Merkels Gegenwart und Kohls Vergangenheit

Merkels Gegenwart und Kohls Vergangenheit
Der Name ist die Nachricht. Helmut Kohl hat sich mitgeteilt. Der Altkanzler, der Kanzler der Einheit, der Europäer, der CDU-Übervater, der 81-Jährige. Er hat die ihm nachfolgenden Bundesregierungen kritisiert. Der Groll des Christdemokraten über Rot-Grün dürfte in der Natur der Politik liegen. Interessant ist, was er über die schwarz-gelbe Regierung unter Angela Merkel sagt. Kohls Verhältnis zu ihr, die in der Spendenaffäre 1999 die CDU von ihm emanzipierte, gilt als irreparabel zerstört.

Deutschland sei schon seit einigen Jahren keine berechenbare Größe mehr, bilanziert der Kanzler der Jahre 1982 bis 1998 nun. Ein Frontalangriff auf Merkel und Außenminister Guido Westerwelle (FDP). Viele Medien berichten breit über Kohls Gedanken und Bedenken. Und was sagt die CDU dazu? Sie schweigt.

Die zahlreiche Reaktionen aus Partei und Fraktion, die emotionalen Wortmeldungen, das Für und Wider - dies alles dreht sich um den Euro und seine Rettung. "Kohl ist kein Thema", heißt es aus der Fraktion. Öffentlich für ihn äußert sich zunächst nur der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder. Er würde Kohls Einlassungen nicht einfach beiseite wischen, mahnt er am Donnerstag im Deutschlandfunk. Ein anderer CDU-Mann sagt, Mißfelder sei einer der letzten Kohlianer.

Zweifel an Echtheit des Interviews

Kohls Kritik ist abgedruckt in der September-Ausgabe der Zeitschrift "Internationale Politik". Es ist ein langes Interview mit vielen Fragen und Antworten. Wer jüngst sah, wie gesundheitlich angeschlagen der im Rollstuhl sitzende Mann ist, fragt sich, wie er ein solch ausführliches Interview führt. Bei einer Preisverleihung der American Academy an ihn im Mai in Berlin sprach er bei einem kurzen Auftritt mit schwerer Stimme und teilweise schlecht verständlich. Vor einigen Jahren war er gestürzt und erlitt eine Kopfverletzung. Manche sprechen von einem Schlaganfall.

Andere Zeiten: Merkel und Kohl vor fast 20 Jahren, beim CDU-Parteitag im Dezember 1991 in Dresden. Damals war sie Bundesfrauenministerin, er Bundeskanzler und auf dem Höhepunkt seiner Macht. Foto: dpa / Michael Jung

Das Interview wurde schriftlich geführt, sagt einer der Redakteure, Joachim Staron. So schreibt also Kohl: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht alles verspielen." Und: "Wenn man keinen Kompass hat, wenn man also nicht weiß, wo man steht und wo man hin will, und daraus abgeleitet dann entsprechend auch keinen Führungs- und Gestaltungswillen (hat), dann hängt man auch nicht an dem, was wir unter Kontinuitäten deutscher Außenpolitik verstehen, ganz einfach weil man keinen Sinn dafür hat."

Die Idee des Gesprächs habe die Zeitschrift schon im Frühjahr gehabt, sagt Staron. Eingereicht wurden die Fragen vor Wochen. Die Antworten gingen am 10. August ein, sagt Staron. Kohl hatte viel Zeit für den Text. So sieht es ein wenig mehr nach Zufall als nach konzertierter Aktion aus, dass sich die Kritik am Kurs der Merkel-Regierung in dieser Woche mit ihm, Bundespräsident Christian Wulff und einigen CDU-Abgeordneten so ballte.

Der fehlende Kompass

Merkel ohne Kompass. Das wird ihr mehrfach vorgeworfen. Vor allem von der Opposition. Die SPD beklatscht Kohls Merkel-Schelte. Es sei eben falsch gewesen, beim NATO-Einsatz in Libyen nicht mitzumachen und die westlichen Bündnispartner damit vor den Kopf zu stoßen. Im Ausland hat die Kanzlerin mehr Anerkennung. Gerade hat das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» sie dieses Jahr erneut zur mächtigsten Frau der Welt erklärt. Von 2006 bis 2009 hatte sie viermal hintereinander diesen Spitzenplatz der "Forbes"-Liste der 100 Frauen mit dem größten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einfluss. Auf Platz 2 steht derzeit US-Außenministerin Hillary Clinton.

Merkel reagiert auf Kohl. "Jede Zeit hat ihre spezifischen Herausforderungen", sagt sie der "Süddeutschen Zeitung". Sie zollt Kohl erneut Respekt für die Deutsche Einheit. Viele Mitglieder in ihrer Partei halten die Eurokrise, die Gefahr durch hochverschuldete Euro-Länder und die Macht der Finanzmärkte aber für komplizierter als die Wiedervereinigung. Weil 17 Regierungen und Parlamente mitentschieden und dennoch Ansprechpartner fehlten. Weil alles viel schneller, viel mehr und viel unübersichtlicher geworden sei.

Merkel sagt: "Die christlich-liberale Bundesregierung arbeitet daran, die Herausforderungen unserer Zeit zusammen mit unseren Partnern in Europa und der Welt entschlossen zu meistern." Das ist ihr Hieb gegen Kohl: Sie, die Kanzlerin der Gegenwart - er, ein Mann der Vergangenheit.

dpa