Papst in Palermo: Wider das organisierte Verbrechen

Papst in Palermo: Wider das organisierte Verbrechen
Die strahlende Sonne bei der Papstmesse an der Strandpromenade in Palermo mit rund 100.000 Gläubigen schien mit dem Ausblick auf nahe Berge und Segelschiffe in der Bucht die gravierenden Schwierigkeiten der Insel zu überdecken. Mit weniger dramatischen, aber deutlichen Worten warnte der Papst die sizilianische Gesellschaft jedoch eindringlich vor der Versuchung der Resignation.
04.10.2010
Von Bettina Gabbe

Johann Wolfgang von Goethe konnte es 1787 auf seiner Italienreise kaum erwarten, nach Palermo zu kommen. "Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: Hier ist erst der Schlüssel zu allem", notierte er in seinem Tagebuch. Rund 200 Jahre hat sich die einstige Kornkammer Italiens und Schnittstelle unterschiedlichster Kulturen gewandelt: Heute ist sie ein für Unterentwicklung und Mafia ebenso wie für Kunst und landschaftliche Schönheiten bekanntes Ferienziel.

Auf den Spuren seines Vorgängers Johannes Paul II., der das organisierte Verbrechen dort 1993 mit geballter Faust und zornigen Worten anprangerte, rief auch Papst Benedikt XVI. bei einem eintägigen Besuch in Palermo zum Widerstand gegen die Mafia auf. Sein Besuch erinnerte viele Sizilianer daran, wie Johannes Paul Mafiosi ohne Redetext in einer improvisierten Ansprache eindringlich zur Umkehr aufgerufen hatte, "denn eines Tages wird das göttliche Urteil kommen".

Die Mafia soll sich für "das Böse" schämen

Mit rund 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit gehört Sizilien zu den europäischen Regionen mit den geringsten Zukunftschancen für junge Generationen. Einzig die Mafia bietet vielen Jugendlichen Beschäftigungsmöglichkeiten.

"Ich bin hier, um euch zu ermutigen, keine Angst zu haben", mahnte Benedikt eingedenk des sizilianischen Schweigegesetzes der "omertà". So sagen viele Sizilianer aus Angst vor Racheakten nicht über Verbrechen aus, die häufig am helllichten Tag vor den Augen zahlreicher Zeugen begangen werden.

Ohne sie ausdrücklich beim Namen zu nennen, forderte Benedikt dagegen die Mitglieder der Mafia auf, sich für "das Böse" zu schämen, dass sie der sizilianischen Gesellschaft antun. Zum Verhaltenskodex der Mafia gehört die Teilnahme an religiösen Feiern. Selbst Clan-Chefs werden mitunter im Rahmen von Pilgerfahrten zu den zahlreichen Marienwallfahrtsorten der Insel ernannt.

Bei der Messe unweit des Ortes, an dem 1993 der katholische Priester Pino Puglisi erschossen worden war, würdigte Benedikt sizilianische Heilige wie "Santa Rosalia", die Stadtpatronin von Palermo. Den bereits jetzt als Märtyrer verehrten Pfarrer, der Jugendliche im Altstadtviertel Brancaccio von der Straße holte und damit der Mafia zu entziehen drohte, erwähnte er dabei nicht. Die anwesenden Gläubigen begrüßten den Hinweis des Erzbischofs von Palermo, Paolo Romeo, auf den ermordeten Priester, für den seit Jahren ein Seligsprechungsverfahren läuft, mit brausendem Applaus.

Der einzige Anker gegen die Mafia oder die Auswanderung

Die katholische Kirche sieht sich in Sizilien als einziger Anker für diejenigen Jugendlichen, die auf drohende Arbeitslosigkeit nicht mit Auswanderung reagieren. Doch auch private Initiativen wie die von der deutschen Botschaft unterstützte Vereinigung "Addio pizzo" gegen Schutzgelderpressung in Palermo versuchen, die scheinbare Allmacht der Mafia zu brechen.

In der nach Palermo zweitgrößten Metropole der Insel, Catania, gestalteten Kinder aus Mafia-Familien auf Initiative des Mäzens Antonio Presti gemeinsam mit Künstlern eine 300 Meter breite Installation. Aus Respekt vor der Arbeit ihrer minderjährigen Familienangehörigen ließen die Clans die "Porta della Bellezza" aus eingeritzten Tonscheiben auf himmelblauem Untergrund bislang intakt.n

epd