Japan-Katastrophe kümmert die Versicherungen wenig

Japan-Katastrophe kümmert die Versicherungen wenig
Bislang kann niemand absehen, wie hoch die finanziellen Folgen der japanischen Tragödie tatsächlich ausfallen werden. Klar ist aber schon jetzt: Deutsche und japanische Versicherungsgesellschaften werden nur für wenige Schäden aufkommen.

Noch nie in der Geschichte des Kapitalismus dürfte der unversicherte Schaden bei einer Naturkatastrophe so hoch ausfallen wie nun in Japan. Dabei liegt das Inselreich bei der Versicherungsdichte im weltweiten Vergleich "ganz weit im Spitzenfeld", meldet das "Versicherungsjournal": Jeder Japaner hat mehrere Policen abgeschlossen, und auch die versicherten Werte in der vor Deutschland drittgrößten Industrienation sind besonders hoch.

Erste Schätzungen rechnen mit einem aktuellen wirtschaftlichen Schaden, der 150 Milliarden Euro überschreiten könnte. Rückversicherer halten solche Schnellschüsse jedoch für wenig aussagekräftig. "Für eine Abschätzung der volkswirtschaftlichen und der versicherten Schäden ist es zu früh", tadelt ein Sprecher der Munich Re. Verlässliche Aussagen über die Schadensumme erwarten auch andere Fachleute erst in mehreren Wochen.

Landwirtschaft ist preiswert

Doch schon fast sicher erscheint es, dass sich das japanische Erdbeben vom 11. März mit seinen Folgen zum größten finanziellen Desaster für die Menschen infolge einer Naturkatastrophe ausweitet. Bislang war dies der Hurrikan Katrina, der 2005 in den USA einen Gesamtschaden von mehr als 110 Milliarden Euro anrichtete.

In Japan federn Hochhäuser die Stöße von Erdbeben ab, indem sie schwingen und elastisch reagieren. Trotzdem entstanden Schäden auch an standhaften Gebäuden, wurden zehntausende Wohnhäuser zerstört, internationale Häfen auf Monate unbenutzbar und brannten Fabriken aus.

In Ichihara an der japanischen Ostküste ging sogar ein Chemiekomplex in Flammen auf. Weit teurer als das Freitags-Beben dürfte allerdings der davon ausgelöste Tsunami kommen, der einen 2.000 Kilometer langen Küstenstreifen unter sich begrub. Glück im Unglück hatte die Versicherungsbranche hier, weil es den Norden der Hauptinsel traf: Die Präfektur Miyagi und umliegende Provinzen sind dünn besiedelt. In ihnen leben viele Menschen von Landwirtschaft. Scheunen und Traktoren sind jedoch weit preiswerter als Industriekomplexe.

Gedeckelte Verluste

Anders sieht es in den Ballungsräumen aus: Toyota, der größte Autohersteller der Welt, stellte am Montag den Betrieb ebenso ein wie Daimler-Mitsubishi. Nissan schloss nach zwei Bränden seine Werkshallen und Honda ein Forschungszentrum. Auch weitere für Japan zentrale Industrien wie Elektronik und Stahl liegen brach. Zudem verlassen Beschäftigte ausländischer Unternehmen in Scharen das Land - für einen Teil dieser Produktionsausfälle wird die Assekuranz aufkommen müssen.

Auch die drei großen deutschen Versicherer werden vom japanischen Unglück getroffen. Munich Re, der weltgrößte Rückversicherer aus München, hält eigene Kosten von vielleicht zwei Milliarden Euro für möglich. Dies entspräche immerhin dem Jahresgewinn 2010. Der zweite deutsche Global-Player, Hannover Rück, soll seine maximalen Verluste bei 380 Millionen Euro gedeckelt haben. Die Allianz ist zwar mit mehreren Tochtergesellschaften direkt und indirekt in Japan aktiv, dürfte aber nach Einschätzung von Experten nur "gering" betroffen sein. Insgesamt ist der japanische Versicherungsmarkt gegen ausländische Konkurrenz relativ abgeschottet, und so wird der Versicherungsschaden hauptsächlich von einer Handvoll japanischer Assekuranzkonzerne zu schultern sein.

In Kobe wurden 1995 drei Prozent des Schadens beglichen

Doch das Füllhorn, aus dem die Versicherer ihre Kunden entschädigen sollten, wird nur einen kleinen Teil des pekuniären Pechs ausgleichen. "Wir gehen davon aus, dass nur ein geringer Anteil der gesamten Schäden in Japan überhaupt versichert ist", meint Constantin Rohrbach, Analyst der Norddeutschen Landesbank. Selbst im ansonsten hochgradig versicherten Japan sind nach Schätzungen erst zwischen zehn und zwanzig Prozent der Sachwerte gegen Naturkatastrophen überhaupt mehr oder weniger geschützt.

Viele Japaner haben schon bittere Erfahrungen damit machen müssen, dass der Regenschirm der Assekuranz nur bei Sonnenschein aufgespannt bleibt.
Bei dem bislang kostspieligsten Erdbeben, das 1995 Kobe im industrialisierten Süden der Hauptinsel zerstörte, fiel letztlich laut Munich Re ein gewaltiger Schaden von 100 Milliarden Dollar an. Dagegen nimmt sich die von der Versicherungswirtschaft ausgezahlte Entschädigungssumme allerdings geradezu mickrig aus: An die Opfer ausgezahlt wurden letztlich nur drei Milliarden Dollar.

Verschmerzbar für die Assekuranz dürften auch die Katastrophen im Atomkraftwerk Fukushima I und in weiteren japanischen Atomanlagen enden. "Erwartet wird", teilt der weltgrößte Rückversicherer Munich Re in dieser Woche trocken mit, "dass die Auswirkungen der schweren Unfälle in den japanischen Atomkraftwerken die private Versicherungswirtschaft nicht signifikant betreffen werden." Auch Nuklearkatastrophen gelten als sogenannte Elementarschäden - am Ende werden die Geschädigten und der Staat die Zeche für die fatalen Folgen des "Restrisikos" zahlen.


Hermannus Pfeiffer ist Wirtschaftsexperte und Journalist in Hamburg.