Afrika reagiert vorsichtig in Sachen Libyen

Afrika reagiert vorsichtig in Sachen Libyen
So freudig viele Libyer die Einnahme des Machtzentrums Muammar al- Gaddafis durch die Rebellen begrüßen, so kalt reagiert bisher das restliche Afrika. Zu Gaddafi, dessen Verbleib derzeit unklar ist, hatten viele Regierungen ein gespaltenes Verhältnis: Hinter vorgehaltener Hand mokierte man sich über die Schrullen des selbsternannten "Königs der afrikanischen Könige". Doch ansonsten war Gaddafi in Afrika ein stets gerngesehener Staatsgast - auch deshalb, weil er meist mit prall gefüllten Geldkoffern kam.

Kenias Vize-Außenminister Richard Onyonka nannte den Siegestag der libyschen Rebellen einen traurigen Tag für Afrika. "Kenianer haben Gaddafi als jemanden erlebt, der viele gute Dinge getan hat", erklärte Onyonka. "Er hat eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Apartheid gespielt und im Kampf gegen den Kolonialismus im südlichen Afrika."

Doch tatsächlich hatte Gaddafi nicht nur im Kampf gegen Kolonialisten, sondern auch bei vielen afrikanischen Bürgerkriegen seine Finger im Spiel. Den Darfur-Konflikt etwa hielt er mit Waffenlieferungen lange Zeit am laufen. In der Zentralafrikanischen Republik stützte er mit libyschen Truppen ebenso Diktatoren wie im Kongo. Mit seinen Ölmillionen soll Gaddafi sogar den Aufstieg von Südafrikas Präsident Jacob Zuma mitfinanziert haben, was dieser bestreitet.

Zuma gehörte zu den letzten Unterstützern Gaddafis. Clayson Monyela, Sprecher des südafrikanischen Außenministeriums, gibt sich in der Stunde des wahrscheinlichen Niedergangs Gaddafis entsprechend vorsichtig. "Was uns wichtig ist, ist eine Übergangsregierung, die einen Dialog mit allen politischen Gruppen aufnimmt", betont Monyela. "Die Übergangsregierung muss sich umgehend um die nationale Versöhnung, den Wiederaufbau und die öffentliche Ordnung kümmern." Südafrika sei bereit, dabei zu helfen.

Afrikanische Union konnte sich nicht auf gemeinsame Erklärung einigen

So vorsichtig wie die einzelnen Regierungschefs ist auch die Afrikanische Union, der außer Marokko alle afrikanischen Staaten angehören. Eine eilig einberufene Sondersitzung des Friedens- und Sicherheitsrates der Organisation am Montagabend konnte sich nicht auf eine Stellungnahme einigen. Man habe sich aber ausführlich über die Entwicklungen in Libyen ausgetauscht, erklärte ein Sprecher im Anschluss.

Für Freitag hat die Afrikanische Union zu einem Sondergipfel geladen. Womöglich hoffen die afrikanischen Diplomaten, dass die Lage bis dahin so eindeutig ist, dass auch Afrikas Staats- und Regierungschefs die neue Rebellenregierung anerkennen können.

Selbst der Sudan, lange mit Gaddafi verfeindet, begrüßte am Wochenende zwar den Vormarsch der libyschen Rebellen. Die Anerkennung des Übergangsrats als legitime Regierung verwehrte das Regime in Khartum jedoch. Und Nigerias Außenminister Olugbenga Ashiru erklärte in seltener Offenheit, es gebe in Afrika einige Länder, die vom Gaddafi-Regime profitiert hätten. "Das macht ein gemeinsames Vorgehen sehr schwierig."

Libyen investierte Millionen auf dem Kontinent

In den vergangenen Jahren investierten Libyens Regierung und Staatsunternehmen mehrstellige Millionenbeträge überall auf dem Kontinent. In Kenia etwa kauften Gaddafis Unterhändler Luxushotels und die Hälfte der staatlichen Ölraffinerie. Alleine den Neubau einer dringend benötigten Pipeline nach Westen finanzierte Libyen mit 70 Millionen Dollar. Immer wieder gab es Gerüchte, nach denen führende Politiker für die reibungslose Abwicklung auch umstrittener Geschäfte geschmiert wurden. Bewiesen wurde das nie.

Um die Millionen aus Tripolis nicht aufs Spiel zu setzen, unterstützten viele afrikanische Staatschefs vor zwei Jahren sogar den Aufstieg Gaddafis zum AU-Vorsitzenden. In seinen wirren Reden blamierte er die AU regelmäßig - etwa als er die Teilung Nigerias in einen muslimischen Norden und einen christlichen Süden forderte oder somalische Piraten als Freiheitskämpfer verteidigte. Beim afrikanischen Sondergipfel am Freitag wird es daher wohl nicht wenige geben, die den Abtritt Gaddafis zumindest heimlich begrüßen werden.

epd