Gorleben-Gebet: Seelsorge im Castor-Wald

Gorleben-Gebet: Seelsorge im Castor-Wald
Die Andacht unweit des Endlager-Erkundungsbergwerkes gehört seit 22 Jahren Sonntag für Sonntag zum festen Repertoire des Widerstandes im Wendland. Doch viele Demonstranten wissen gar nicht, dass und wo diese ökumenische Protestversammlung überhaupt stattfindet.

Wo bitte geht’s zum Gorleben-Gebet? Fragt man danach auf der rund 20 km langen Strecke zwischen dem Verladebahnhof Dannenberg und dem Zwischenlager, so wissen viele Demonstranten gar nicht, dass und wo diese ökumenische Protestversammlung überhaupt stattfindet. Das ist verwunderlich, gehört die Andacht unweit des Endlager-Erkundungsbergwerkes seit 22 Jahren Sonntag für Sonntag zum festen Repertoire des Widerstandes im Wendland. Immerhin, einige heimische Polizisten wissen dann doch, wo gebetet wird.

Gottesdienst unter widrigsten Umständen

Nur von der Gorlebener Kirche aus muss man über eine halbe Stunde dorthin laufen, wenn man denn durchgelassen wird. Die Straße zum Zwischenlager ist für alle Fahrzeuge gesperrt. Letztlich bleibt nur der Fußmarsch durch den Wald. Ortskundige haben allerdings gleich die Straße hinten herum über Gedelitz oder Trebel genommen, wenn sie denn frei ist. Immer wieder kommt es zu spontanen Sitzblockaden der Castor-Gegner. Auch die Polizei hat überall Straßensperren aufgebaut und läßt die Menschen nur nach Prüfung ihrer Personalien durch, wenn überhaupt. Gottesdienst unter widrigsten Umständen also.

Dennoch haben es rund 150 Frauen und Männer zu den drei Kreuzen mitten im Wald geschafft. Das Pfarrer-Ehepaar Nadia und Stefan El Karsheh (der Name kommt von Nadias Vater, einem palästinensischen Christen) betet gemeinsam mit den Demonstranten und spricht ihnen Gottes Segen zu. Beide sind sich einig, dass sie hier genau am richtigen Platz sind: Die Zeiten, als Pfarrer mit Talar und Kreuz in vorderster Protestlinie gegen Wasserwerfer angingen, seien vorbei, da auch die innerkirchliche Diskussion zur Atomkraft längst vorbei sei, sagt Stefan El Karsheh. "Die Kirche hat sich längst klar gegen die Kernkraft positioniert. Jetzt ist es wichtig hier am Rande des Zwischenlagers einen Ort zu bieten, an dem die Menschen Ruhe und Kraft finden können", sagt der Pfarrer.

Kirchliche Konfliktlotsen wirken deeskalierend

Selbst bei der Andacht tragen die beiden Theologen keinen Talar, sondern wetterfeste Kleidung, darüber eine weiß leuchtende Weste, auf der schwarz "Seelsorge" steht. Sie sind Teil der kirchlichen Interventionsteams, die seit Jahren die Castor-Transporte begleiten und versuchen, deeskalierend zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln.

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"Also, es gab schon Situationen, dass eine Einheit unverhältnismäßig brutal eine Sitzblockade geräumt hat. Wir haben dann als kirchliche Konfliktlotsen bei der Einsatzleitung protestiert und die Polizeieinheit wurde anschließend ausgetauscht. Insofern hört man schon auf uns", sagt der Pfarrer aus dem Wendland.

In diesem Jahr sind gut 60 Seelsorger beim Castor-Transport im Einsatz, auch um anschließend Berichte über die Polizeieinsätze zu schreiben. Diese gelten seit Jahren als besonders objektiv und werden nicht selten auch bei Gerichtsverfahren herangezogen. War der Wasserwerfer- oder Schlagstockeinsatz gerechtfertigt oder nicht? Im Zweifelsfall werden die Konfliktlotsen auch als Zeugen geladen.

