Sarrazin bei Beckmann: Differenzierung unerwünscht

Sarrazin bei Beckmann: Differenzierung unerwünscht
Thilo Sarrazin, der Provokateur der Nation, bei Reinhold Beckmann, dazu Deutschlands erste türkisch-stämmige Ministerin Aygül Özkan, Integrationsministerin in Niedersachsen: Eine eigentlich spannende Kombination im Ersten. Dazu Ranga Yogeshwar als Ersatzmoderator, Renate Künast als Stichwortgeberin und Olaf Scholz als SPD-Statist. Was kam raus? Eine Wahrheit, die Reinhold Beckmann offensichtlich nicht hören wollte.

Thilo Sarrazin hat Recht. Das muss man nach der Beckmann-Sendung einfach mal festhalten. Denn niemand der Gäste hat Sarrazins Grundthese ernsthaft bestritten: Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, insbesondere die männlichen Jugendlichen türkischer Abstammung, sind oft schlecht ausgebildet und haben ein Sprach- und damit auch ein Integrationsproblem.

Gerade Niedersachsens Integrationsministerin Aygül Özkan, die es nach eigenem Bekunden ja wissen muss, hielt sich zu Beginn der Sendung sehr zurück. Denn der Beginn der Sendung, ganz dem Ersatz-Beckmann Ranga Yogeshwar gewidmet, war der Sturmlauf gegen die Demagogie des ehemaligen Berliner Finanzsenators. Dass niemand da direkt die Nazi-Karte zückte, war nahezu überraschend – dann kam der Einspieler mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, und da war sie dann, die rote Karte wegen angeblicher Rassenhetze.

Sarrazin steht auf provokante Sprache

Dabei kann man, zumindest der Sendung zufolge, Sarrazin das nicht vorwerfen. Allerdings: Er drückt sich gern mal provokant aus. "Alle Juden haben ein bestimmtes Gen gemeinsam" war ein Teil seiner Antwort, ob man Volksstämme an Genen unterscheiden könne. Die Bibel und die Juden selbst definieren Juden als "Kinder Israels", und wenn das nicht genetisch ist, was dann? Dass verschiedene Ethnien genetisch unterschieden werden können, sollte eigentlich auch zum Allgemeinwissen eines Ranga Yogeshwar gehören.

Auch dass Intelligenz von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird, sei es über Vererbung oder Erziehung, beschreibt Sarrazin in seinem Buch anhand von Rabbiner-Familien. In der Sendung verwies Sarrazin aber darauf, dass er auch einen Hort des deutschen Bildungsbürgertums als Beispiel hätte heranziehen können, nämlich das evangelische Pfarrhaus. Dort kommt ein überdurchschnittlich hoher Anteil an Studenten her – aber das schien Sarrazin für sein Buch zu wenig provokant.

Beckmann stürzte sich also mit dem bekannten Genuss auf all die Provokationen, die seine Redaktion als leichtverdauliche Zitatschnipsel in Sarrazins Buch gefunden hatte. Aber seine Gäste wollten nicht darauf einsteigen. Nur Renate Künast warf mit mit alt-grünen Wahrheiten um sich von einer Welt, die eigentlich doch gut sein müsste, wenn wir nur alles richtig machen mit der Integration.

Wer das Problem nicht nennt, kann es nicht lösen

Dass das aber nicht so einfach ist, wusste selbst Renate. Denn das Problem, auf das Thilo Sarrazin bei Beckmann hinaus wollte – nämlich, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft aus Unterschichten hierhier kommen – war ihr wohlbekannt. Und da konnte sich der im Laufe des Abends immer souveränere Sarrazin zurücklehnen und sagen: "Ich habe die Fakten genannt, jetzt können sie mal was daraus ableiten."

Sozialpädagoge Thomas Sonnenberg aus Berlin beispielsweise, der mit seinen Alltagsbeispielen Sarrazins Thesen nur untermauerte – auch wenn er negative Reaktionen seiner Klientel auf die Reaktionen auf das Buch vorhersah. Auch Integrationsministerin Özkan, die ihr Kind schon mit zweieinhalb in die Kindertagesstätte schickte, damit es Deutsch lernt, konnte Sarrazin in der Sache nicht widersprechen. Sogar Parteifreund Olaf Scholz hielt schön die Klappe, außer dass er den bevorstehenden Parteiausschluss Sarrazins erklärte: "Sarrazin macht etwas, was mit dem Grundverständnis der SPD nicht vereinbar ist. Er diskutiert über Abstammung als Problem, nicht als Aufgabe, allen die gleichen Chancen zu geben."

Nur: Wer das Problem nicht benennt, wird auch nie eine Lösung finden. Das weiß auch Ministerin Özkan. Sie sagt zwar, sie lebe nicht von der Analyse. Stattdessen bietet sie konkrete Ansätze:Man müsse "den Menschen in die Mitte stellen" und "die Menschen mit Migrationshintergrund motivieren, die Kinder frühzeitig in die Kita zu geben". Beides ist richtig, wenn das System (insbesondere die Kindertagesstätten) das hergeben. Wenn nicht, muss man das System ändern.

Sarrazin erst lesen, dann drüber reden

"Integration geschieht im Kleinen", meinte Frau Özkan zum Schluss. So ist es. Aber das hat Thilo Sarrrazin bei Beckmann auch nicht bestritten, wie so vieles, was er gar nicht in Frage gestellt hat. Sarrazin hat vielmehr den Finger in die Wunde gelegt, dass das mit der Integration oft noch nicht klappt. An dieser Wahrheit der Straße und der Statistik scheiterte Beckmanns aufrührerische Moderations-Rhethorik ebenso wie Rangar Yogeshwars beschwichtigend-wissenschaftliche Gegenargumentation.

Man mag über Thilo Sarrazin denken, was man will. Aber zwei Dinge bleiben von diesem Abend. Erstens: Eine differenzierte Diskussion anzustoßen, ist zunächst einmal lobenswert, auch wenn Reinhold Beckmann denkbar ungeeignet dafür ist, diese Diskussion zu moderieren. Und: Man sollte Thilo Sarrazins Buch vielleicht mal lesen und sich trotz aller political correctness darüber im Klaren sein, dass Sarrazin eine Mehrheitsmeinung vertritt. Wie man damit umgeht, darüber reden wir dann.


 

Hanno Terbuyken ist Redakteur bei evangelisch.de, zuständig für die Ressorts Gesellschaft und Wissen & Umwelt.