TV-Tipp des Tages: "Tatort: Der schöne Schein" (ARD)

TV-Tipp des Tages: "Tatort: Der schöne Schein" (ARD)
Das Rätsel ist recht makaber, die Lösung selbstredend eine Botschaft. Im Mund einer ermordeten Unternehmerin entdeckt der Pathologe einen Goldfisch: „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“
14.01.2011
Von Tilmann P. Gangloff

"Tatort: Der schöne Schein", 16. Januar, 20.15 Uhr im Ersten

 

Der Schweizer Schönheitsbetrieb, den die deutsche Dame zu Lebzeiten leitete, legt zwar größten Wert auf den titelgebenden "schönen Schein", doch es liegt eine ganze Menge im Argen, wie die Konstanzer Hauptkommissarin Klara Blum (Eva Mattes) alsbald entdeckt. Oder richtiger gesagt: Es ist ihr Assistent Perlmann (Sebastian Bezzel), der endlich mal aus der zweiten Reihe direkt in den Einsatz darf. Um sich in aller Ruhe in der Schönheitsfarm umzuschauen, gibt er sich als ausgebrannt aus.

Selbstredend entlarvt sich das makellose Image der Klinik als pure Fassade, hinter der ein unbarmherziger Kampf tobt. Gegründet wurde die Klinik vor Jahren von zwei befreundeten Paaren, doch von der Freundschaft der vier Mediziner ist nicht viel übrig geblieben. Gerade die beiden Männer haben erstklassige Mordmotive: Der eine (Johann von Bülow), nun verwitwet, sollte geschieden und enterbt werden; der andere (Andreas Pietschmann) hatte zwar ein Verhältnis mit der Chefin, aber mehr das eigene als das Wohl der Klinik im Auge; seine Kündigung war bereits geschrieben.

Spannungen innerhalb des ärztlichen Quartetts

Die Spannungen innerhalb des ärztlichen Quartetts machen neben der Mördersuche den großen Reiz dieses Bodensee-"Tatorts" aus, zumal Autorin Susanne Schneider geschickt mit einem beliebten Krimiversatzstück spielt: Kaum haben sich die Ermittler auf einen Verdächtigen geeinigt, wird er umgebracht. Langsam dämmert Blum, Perlmann und dem Dritten im Bunde, dem Schweizer Kollegen Reto Flückiger (Stefan Gubser), dass der Mörder eher außerhalb als innerhalb der Klinikmauern zu suchen ist.

Autorin Schneider hat schon einige Drehbücher für die Konstanz-Krimis geschrieben; die entsprechenden Filme gehörten in der Regel zu den besseren der Bodensee-Beiträge zur Sonntagsreihe (vor allem "Engel der Nacht" und "Im Sog des Bösen"). Den ausgezeichneten letzten "Bella Block"-Film "Das schwarze Zimmer" hat sie ebenfalls verfasst; mit dem Kinofilm "Es kommt der Tag" ist ihr zudem ein bemerkenswertes Regiedebüt gelungen. Kennzeichnend für Schneiders Geschichten sind die sorgfältig konstruierten Beziehungsgeflechte zwischen den handelnden Personen. Inszeniert hat den Film René Heisig, der seit einigen Jahren immer wieder als Regisseur für etablierte Krimireihen engagiert wird, weil er festgefahrene Figuren gern um neue Facetten erweitert.

Flückiger wird nach Luzern versetzt

Das gelingt ihm hier zwar nur bedingt, da gerade die Rolle Klara Blum keinen großen Spielraum zulässt, aber die Ermittlerin dominiert die Geschichte ohnehin nicht so stark wie sonst. Entgegen der "Tatort"-Konvention verbringt man als Zuschauer viel mehr Zeit mit den Verdächtigen. Normalerweise würde sich der entsprechende Wissensvorsprung negativ auf die Spannung des Films auswirken, aber je mehr sich abzeichnet, dass die Ärzte nicht Täter, sondern Opfer eines Racheakts sind, desto stärker stellt sich die Frage, worin ihre Schuld besteht. Das ist durchaus fesselnd, aber dann doch nicht so packend, wie die mitunter etwas übertrieben klingende Thriller-Musik (Oli Biehler) nahe legt.

Für Flückiger, mit dem Klara Blum eine besonders innige Form der grenzüberschreitenden Amtshilfe verbindet, ist dieser Film der vorerst letzte Auftritt in einem Bodensee-"Tatort". Dem Sendeplatz bleibt er allerdings erhalten: Flückiger wird nach Luzern versetzt, er ist der neue Schweizer "Tatort"-Kommissar; sein Debüt als hauptamtlicher Ermittler zeigt das "Erste" im Frühjahr.


Der Autor unserer TV-Tipps, Tilmann P. Gangloff, setzt sich seit über 20 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" und verschiedene Tageszeitungen mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei Kindern und lebt am Bodensee. Er gehört seit Beginn der 1990er Jahre regelmäßig der Jury für den Adolf-Grimme-Preis an und ist ständiges Mitglied der Jury Kinderprogramme beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).