass er nicht allein war. Und dem festen Willen, es noch einmal zu probieren: Im Archiv des Landmaschinenherstellers Claas, wo er früher schon mal zwei Praktika absolviert hatte. Es klappte: Erst bekam er eine Stelle für ein halbes Jahr, dann stellte ihn das Unternehmen unbefristet ein.

Seit zwei Jahren archiviert er nun schon für die Unternehmensgruppe Akten, Verträge, Betriebsanleitungen und Ersatzteillisten. Egal aus welcher Abteilung die Anfrage kommt, Caspers weiß oft auch ohne einen Blick in die Kartei zu werfen, wo das gesuchte Dokument liegt. Die Kollegen sagen: "Wozu brauchen wir hier eigentlich einen Computer, wenn wir das Superhirn von Herrn Caspers haben?"

Seine Miete zahlt Caspers endlich selbst.

Dieser Text erschien erstmals am 1. Februar 2012 auf evagelisch.de.


Sara Mously ist Diplompsychologin und freie Journalistin in Hamburg.