Libyen: Der Krieg um Europas Öl

Libyen: Der Krieg um Europas Öl
Europa hat sich mit wehenden Fahnen in den Konflikt in Nordafrika gestürzt. Der Grund liegt auf der Hand: Öl. Der in der Cyrenaica und Tripolitanien, in Fessan und im Mittelmeer geförderte Energierohstoff fließt nahezu vollständig in die EU. Und so ist der Bürgerkrieg in Libyen auch ein Krieg um Öl, das sich Europa weiterhin sichern will. Auch Deutschland spielte im Gaddafi-Monopoly mit.

Angesichts des Vormarschs der Aufständischen in Libyen gab der Ölpreis in dieser Woche deutlich nach. Es mag gute politische und vielleicht sogar moralische Gründe geben für die militärische Unterstützung der Rebellen durch Europäische Union und Nato. Es fällt jedoch auf, dass es vor allem Frankreich, Italien und andere westeuropäische Länder waren, die sich mit wehenden Fahnen in den Konflikt in Nordafrika stürzten. Das Ungestüm erklären dürfte ein einziger wirtschaftlicher Grund: Öl. Der in der Cyrenaica und Tripolitanien, in Fessan und im Mittelmeer geförderte Energierohstoff fließt nahezu vollständig in die EU. Der Bürgerkrieg in Libyen ist so auch ein Krieg um Öl, das sich Europa weiterhin sichern will.

Vor den Auseinandersetzungen im Lande wurden in Libyen täglich 1,6 Millionen Barrel Öl gefördert. Was allerdings nur zwei Prozent der globalen Erdölförderung ausmachte. Abnehmer des libyschen Öls war aber zu etwa 90 Prozent Europa. Österreich und die frühere Kolonialmacht Italien deckten ein Fünftel ihres Importbedarfes mit Gaddafis Öl, und Frankreichs Ölmulti Total machte lange gute Geschäfte mit Tripolis. Libyen wiederum hält unter anderem Beteiligungen am italienischen staatsnahen Energiekonzern Eni ("Agip").

RWE verfügt in Libyen eine ausbeutbare Konzessionsfläche, die größer ist als NRW

Auch Deutschland spielte im Gaddafi-Monopoly mit. Libyen war bis zur Krise dessen viertgrößter Erdöllieferant und deutsche Konzerne sind in Libyen seit langem aktiv. So machte der größte deutsche Erdöl- und Erdgasproduzent Wintershall schon vor Gaddafis Militärputsch im Jahre 1969 Geschäfte mit Tripolis. Bereits ein Jahrzehnt zuvor hatte die BASF-Tochtergesellschaft begonnen, Erdöl im Wüstenstaat zu fördern und zu verarbeiten. Seither wurden laut Firmenangaben über 150 Bohrungen abgeteuft und mehr als zwei Milliarden US-Dollar in Libyen investiert. Vor fünf Jahren gab es dann von Gaddafi den Zuschlag für ein weiteres Explorationsgebiet im Südosten des Staates, dessen Fläche fünf Mal so groß ist wie die Deutschlands. Indem aber nur fünf Millionen Einheimische leben. Dazu kommen zwischen Tripolis und Tobruk an der Grenze zu Ägypten angeblich fast zwei Millionen Ausländer, die für die Ölindustrie arbeiten.

Die Kontakte zischen BASF-Wintershalls und Gaddafi-Regime sind eng. Wintershall betreibt heute acht Ölfelder in der libyschen Wüste. An diesen Projekten ist die russische Gazprom zu 49 Prozent beteiligt. Im Mittelmeer vor der Küste des Landes fördert Wintershall außerdem in einem Konsortium mit der staatlichen libyschen National Oil Corporation (NOC) und der französischen Total aus dem Offshore-Feld "Al Jurf" im ökologisch labilen Mittelmeer. Auch BP, die italienische Eni und andere Multis sind vor der Küste Tripolis dabei, Öl und Gas zu fördern - nur dreihundert Kilometer entfernt von EU-Mitglied Malta. Aktiv ist seit 2003 auch RWE Dea. Mit insgesamt sieben Konzessionen von der libyschen Ölgesellschaft NOC verfügt der deutsche Energie-Riese über eine ausbeutbare Konzessionsfläche, die größer ist als Nordrhein-Westfalen.

Spektakuläre militärische Aktion der Bundesrepublik in Libyen

Als sich die Lage in Libyen im Spätwinter zugespitzt hatte, kam es zu einer spektakulären militärischen Aktion der Bundesrepublik. Am helllichten Tag landente zwei graue Transall-Maschinen der Bundeswehr mitten in der libyschen Wüste. Die Soldaten an Bord evakuieren 200 Deutsche und EU-Bürger aus einem Camp der Wintershall und flogen sie nach Kreta aus. In Berlin war die Entscheidung für die Mission an einem Freitagabend Ende Februar gefallen, nachdem immer mehr Europäer in das vergleichsweise komfortable Wintershall-Wüstenlager geflüchtet waren. Es besitzt eine eigene Landebahn. Fast 400 "lokale Mitarbeiter" überwachen seither die weiträumige Hochtechnologie-Anlage. Die Ölförderung wurde laut Firmenangaben damals eingestellt: "Wintershall hat die Erdölproduktion in der libyschen Wüste aus Sicherheitsgründen heruntergefahren und sicher eingeschlossen."

Selbst bei einem baldigen Sieg der Rebellen dürften noch mindestens Monate vergehen, bis die Förderung wieder auf Vorkrisenniveau ankommt. "Dabei wird vieles davon abhängen, in was für einem Ausmaß die Ölförderanlagen durch den Konflikt beschädigt wurden", sagt Leon Leschus, Energieexperte des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitutes (HWWI). Trotzdem dürfte Heizöl, Benzin und Diesel zwischen Füssen und Flensburg nicht knapp werden. Die "Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Jamahirija" war mit einem Marktanteil von rund zehn Prozent zwar viertgrößter Erdöllieferant Deutschlands, doch Leschus warnt vor Schwarzmalerei. "Selbst ein langfristiger Ausfall von Libyen wäre verkraftbar, weil Deutschland Rohöl auch von vielen anderen Ländern bezieht." Andere Förderländer hatten den fast Total-Ausfall Libyens ausgenutzt. "Besonders Saudi Arabien hat seine Förderung kräftig ausgedehnt", beobachtet Leschus. Nach einem Ende der Kämpfe könnte sich das weltweite Ölangebot erhöhen und zu sinkenden Preisen führen.