"Die Polizei besteht nicht nur aus Friedensengeln"

Unter den Betenden beim Gorleben-Gebet sticht ein Mann besonders hervor. Er trägt Uniform mit roter Weste, darauf steht "Polizei Konfliktmanagement". Sein Dienst habe noch gar nicht angefangen, sagt Polizist Klaus Fritzenmeier, er komme gerne und freiwillig zum Gebet, weil er sich hier als Christ unter Christen wohl fühle. Die Dienstwaffe lässt er dabei aber bei seinem Kollegen im Wagen. Auch er versucht, Frieden zu stiften, wenn auch unabhängig von den Pastoren.

"Gerade die Christen mit ihren friedlichen und phantasievollen Protesten haben in den letzten Jahrzehnten sehr viel erreicht. Wir als Polizei greifen halt nur durch, wenn wir angegriffen werden", sagt der Beamte. Erst auf mehrmalige Nachfrage gibt er zu, dass seine Kollegen nicht nur aus Friedensengeln bestehen. Und dass bis heute übergriffige Beamte wie alle Polizisten beim Gorleben-Einsatz weder ein Namensschild noch eine Kenn-Nummer tragen, so dass Demonstranten nie wissen, wen sie denn anzeigen sollen, wenn sie angegriffen wurden.

"Das ist ein Problem. Wenn es zu Rechtsverletzungen durch Polizisten kommt, dann sollten betroffene Bürger versuchen, sich Zeugen zu suchen. Da wir so wenige sind, ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass gerade ein Konfliktlöser in der Nähe ist. Und dann kann man noch versuchen, die Einsatzleitung zu informieren", rät der Polizist aus Diepholz.

Lebendiger Widerstand gegen Gorleben

Dass nun nach dem politischen Atomkonsens nur noch Chaoten und Berufsdemonstranten nach Gorleben kommen, sehen weder die staatlichen noch die kirchlichen Konfliktlotsen so. Denn trotz politisch ausgehandeltem Atomausstieg seien einfach noch viel zu viele Punkte ungeklärt. Wo soll nun das Endlager stehen? Viele haben Angst, dass in Gorleben schon längst Fakten geschaffen werden. Sind die Castoren erst einmal da, werden sie wohl auch so schnell nicht wieder abtransportiert. Dabei ist Gorleben als geologischer Standort für die Endlagerung gar nicht unbedingt geeignet - auch diese Diskussion ist noch nicht beendet.

Außerdem sorgen sich die Menschen um die Strahlung aus dem Zwischenlager. Wie hoch sind die jüngsten Strahlenwerte der hier gelagerten Castoren? "Wir glauben nicht, dass die offiziellen Zahlen stimmen. Die neueste Studie des Landesgesundheitsamtes besagt, dass in der Nähe von Atomanlagen die Relation der Geburten von Jungen und Mädchen signifikant ins Ungleichgewicht gerät. Das sind vor allem viele junge Menschen, die hier Fragen stellen und beunruhigt sind. Das läßt sich hier in einem sehr lebendigen Widerstand spüren", sagt Pfarrerin Nadia El Karsheh.

"Jetzt weiß ich endlich, wozu ich Kirchensteuer zahle"

Und dann müssen die beiden Pfarrer nach dem Gottesdienst im Freien wieder zu ihrem Teameinsatz. Auf ihrem Weg werden sie wie schon am Morgen zur Gefangenensammelstelle nach Lüchow oder zu den mobilen Polizei-Wagenburgen irgendwo in den Wäldern fahren, wo Blockierer so lange festgehalten werden, bis der Castor weiter rollt und der Richter sie wieder frei läßt. Die Pfarrer haben als eine der wenigen von außen ungehinderten Zugang zu den Festgesetzten.

Sie können dort Trost spenden, wichtige Nachrichten weiterreichen und vor allem versuchen, dafür zu sorgen, dass auch hier der Umgang mit den Gefangenen mit Augenmaß und menschenwürdig vonstatten geht. Die Festgenommenen schätzen diesen Dienst, berichtet Pfarrer Stefan El Karsheh: "Heute sagte mir einer, als ich aus der Gefangenensammelstelle herauskam: Wenn ich Euch hier erlebe, dann weiß ich endlich wieder, wozu ich Kirchensteuer bezahlt habe."


Thomas Klatt ist freier Autor in Berlin.