Der Attentäter ist kein christlicher Fundamentalist

Der Attentäter ist kein christlicher Fundamentalist
Schnell wurde dem Attentäter von Norwegen das Etikett des christlichen Fundamentalisten aufgedrückt. Eine Auseinandersetzung mit den Begriffen zeigt jedoch: Die Vermutung ist falsch. Wahrscheinlich ist, dass die Taten politisch, nicht religiös motiviert waren.
26.07.2011
Von Maike Freund

Seit den furchtbaren Anschlägen von Anders Behring Breivik in Norwegen versuchen die Menschen zu verstehen, wie jemand eine solche Tat begehen konnte und aus welchen Gründen. Schnell kam die Vermutung in den Medien auf, der Täter sei ein christlicher Fundamentalist. Was aber genau ist ein christlicher Fundamentalist? Und schließen sich die beiden Begriffe nicht von vornherein aus?

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"Christlicher Fundamentalismus ist eine Strömung innerhalb des konservativen Christentums", erklärt Claudia Knepper von der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen. Er zeichnet sich durch Abgrenzung aus. "Christliche Fundamentalisten sind beispielsweise gegen Feminismus, gegen Homosexuelle, gegen Pluralismus", sagt sie. Fundamentalistisch bedeute auch – unabhängig von der Religion – dass der Glaube politisch durchgesetzt werden soll. Hinzu kommt die Annahme, dass die Bibel absolut unfehlbar in allen ihren Aussagen ist; "alle Überzeugungen werden deshalb mit Bibelstellen belegt", sagt Knepper. Gleichzeitig gilt, dass die Welt - und somit auch die Bibel - nur selektiv wahrgenommen wird. Was entsteht, ist eine schwarz-weiße Weltsicht, das Einteilen der Welt in gut und böse.

Können Fundamentalisten überhaupt christlich sein?

In dem Manifest, das im Internet aufgetaucht ist und Breivik zugeschrieben wird, ruft der Autor gegen Marxismus, gegen ein multikulturelles Europa, gegen den Islam auf. Er selektiert also, aber "er argumentiert nicht mit Hilfe von Bibelstellen, zitiert niemals aus der Bibel, hat keine persönliche Beziehung zu Gott", sagt Claudia Knepper. Genau das aber sei für einen christlichen Fundamentalisten die Grundlage: die Bibel. Breivik Argumente seien viel mehr politisch. Zwar schreibe er von der Rückbesinnung auf ein christliches Europa, meine aber eher die abendländische, vom Christentum geprägte Kultur, nicht den christlichen Glauben.

Eine erste Einordnung ist also nicht so einfach. Deutlich zeigt sich jedoch: Breivik ist kein christlicher Fundamentalist. Bleibt die Frage: Können Fundamentalisten überhaupt christlich sein? "Christliche Fundamentalisten sind ernsthaft glaubende Menschen", sagt Knepper. "Allerdings ist ihr Glaube durch Angst bestimmt." Angst vor den Freiheiten in unserer Zeit, Angst vor dem Leben ohne Autoritäten, die vorgeben, welcher Glaube richtig ist und welcher falsch und die sich deshalb an den Wörtern festhalten. Nur dass die Bibel in ihrer Widersprüchlichkeit nicht wahrgenommen wird, dass auch hierbei aussortiert wird.

Selektion ist jedoch nicht christlich. "Intoleranz gegenüber Andersgläubigen verträgt sich nicht mit den christlichen Glauben", sagt Knepper. "Jesus ist für alle Menschen am Kreuz gestorben. Alle Menschen wurden nach dem Bild Gottes erschaffen." Auch das Gebot "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" lasse keine Selektion zu. Immer dann, wenn der christliche Fundamentalismus durch Aggressionen und Gewalt zum Ausdruck gebracht wird, "steht das natürlich im krassen Widerspruch zum christlichen Glauben", sagt Knepper.


Maike Freund ist Redakteurin bei evangelisch.de