Fans auf Facebook: Mal echt, mal gekauft

Fans auf Facebook: Mal echt, mal gekauft
Mit Geld kann man alles kaufen. Auch Zustimmung im Internet. 200 Facebook-Fans für 19,95 Euro, 10.000 für 390 oder gleich 100.000 für knapp 5.000 US-Dollar, die dann allerdings nicht aus Deutschland kommen: Im Internet-Auktionshaus Ebay sind auch Facebook-Fans eine Ware, die man manchmal schon für einen Euro ergattern kann. Mehrere Dutzend Angebote stehen dort. Auch andernorts im Netz wird fleißig mit der Ware Fan gehandelt. Ein Markt, der höchstens halb legal ist. Und von dem vor allem die Händler profitieren.

Oben links auf den Facebook-Fan-Seiten steht sie: die Zahl, an der mancher Politiker oder Unternehmer seinen Erfolg misst. 585.866 Fans gefällt die Facebook-Seite "Wir wollen Guttenberg zurück", innerhalb einer Woche hoben 280.000 User auf der Facebook-Seite "gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg" den digitalen Daumen. Das ist deutscher Facebook-Rekord, "das erste deutsche Facebook-Phänomen", nennt es Tina Kulow, Sprecherin des Konzerns in Deutschland. Mehr Fans als Angela Merkel oder sogar Dieter Bohlen. Sehr schnell verbreitete sich im Netz und auch in Print- und Rundfunkmedien der Verdacht, die vielen Fans seien ein Fake. Gekauft – und damit wertlos als Messstange für die Beliebtheit des gefallenen Verteidigungsministers.

Inzwischen meint die Mehrheit der Internet-Gesellschaft das nicht mehr. Der Berliner Blogger Sascha Lobo gründete eine "Facebook Fake Finding Task force", die zum Ergebnis kommt: Das Gros der Guttenberg-Fans ist echt. Facebook selbst ist davon ebenfalls überzeugt: "Wir versuchen ja massiv, Fakes aufzuspüren und haben hier besonders genau hingeguckt", sagt die Facebook-Sprecherin. "Es sind eben inzwischen mehr als 16 Millionen Deutsche auf Facebook. Das ist die breite Masse – und davon finden offenbar viele Guttenberg gut." Eins steht trotzdem fest: Facebook-Fans kann man kaufen. Zu tausenden. Und sie werden gekauft – wenn vielleicht auch nicht für zu Guttenberg.

Deutscher Werberat hat rechtliche Bedenken

Zum Beispiel bei Jonas Kopke. Seit einigen Wochen ist der angehende Bibliothekar aus Hamburg im Geschäft, will so sein Studium und seine Familie finanzieren. Und es läuft gut, sagt er. Er bietet Fans im 200er Pack bei Ebay an. Die meisten davon gehen für etwa 30 Euro weg. "Das sind alles echte User", sagt er. Die Fans selbst bekommen kein Geld für die Klicks, erklärt Kopke. Er arbeite mit einer Agentur in Litauen zusammen. Die verschicke die Links der Fan-Seiten von Kopkes Kunden an ihr Netzwerk aus Facebook-Usern. "Viele junge Litauer können Deutsch – und Englisch sowieso. Sie schauen schnell auf die Seite, wenn sie ihnen gefällt, klicken sie. Wenn nicht, dann nicht", erklärt der Händler. "Für sie ist das eine Sache von fünf Sekunden." Gekauft haben bei ihm bislang Unternehmer und Künstler.

Moralisch verwerflich findet Kopke es nicht, mit dem Schein von Erfolg zu handeln. Rassistische, sexistische oder Gewalt verherrlichende Seiten nehme er nicht an. "Die gekauften Fans geben einem Projekt einen kleinen Anstoß, damit sie über Suchmaschinen leichter gefunden werden kann", sagt er. "Wenn die Seite dann gut ist, kommen dann schnell auch echte Fans." Rechtliche Probleme fürchtet er nicht. "Die litauischen Fans sind ja reale Leute, die einen Blick auf die Seite geworfen haben. Da kann sich keiner dran stören."

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Volker Nickel vom Deutschen Werberat hat deutlich mehr rechtliche Bedenken. "Ich kann allen Unternehmen von solchen Methoden abraten", sagt Nickel. "Wettbewerbsrechtlich ist das sehr riskant und geht stark in Richtung unlauterer Wettbewerb." Dass die meisten Fan-Händler ohne Impressum im Internet handeln, die Agenturen, mit denen sie zusammenarbeiten für die Kunden gar nicht sichtbar sind, ebenso wie die Existenz der als echt proklamierten User – all dies sei werberechtlich höchst problematisch. "Und moralisch sowieso." Beschwerden liegen dem freiwilligen Selbstkontrollorgan der Werbewirtschaft zum Thema allerdings nicht vor.

"Der Markt ist nicht sehr groß", sagt Facebook-Sprecherin Tina Kulow. "Wenn uns Fakes auffallen, gehen wir rechtlich dagegen vor." Auffallen würden vor allem Fake-Fans, die maschinell erstellt werden, so genannte Bots. "Die Mehrheit der Anbieter arbeitet auch mit so etwas", vermutet die Sprecherin. Ein Massenphänomen werde das Fan-Kaufen aber sicherlich nicht. "Über Facebook kann man mehr als 16 Millionen deutsche User ansprechen. Es ist doch einfach sinnvoller, eine gute Seite zu pflegen und so aus dieser Masse echte Fans zu bekommen."

„Nur echte Fans sind wertvoll“

"Wer Fans kauft, hat nicht verstanden, wie Facebook funktioniert", sagt Kommunikations-Beraterin Annette Schwindt, die sich mit ihrer Ein-Frau-Agentur auf Social-Media-Beratung spezialisiert hat."Ohne Interaktion auf der Seite wird sie nicht bekannt. Es geht nicht um die Zahl der Fans, sondern um den Austausch mit ihnen." Erst wenn die Fans Kommentare schreiben und auch bei Texten oder Bildern innerhalb der Seite die Daumen hochhalten, steige die Seite im Facebook-Ranking und die Beiträge hätten überhaupt die Chance im Nachrichtenstrom der Fans zu landen. "Je mehr Interaktion, desto mehr Aufmerksamkeit", sagt die Autorin des "Facebook-Buches".

Eigentlich sei Facebook eine hervorragende Möglichkeit, bekannt zu werden – "durch die digitale Form von Mundpropaganda". Dafür müsse man natürlich erst einmal ein gutes Angebot haben und es dann der Facebook-Gemeinschaft zur Abstimmung stellen. "Es gibt so viele Möglichkeiten, auch als kleines lokales Unternehmen erfolgreich bei Facebook bekannt zu werden", sagt Schwindt. Fans kaufen sei nicht nur im hohen Maße unethisch, sondern auch verschenktes Geld.

Auch Blogger und Medienwissenschaftler Robin Meyer-Lucht glaubt, dass die Gesellschaft noch viel über Facebook lernen muss. "Die Fanzahl in der Randspalte darf man nicht so ernst nehmen", sagt der Strategieberater. "Nur echte Fans sind wertvoll." Reputation sei im Internet prinzipiell käuflich. "Man kann sich alles Mögliche kaufen: Erfolg bei Online-Spielen, positive Kommentare oder auch Facebook-Fans." Bei der Bewertung von Online-Kommunikation müsse man mit anderen Maßstäben messen. "Aber das ist noch nicht bei allen angekommen."


Miriam Bunjes ist freie Journalistin und arbeitet in Dortmund.