Österreich: Das "gallische Dorf" der Atomkraft

Österreich: Das "gallische Dorf" der Atomkraft
Österreich reagiert entsetzt auf die Laufzeitverlängerung in Deutschland. Denn statt im Atomstrom sieht Deutschlands Nachbar seine Zukunft in erneuerbaren Energien. Nach dem Willen der Regierung soll das Land langfristig energieautark werden.

Fast ganz Europa setzt weiter auf Atomkraftwerke. Ganz Europa? Nein! Ein kleines Land südlich von Deutschland kommt ohne aus und wehrt sich gegen die Bedrohung von Reaktoren kurz vor den Landesgrenzen. Geht es um das nuklearfreie Österreich, spricht die in Wien ansässige internationale Atomenergieorganisation IAEA selbst schon in Anspielung auf den Asterix-und-Obelix-Comic von einem "gallischen Dorf". Doch das Alpenland geht noch weiter als "Atomkraft, nein danke" und will künftig ganz unabhängig von Strom, Öl, Gas oder Kohle aus dem Ausland werden.

"Meine Vision ist die eines energieautarken Österreichs", sagt Umweltminister Nikolaus Berlakovich von der konservativen ÖVP. Er will langfristig alle in Österreich benötigte Energie - vom Strom bis zum Auto-Treibstoff - mit erneuerbaren Energien im Land produzieren. Klar sei das nicht von heute auf morgen umzusetzen, aber mit Blick auf Klimakatastrophen und schwindende fossile Energiequellen müsse man das so schnell wie möglich vorantreiben: "Ich bin der festen Überzeugung, dass die Staaten, die früher den Umstieg auf erneuerbare Energien schaffen, künftig die Nase vorn haben werden."

Atomfreiheit ist in der österreichischen Verfassung drin

Rund 30 Prozent der gesamten in Österreich verbrauchten Energie kommt aus erneuerbaren Quellen, beim Strom ist der Anteil deutlich höher. Das meiste kommt aus Wasserkraft - wofür Österreich mit seinen Bergen und Flüssen eine privilegierte Lage hat. Das mache natürlich auch den Verzicht auf Atomkraft einfacher, gibt der Minister zu. Zudem fließt über Energieimporte aus dem Ausland auch Atomstrom aus alpenländischen Steckdosen: "Das Ziel muss natürlich sein, diesen Anteil von zwei bis fünf Prozent auf Null zu reduzieren."

Die Ablehnung von Nuklearenergie eint in Österreich alle politischen Lager und die Bevölkerung, die Atomfreiheit ist in der Verfassung verankert. Ihren Ursprung hatte diese Haltung in den 1970er Jahren mit dem Bau des einzigen österreichischen Atomkraftwerks Zwentendorf nahe Wien unter dem damaligen SPÖ- Bundeskanzler Bruno Kreisky. Eine Volksabstimmung verhinderte damals mit hauchdünner Mehrheit die Inbetriebnahme - Zwentendorf wurde zum Milliardengrab für die Staatskasse und ist heute Schulungszentrum.

Prinzipielles Verbot von Nuklearenergie und Atomwaffen

[listbox:title=Mehr im Netz[Das österreichische Atomsperrgesetz##Homepage des AKW Zwentendorf]]

Das Atomsperrgesetz von 1978 sah vor, dass in Österreich kein Atomkraftwerk gebaut werden darf, ohne dass das Volk befragt wird. 1999 verschärften die Österreicher ihre Gesetzgebung noch einmal. Das "149. Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich" ist in seiner Konsequenz beeindruckend: Gerade mal acht Sätze brauchen die Österreicher, um ihr Land frei von Nuklearwaffen und -Energie zu halten. Selbst der Transport von spaltbarem Material über das Staatsgebiet ist prinzipiell verboten, außer für "friedliche Zwecke", die nicht der Energieerzeugung dienen.

Das ehemalige Atomkraftwerk Zwentendorf ist das Mahnmal dieser Politik. Das AKW, das nie ans Netz gehen durfte, dient nicht nur als Schulungszentrum, sondern auch als Ersatzteillager für deutsche baugleiche Kernkraftwerke und als Ausweichquartier für Schulen. Der deutsche TÜV testet hier Neuerungen, bevor sie für deutsche Kraftwerke freigegeben werden. Strom liefert das Zwentendorf allerdings nur noch durch eine große Photovoltaik-Anlage, die das Dach und das Außengelände ziert. Als Ersatz für das abgelehnte Kraftwerk entstanden in Österreich übrigens fünf Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 1.527 Megawatt.

"Die spinnen, die Deutschen"

Mit der Schweiz, Tschechien, Slowenien, der Slowakei und Ungarn ist Österreich von Atomkraftstaaten umzingelt. Der geplante Ausbau der grenznahen Meiler Temelin in Tschechien und Mochovce in der Slowakei wird seit Jahren kritisch beäugt. Entsprechend emotional reagierte das Land auf die Laufzeitverlängerung der Meiler in Deutschland. "Die spinnen, die Deutschen", lässt sich die Reaktion der Boulevardzeitungen auf den Entschluss des großen Nachbarn zusammenfassen. Die Opposition wettert gegen den "Atomwahnsinn" und fordert die auf Diplomatie mit dem wichtigen Handelspartner bedachte Regierung zu härteren Tönen auf.

Besonders das an Bayern grenzende Oberösterreich will mit allen Mitteln das Ende des "Schrottreaktors" Isar I erreichen. Rechtsexperten seien zu dem Schluss gekommen, dass Deutschland vor dem Regierungsbeschluss eine Umweltverträglichkeitsprüfung hätte machen müssen, sagte der grüne Umweltlandesrat Rudi Anschober am Dienstag. Greenpeace fordert eine Beschwerde des Bundeskanzlers in Brüssel, andere Atomkraftgegner gar eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof. Doch das Umweltministerium winkt ab. Für Berlakovich gibt es nur einen Umgang mit dem wichtigen Nachbarn: "Verhandeln."

dpa/han