Moscheen: Von Hinterhöfen und goldenen Kuppeln

Moscheen: Von Hinterhöfen und goldenen Kuppeln
Klar: Christen beten in einer Kirche, Muslime in einer Moschee. Aber warum gibt es bei Muslimen Gebetsräume in Lagerhallen und Hinterhöfen? Und was genau macht dann eine Moschee zur Moschee? Rauf Ceylan, Professor für Islamwissenschaft an der Uni Osnabrück, weiß die Antworten. Zum Ende des Ramadan blickt evangelisch.de auf die Moschee an sich.

Wer an Moscheen denkt, hat vor seinem inneren Auge beeindruckende, repräsentative Bauten – manche mit Minarett und goldener Kuppel, mit kostbaren Kalligrafien, geschaffen für hunderte Gläubige. Aber es gibt auch die anderen: in Hinterhöfen, in privaten Zimmern und in Lagerhallen, schlicht, einfach, funktional. 2.500 Moschee-Gemeinden gibt es in Deutschland und damit auch 2.500 unterschiedliche Moscheen. Warum aber beten Muslime an so unterschiedlichen Orten? Und was macht eine Moschee zur Moschee?

"Wir haben euch die Erde zu euerer Gebetsstätte gemacht, heißt es im Koran. Das bedeutet: Jeder Raum, jeder Fleck Erde kann zum Beten genutzt werden", sagt Rauf Ceylan, Professor für Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Islamische Religionspädagogik an der Uni Osnabrück. Also kann auch jeder Raum zur Moschee, arabisch masjid – Ort der Niederwerfung - werden.

Natürlich gibt es trotzdem Rituale, die eingehalten werden müssen. "Dazu gehören das Ausrichten des Gebetsteppichs nach Mekka, nach Osten, und die rituelle Waschung zuvor." Außerdem müsse die Erde sauber, also nicht durch Blut oder Urin verunreinigt worden sein. Und das Gebet dürfe sonst niemanden stören.

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Grundsätzlich gilt jedoch: "Ein Muslim kann überall beten, ohne viel Schnick-Schnack. "Moscheen "sind keine rein sakralen Einrichtungen, sondern üben parallel eine profane Funktion aus", schreibt Ceylan in einem Text. Wichtig ist das Versammeln können, das gemeinsame Beten, vor allem am Freitag. Darüber hinaus ist eine Moschee aber noch mehr – Begegnungsstätte, ein Ort zum Feiern oder eine Übernachtungsmöglichkeit für Wanderer. Ceylan: "Sie ist kein heiliger Ort."

"Alle anderen Moscheen sind Filialen der Kaaba"

Zu Beginn waren Moscheen sehr einfach, sehr funktional", erklärt Ceylan. Erst mit der Expansion des Islam wurden lokale Traditionen aufgenommen, darunter auch Einflüsse des Christentums, wie beispielsweise die goldene Kuppel der Hagia Sofia in Istanbul. Das Minarett wiederum ist eine architektonisch-kulturelle Entwicklung aus Nordafrika – das es zuvor nicht gab. "Im Grunde ist die Kaaba (im Innenhof der Al-Haram-Moschee in Mekka in Saudi-Arabien), erbaut von Abraham, der Ur-Prototyp der Moschee. Alle anderen Moscheen sind Filialen. Und für diese Filialen gibt es keine Vorgaben, wie sie auszusehen haben", sagt Ceylan.

Jeder Raum kann zur Moschee, arabisch masjid – Ort der Niederwerfung werden - auch eine Moschee auf Rädern. Foto: epd-bild/Dieter Sell

Eine Vorgabe ist jedoch: Es muss eine Kanzel geben. Der Imam muss nach oben steigen können, um zur Gemeinde sprechen zu können. Und: Die Gebetsrichtung muss nach Mekka ausgerichtet sein, also zeigt jede Moschee nach Osten. In einer Moschee wird es niemals Bilder der Propheten geben, denn im Islam gibt es ein Bildverbot. Das beziehe sich nicht auf die Kunst, sagt Ceylan, sondern auf die bildliche Darstellung Mohammeds und anderer Propheten.

Dahinter steht die Furcht, dass ein Mensch vergöttert werden könnte. "Ein Mensch ist ein Mensch. Nicht mehr, nicht weniger", sagt Ceylan. Das gilt auch für Propheten. Weil Bilder verboten sind, haben sich Muslime auf die Kunst der Kalligrafie verlegt. In jeder Moschee gibt es die kalligrafische Darstellung der prophetischen Namen. Warum ein Muslim also in eine Moschee geht? "Es ist eine schöne Atmosphäre, dort zu beten."

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Dass sich die Moschee auch in Deutschland vom privaten Gebetsraum zum mächtigen Bau entwickelt hat, liegt an der Sozialisierung des Islams. Erst als sich abzeichnete, dass die Gastarbeiter gar nicht als Gäste nach Deutschland gekommen waren, sondern bleiben würden, entwickelten sich auch die muslimischen Gemeinden weiter. Dass in Deutschland mehr und mehr Moschee-Neubauten entstehen – wie in Köln-Ehrenfeld oder vor einigen Jahren in Duisburg Marxloh – bedeutet: Der Islam ist ein Stück weit in Deutschland angekommen. Ceylan zitiert in seiner Dissertation Ömer Alan: "Wer Moscheen baut, möchte bleiben."

"Eine Gemeinde muss aus lebendigem Stein gebaut sein"

Was für eine Moschee und den islamischen Glauben gilt, ist bei den Protestanten und ihrem Glauben nicht so anders. Auch Christen können überall beten, können überall Gottesdienst feiern. Eine protestantische Kirche muss nicht geweiht werden. Jeder Raum, wo Gottesdienst gefeiert wird, wird zur Kirche. "Eine Gemeinde muss aus lebendigem Stein gebaut sein", sagt zum Beispiel Ingo Schütz, Pastor der Lukasgemeinde Glashütten-Oberrod im Taunus. "Deshalb ist das Gebäude nicht so wichtig, wichtig ist, wie die Gemeinde gelebt wird."

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Auch Kirchen sind wie Moscheen nach Osten ausgerichtet. Während im Islam die Stadt Mekka bestimmend ist, ist im Christentum der Grund die Auferstehung. Wesentliche Unterschiede gibt es aber doch: In der Kirche gibt es – im Gegensatz zur Moschee – keine Geschlechtertrennung. Unterschiedliche Sitzplätze hatten Kirchen nur in der Geschichte, sagt Schütz: "Früher durften Huren nur in den hinteren Reihen sitzen. Automatisch waren sie so gekennzeichnet. Und Vögte bekamen ganz vorne eine Bank reserviert." Für den jungen Pastor Schütz gehören Altar, Kreuz, Osterkerze und Taufstein in eine Kirche. Und natürlich die aufgeschlagene Bibel, das Symbol der Portestanten für die direkte Zwiesprache mit Gott.


Maike Freund ist Redakteurin bei evangelisch.de.