Schulversuch in NRW: Zurück zu neun Jahren Gymnasium

Schulversuch in NRW: Zurück zu neun Jahren Gymnasium
Es ist noch nicht so lange her, da wurde in Nordrhein-Westfalen das Turbo-Abitur eingeführt. Im neuen Schuljahr gibt es in NRW wieder Gymnasien, in denen Schüler neun statt acht Jahre bis zum Abschluss lernen. Am Gymnasium Petrinum in Dorsten können Schüler sogar zwischen den Schulmodellen wählen. Das Ganze ist ein Versuch – erst einmal.

Endlich einmal herrschte Konsens: 2000 wollten alle Fraktionen in Nordrhein-Westfalen die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit. Gestritten wurde nur um Inhalte. Die SPD wollte zehn plus zwei: Zehn Jahre Grundschule und Sekundarstufe I, zwei Jahre Sekundarstufe II. Durchgesetzt hat sich der damalige Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und die Koalitionskollegen der FDP. Heraus kam das Abitur nach zwölf Jahren - das so genannte Turbo-Abitur. Neun Jahre Grundschule und Sekundarstufe I, drei Jahre Oberstufe. Das war 2005. 2012/2013 werden in NRW das erste Mal Schüler nach der verkürzten Schulzeit den Abschluss machen (G8). Kurioser Weise wird es im kommenden Jahr auch zum ersten Mal wieder Gymnasien geben, deren Schüler die Abiturprüfung nach insgesamt 13 Jahren ablegen können (G9).

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Warum also nun wieder die Umstellung, ist doch der erste verkürzte Jahrgang noch nicht einmal durch? "Die gymnasiale Schulzeit wurde trotz großer Bedenken in der Sekundarstufe I verkürzt", so die Antwort des Schulministeriums." Das führte zu einer enormen Unterrichtsverdichtung und einem sehr hohen Arbeitspensum für Schüler." Weil aber die Kritik der Eltern darüber so massiv war, gibt es nun also den Versuch. Dahinter steht der Wunsch: "mehr Lernzeit durch zusätzliche Ergänzungsstunde und zugleich mehr Zeit für individuelle Förderung" zu ermöglichen.

Eine Umfrage ergab: Mehr als 80 Prozent der Eltern halten ihre Kinder an Gymnasien für überlastet. 70 Prozent der Befragten fordern wieder eine neunjährige Schulzeit an Gymnasien. Rund 600 Gymnasien gibt es in Nordrhein-Westfalen. Aber: Nur an 13 von ihnen gibt es ab Schuljahr 2011/2012 wieder das Abitur nach der 13. Klasse. Das liegt an unterschiedlichen Punkten: Der Zeitrahmen für die Bewerbung zur Teilnahme war eng gesteckt, sagt Ilse Führer-Lehner von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Und: Abzuschätzen, welche Eltern und Kinder nun tatsächlich Interesse an dem längeren Schulversuch haben würden, war schwer. Auch fürchteten die Schulen vermutlich den hohen organisatorischen Aufwand. den die Umstellung mit sich bringt.

In Dorsten könne die Schüler zwischen G8 und G9 wählen

"Nicht mit wehenden Fahnen, aber mit einer guten Mehrheit" entschieden sich die Lehrer, Eltern und Schüler des Gymnasiums Petrinum in Dorsten für den Schulversuch, sagt Schulleiter Wolfgang Gorniak. Die Besonderheit der Schule: Hier können die Schüler und ihre Eltern zwischen G8 und G9 wählen – insgesamt nur drei Schulen bieten diese Alternative in NRW an. Warum aber hat sich die Schule überhaupt für den Versuch entschieden? "Was bieten wir eigentlich für die Schüler an, für der der propagierte Druck von G8 zu hoch ist?", hatte sich Gorniak gefragt. Die Antwort war einfach: Es gab kein Angebot. Diese Schüler mussten zur Gesamtschule gehen.

In Dorsten sieht das jetzt anders aus: Neun Jahre Unterricht bis zum Abitur heißt nicht unbedingt langsameres Lernen, es heißt vor allem: vertiefendes Lernen. Wie genau das in den einzelnen Fächern aussehen wird, ist noch nicht klar. Ein wenig muss es auch die Praxis zeigen. Klar ist aber zum Beispiel: Für den G9-Bilungsgang wird es eine Orchesterklasse geben – um musische Schüler zu fördern.


Maike Freund ist Redakteurin bei evangelisch.de