Passionsmusik zieht auch "Kirchenfremde" an

Passionsmusik zieht auch "Kirchenfremde" an
Musik ist eine Form der Verkündigung: In Oratorien und Passionsgeschichten wird den Zuhörern und Zuschauern die biblische Geschichte ganz anschaulich vor Augen geführt. Dabei werden experimentelle Formen ausprobiert, die die Aufführungen zu einen ganz besonderem Erlebnis machen. Die Leidensgeschichte Jesu interessiert in dieser Form auch Menschen, die nicht zum Gottesdienst in die Kirche gehen.

Kirchenbänke wird es keine geben, wenn Tänzer, Schauspieler, Musiker und Sänger ab 3. April die Johannespassion von Johann Sebastian Bach (1685-1750) in der Bonner Kreuzkirche aufführen. Eine große Rundbühne dient den Darstellern für die Inszenierung. In der Mitte findet das Orchester Platz, über ihm hängt ein 24 Meter langer und zwölf Meter breiter Himmel aus silberfarbenem Seidenstoff. Die Künstler wollen mit Licht Projektionen darauf werfen. "Wir haben die Kreuzkirche völlig verändert", sagt Kantorin Karin Freist-Wissing. Diese Aufführung der Leiden Jesu ist in den Wochen vor Ostern eine von vielen in Deutschland, die auch "kirchenfremde" Kulturinteressierte sich anschauen werden.

Bibel in der Sprache der Musik

"Heute scheint es viele Leute zu geben, die die biblische Botschaft vorwiegend in der Sprache der Musik hören wollen", hat der Freiburger Theologe und Musikwissenschaftler Meinrad Walter beobachtet. Diese Erfahrung hat auch Kantorin Freist-Wissing gemacht, als sie vor 13 Jahren bereits die Matthäuspassion als geistliche Oper inszenierte. "Es gehört zu meinem Selbstverständnis als Kirchenmusikerin, dass ich gerne die Kirche öffne und die Grenzen zwischen den verschiedenen Kunstsparten fließend mache". Podiumsdiskussionen ergänzen die Aufführung. Während der Johannespassion werden sich die Tänzer und der Chor im Publikum bewegen. Die Aufführung sei Symboltheater und keine historisierende Darstellung, sagt Freist-Wissing. Da in der Inszenierung heutige Menschen vorkämen, sei die Möglichkeit der Identifikation für die Zuhörer groß.

Passionsmusik gibt es bereits seit der Spätantike. So hätten die Menschen schon beim Kirchenvater Augustinus (354-430) die Passionsgeschichte in Gottesdiensten singend vorgetragen, sagt Meinrad Walter, der Kirchenmusikreferent und Dozent an der Freiburger Hochschule für Musik ist. "Da gibt es einen Kosmos von Bibelwortvertonungen durch alle Epochen der Musikgeschichte." Gerade die barocken Komponisten hätten sich zum Ziel gesetzt, einzelne Episoden der Bibel in die Musik zu übersetzen. Im 20. Jahrhundert war es laut Walter üblich, dass Künstler so nah wie möglich bei den biblischen Originaltexten blieben. In den vergangenen Jahren mehrten sich dann die Versuche, etwa durch Choreografie auch andere Künste bei den Passionsmusiken einfließen zu lassen.

Inszenierungen haben menschlichen Bezug

Auch Klaus-Martin Bresgott von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nimmt eine zunehmende "Sehnsucht nach Visualisierung" wahr. Eine künstlerische Inszenierung mache aus einer Passion aber noch keinen Film. Allerdings bringe sie die Geschichte näher an die Menschen, sagt er. Dem Mitarbeiter im Kulturbüro der EKD zufolge sind biblische Oratorien nach wie vor sehr beliebt. Das Programm von "Musik in Kirchen" verzeichnet alleine für den Raum Berlin rund 50 Passionsaufführungen zwischen dem 1. und dem 22. April.

Passionen und Weihnachtsoratorien seien Geschichten, in denen der unmittelbare menschliche Bezug im Mittelpunkt stehe, sagt Bresgott: "Mit der Geburt und eben auch dem Sterben, das nicht in göttlicher Überhöhung, sondern mit tief menschlichen Ängsten in Leid und Schmerz erfahrbar wird." Mittlerweile gebe es viele "Kulturchristen und Ästheten", die die Inszenierung als Kunstform schätzten.

Dem Musikwissenschaftler Meinrad Walter zufolge können Zuhörer auch ein Konzert verlassen und das Gefühl haben, dass sie einen Gottesdienst besucht hätten. Die Texte ließen niemanden völlig kalt. Interessant findet der Theologe, dass sich Menschen im Konzert etwas zumuten, was sie sonst eher ablehnten: "Wenn der Pfarrer auf die Kanzel ginge und das ganz genauso sagen würde wie etwa Johann Sebastian Bach mit der Arie 'Komm, süßes Kreuz', da würden viele wegrennen und sagen 'das ist nicht meine Sicht, so kann man doch heute nicht mehr reden'." In der Musik sei das allerdings möglich.

epd