Die Fantasy-Krieger in der Gralsburg der Klassik

Die Fantasy-Krieger in der Gralsburg der Klassik
Die Games-Community strömt zu Videospielkonzerten, aber nicht automatisch zu Beethoven und Verdi. Trotzdem sind diese Konzerte, bei denen die Musik aus bekannten vornehmlich japanischen Videospielen aufgeführt wird, ein Riesenerfolg.

Diesmal ist alles anders. Violettes Scheinwerferlicht über dem Orchesterpodium zaubert eine Fantasy-Stimmung herbei. Bühnennebel nimmt Treppenaufgängen ihre Nüchternheit. An verschiedenen Positionen sind Kameras platziert. Das Ereignis ist live als Videostream im Web zu verfolgen, weltweit. Die Kölner Philharmonie mit ihren knapp 2.000 Plätzen ist proppenvoll. Das Publikum – mehrheitlich zwischen 20 und 30 Jahren jung – folgt dem Geschehen mit einer Intensität, die in dieser Gralsburg der bürgerlichen Hochkultur so nur ganz selten zu erleben ist.

Es ist ein Abend der Emotionen, mal brandend wie Ozeane, mal plätschernd wie sanfte Wellen an Südseestränden. Wenn die Musik nachzeichnet, wie Tidus sich nach Zanarkand durchzukämpfen sucht, wird die Erregung auf den Rängen spürbar. Nehmen die Krieger des Lichts zu einem robusten Sound ihren Kampf gegen das Dunkel auf, steigert sich Anteilnahme zu Empathie. Erklingt ein Musikthema, das die Figur des Kaim Argonar charakterisiert, ist die kollektive Identifikation gleichsam unter der Haut spürbar. Virtuelle Spiele avancieren zu sinfonischen Musikdramen, Pixelwelten zu Orchesterbildern.

Die virtuelle Welt in echten Tönen

Fans von Computerspielen dürften jetzt aufgehorcht haben. Es ist "ihre" Musik, die aus Games wie "Final Fantasy", "Lost Odyssey" oder "Blue Dragon", die für diesen Abend den Stoff zu "Symphonic Odysseys" abgeben. Das WDR-Rundfunkorchester und der WDR-Rundfunkchor unter der Leitung des Spielemusik-Spezialisten Arnie Roth (USA) bringen mit Leidenschaft Themen aus einem halben Dutzend Computerspielen zur Aufführung. Dafür haben Jonne Valtonen und andere großartige Orchesterarrangements geschrieben.

Es sind Motive aus jenen Spielen, deren Anhängergemeinde weltweit Millionen zählt. Die virtuelle Spielwelt wird für Stunden echt und live erlebbar. Das Zusammentreffen der Spieler aus allen Teilen Deutschlands und nahen Ländern des europäischen Auslands im Konzertsaal erweitert das individuelle Vergnügen an der Konsole um das Erlebnis des großen Wir-Gefühls.

Der Mann, der all dies erst angestoßen hat, der Japaner Nobuo Uematsu, sitzt im tosenden Beifall mit einem schwarz-rot-goldenen Tuch, zu einer Art Mütze geschlungen, in einer der vorderen Parkettreihen. Der 52-jährige gilt als der bekannteste Komponist im Bereich der Computer- und Videospielemusik auf der Welt. Marc (28) und Hai (29), "Gamer" aus Ingolstadt, waren sieben Stunden mit dem Auto unterwegs, um ihn zu erleben. "Ich bin begeistert", erzählt Marc, "dass Uematsu hier diese Anerkennung bekommt."

Köln als Metropole für Spielemusik

Die Vorgeschichte der "Symphonic Odysseys" ist selbst eine Art Odyssee. 2003 gab es erstmals sinfonische Spielemusikkonzerte in Leipzig. Es war zugleich die Premiere des Genres außerhalb Japans. Sie wurden zur Eröffnung der Computerspielmesse Games Convention von dem Deutschen Thomas Böcker produziert, der sich auf Soundtracks in der Spieleindustrie spezialisiert hat. 2008 ging die Allianz mit der Leipziger Messe zu Ende, danach ging die Games Convention nach Köln. Winfried Fechner, bis vor kurzem Manager des WDR-Rundfunkorchesters, erkannte die Chance, dem Orchester ein neues Genre zu erschließen und junge Leute mit "ihrer" Musik anzusprechen.

Spielemusik auch als Chance, junge Leute für Konzertsäle und Opernhäuser zu gewinnen, die Mauer zur Hochkultur zu verringern? Sei's drum - Fechner holte die Musik nach Köln und baute die rheinische Metropole zu einem Ort auf, an dem die Musik der Computerspiele respektiert und in Konzerthallen aufgeführt wird. "Die Spielemusik ist es wert", ist der Experte überzeugt, "in ihrer wunderbaren Vielfalt als eigenständige Musik ernstgenommen zu werden."

Mittlerweile strömen die "Gamer" und verhelfen den Konzerten zu einem guten Standing in der Szene. Der Aufwand und der Kreis der Mitwirkenden wächst von Mal zu Mal. 2008 rückten "Symphonic Shades" die Musik des Spielekomponisten Chris Hülsbeck in den Fokus. 2009 war erstmals der WDR-Rundfunkchor unter den Akteuren. Das professionelle Ensemble agierte jetzt beim "Tribute to Uematsu" phänomenal, etwa bei der Erzeugung von Windgeräuschen unterschiedlicher Art von der Empore aus. Eine großartige Ergänzung nicht zuletzt zu den blendend aufgelegten Rundfunkmusikern war der junge Pianist Benyamin Nuss, Solist des Klavierkonzerts "Final Fantasy". Roger Wanamo hat es aus Uematsus Musik orchestriert und arrangiert.

Gamer haben ein Anrecht auf ihre Musik

Manche Didaktiker sehen in sinfonischen Spielemusikkonzerten einen Weg, jungen Menschen den Zugang zur Klassik zu erleichtern. Fechner ist da eher skeptisch: "Zweifellos bedient sich die Spielemusik der gleichen Chiffren wie die Klassik-, Pop- oder auch die Rockmusik. Sie kann durchaus eine Tür für ein klassisches Konzert oder einen Jazz-Abend aufstoßen kann." Allerdings sei es abzulehnen, Spielekonzerte einzig in dieser Zielsetzung anzubieten - eine Ansicht, die ein Gefühl für die Empfindungen der Gamer-Community erkennen lässt.

Marc berichtet, er sei offen für eine Erfahrung mit Klassik-Konzerten: "Natürlich bin ich interessiert, irgendwann einmal. Das hat aber Zeit." Vielleicht wäre es vorerst sinn- und verdienstvoll, Spiele-Konzerte so selbstverständlich aufzuführen wie andere Genres des Musikbetriebs, ihnen den Ruch des Abseitigen zu nehmen. "Der Rundfunk und die Konzertveranstalter", meint Fechner, " sollten ihrer Verantwortung nachkommen und ihrem Publikum die Spielemusik nicht vorenthalten." Eine so große Gruppe wie die Computer-und Videospieler habe schlicht darauf ein Anrecht.

Und wenn die Stärkung des Fantasy-Genres durch Konzerte oder als Element im üblichen Klassikprogramm dazu beitragen sollte, bei einigen die Barriere zu Beethoven und Verdi einzureißen – umso besser.


Ralf Siepmann ist freier Journalist in Bonn.