Vor 50 Jahren: Israel macht Adolf Eichmann den Prozess

Vor 50 Jahren: Israel macht Adolf Eichmann den Prozess
Mörder am Schreibtisch: Adolf Eichmann (1906-1962) ist zum Symbol für die kalte, bürokratische Planung des Massenmordes an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg geworden. Der SS-Obersturmbannführer leitete seit 1941 jene Abteilungen der NS-Bürokratie, die den Holocaust vorbereiteten. Nach dem Krieg tauchte Eichmann in Südamerika unter, doch der israelische Geheimdienst spürte ihn auf. Am 11. April 1961 begann der Prozess gegen ihn vor dem Bezirksgericht in Jerusalem. Ein gutes Jahr später wurde Eichmann hingerichtet.

Elf Monate vor dem Auftakt des Prozesses hatten drei Agenten des Mossad den unter dem Decknamen Ricardo Clement in Argentinien untergetauchten ehemaligen SS-Obersturmbannführer entführt. Gut eine Woche später verkündete Regierungschef David Ben-Gurion, dass sich der Mann, der für die "Endlösung der Judenfrage" verantwortlich war, in israelischer Haft befand.

Der Staatsanwaltschaft blieben neun Monate zur Prozessvorbereitung. Zuständig war das polizeiliche "Büro 06". Michael Gilead, selbst Holocaust-Überlebender, gehörte zu den Beamten, die der Staatsanwaltschaft zuarbeiteten. "In den ersten Tagen, als wir ihn zum Verhör holten, war er sicher, dass er jetzt gleich erschossen werden würde", erinnert sich Gilead.

Rund um die Uhr beobachtet

Der Häftling wurde regelmäßig untersucht und durch ein kleines Fenster in der Tür rund um die Uhr beobachtet. "Wir mussten sichergehen, dass er sich nicht das Leben nimmt", sagt Gilead. Zigtausende von Akten wurden gesichtet, Hunderte Zeugen verhört. Der Prozess gegen Eichmann war der entscheidende Wendepunkte bei der Konfrontation mit der eigenen Geschichte.

Die Überlebenden der Konzentrationslager konnten sich vorher kaum Gehör verschaffen. Niemand wollte die Erlebnisse hören oder glauben. Erst während des Prozesses "hörte man die Holocaust-Überlebenden zum ersten Mal an", erinnert sich der aus Polen stammende Gilead. Das Interesse war so groß, dass der Prozess schließlich nicht im Gericht stattfand sondern in einer Konzerthalle. Von dort aus wurden die Verhandlungen direkt im Radio übertragen.

"Ich war nie Antisemit", sagte Eichmann, der in einem Glaskasten geschützt vor Gericht stand. Die Strategie der Verteidigung war es, ihn als Befehlsempfänger erscheinen zu lassen. "Ich hatte zu gehorchen," sagte Eichmann vor Gericht aus, schließlich sei Krieg gewesen.

"Ich war nie Antisemit"

Für den stellvertretenden Generalstaatsanwalt Gabriel Bach war hingegen sofort klar, dass Eichmann ein Überzeugungstäter war, einer, der "mit Besessenheit bei der Sache war, mit der er sich absolut identifizierte". Die Entschiedenheit des SS-Obersturmbannführers bei der Judenverfolgung ging soweit, dass er "sogar Befehlen Adolf Hitlers zuwider handelte", sagt Bach." Noch in den letzten Kriegstagen habe er dafür gesorgt, dass die Zahl der tödlich vergasten Juden von 10.000 auf 12.000 erhöht wurde.

Bach, der bis zur Flucht seiner Familie vor den Nazis in Berlin zur Schule ging, würde wieder auf die Höchststrafe plädieren, obschon er sich schon lange vor dem Prozess für die Abschaffung der Todesstrafe starkgemacht hatte. Völkermord sei die einzige Ausnahme, sagt er. "Es wäre ein Hohn, sie in diesem Fall nicht anzuwenden."

Am 11. Dezember 1961 verkündete Richter Mosche Landau das Urteil: Tod durch den Strang. "In meiner Hoffnung auf Gerechtigkeit sehe ich mich enttäuscht", kommentierte Eichmann, dem noch einige Monate blieben, bis schließlich das Gnadengesuch abgelehnt wurde.

Asche im Meer verstreut

Am 31. Mai, genau zwei Minuten vor Mitternacht, drückten die Henker den Knopf. Michael Gilead war als Zeuge bei der Exekution dabei und beobachtete anschließend, wie der Körper Eichmanns in einem eigens für diesen Zweck gebauten Verbrennungsofen eingeäschert wurde. Noch in derselben Nacht brachte Gilead die Asche mit einem Boot bis vor die Landesgrenzen und verstreute sie im Meer.

Das Todesurteil gegen Eichmann war das erste und letzte, das je in Israel vollstreckt wurde. Der Prozess war der erste von zwei Verfahren gegen Naziverbrecher. 1986 kam John Demjanjuk in Jerusalem vor Gericht und wurde zunächst zum Tode verurteilt. In einem Berufungsverfahren wurde er aufgrund mangelnder Beweise später frei gesprochen. Der gebürtige Ukrainer muss sich derzeit in einem Prozess vor dem Münchner Landgericht wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 27.900 Fällen verantworten. Mit dem Urteil in wohl einem der letzten NS-Prozesse wird im Mai gerechnet.

epd