Die "Stadtteilmütter" sprechen die richtige Sprache

Die "Stadtteilmütter" sprechen die richtige Sprache
Arme Familien, überforderte Eltern, vernachlässigte Kinder? Seit 2008 wurden in Berlin-Kreuzberg 76 erwerbslose Frauen unterschiedlicher Nationalitäten zu Stadtteilmüttern ausgebildet. Ihre Aufgabe: Eltern in der Nachbarschaft, die durch herkömmliche Angebote nicht erreicht werden, bei der Entwicklung ihrer Kinder frühzeitig zu unterstützen. Das Konzept ist ein Erfolgsmodell.

"Mama", "Papa" und "spielen" sind einige der ersten Worte, die Leila bereits sagen kann, dies sowohl auf Arabisch als auch auf Deutsch. Seit sie die zweisprachige Spielgruppe "Griffbereit" in Berlin-Kreuzberg besucht, ist die Zweijährige richtig aufgeblüht, freut sich ihre Mutter Sarah Kolait. "Das verdanke ich den Stadtteilmüttern", sagt die 27-Jährige mit libanesischen Wurzeln. "Ohne sie wäre ich nicht auf die Idee gekommen, Leila hierherzuschicken." Erst im Gespräch mit Faten Abbas, die wie sie selbst arabisch spricht und die ihr als Stadtteilmutter zur Seite steht, sei sie auf dieses Angebot aufmerksam geworden.

Genau darum geht es bei dem Projekt: Die Stadtteilmütter kennen die Angebote für Familien im Bezirk und geben ihre Kontakte und ihr Wissen weiter. "Die Stadtteilmütter sprechen die gleiche Sprache", erläutert Ulrike Koch, die Leiterin des Projekts im Diakonischen Werk Berlin Stadtmitte e.V. "Gerade durch die muttersprachlichen Kenntnisse und den kulturell ähnlichen Hintergrund vertrauen ihnen die Familien."

Wachsender Zuspruch

Die Vertrautheit ist ein Hauptgrund, warum es meist nicht nur bei Besuchen zu Hause bleibt. Inzwischen treffen sich die Stadtteilmütter mit den Familien auch außerhalb der gewohnten vier Wände. So haben die Stadtteilmütter in Kooperation mit den umliegenden Kindertageseinrichtungen und Grundschulen Familiencafés aufgebaut. Hier können Mütter und Väter Kontakte zu anderen Eltern knüpfen und sich miteinander austauschen.

Mit Erfolg: "In den Kindertagesstätten, in denen auch Familiencafés eingerichtet wurden, sind die Anmeldungen gestiegen", berichtet Ulrike Koch. Dies ist eines ihrer Hauptanliegen: "Oft schicken die Eltern ihre Kinder zu spät in die Kita, das hat dann wiederum negative Auswirkungen auf ihre späteren schulischen Leistungen", sagt Ulrike Koch. Daher sei Aufgabe der Stadtteilmütter, die Eltern zu motivieren, ihre Kinder eher in einer Kita anzumelden. Einige der Aktiven:

Faten Abbas

Eines ist Faten Abbas besonders wichtig: Mit den Familien auf gleicher Augenhöhe zu sprechen: "Ich möchte die Eltern nicht belehren, sondern ihnen Ideen geben", sagt die 38-Jährige, die im Irak Mathematik studiert hat. Seit acht Jahren ist sie in Deutschland. Als Stadtteilmutter habe sie viel gelernt, nicht nur über Kindererziehung oder öffentliche Hilfsangebote, sondern auch über sich und ihre eigene Familie: "Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass meine Tochter eine Sprachstörung hat." Über das Projekt Stadtteilmütter hat sie Hilfe gefunden: Eine Logopädin steht ihrer Tochter jetzt zur Seite.

Nuray Ertürk

Seit zwei Jahren ist Nuray Ertürk als Stadtteilmutter in Berlin-Kreuzberg tätig. Damit setzt die 40-Jährige fort, was sie vorher bereits im Privaten gemacht hat: Andere Familien ermutigen, sich Neuem zu öffnen. "Viele fühlen sich nicht verstanden", berichtet Nuray Ertürk, die mit vier Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam. Neben Sprachbarrieren gebe es auch kulturelle Hürden, die manche Familien erst überwinden müssten. Hilfreich bei ihrer Tätigkeit sei, dass sie aus der gleichen Kultur komme. "Die Familien vertrauen mir sehr schnell", sagt Nuray Ertürk und strahlt. Durch die Ausbildung zur Stadtteilmutter habe sie noch mehr Wissen erworben, dadurch fühle sie sich insgesamt sicherer. Ihre Kenntnisse wird sie ab August vertiefen: Mit elf anderen Stadtteilmüttern beginnt sie dann eine Ausbildung zur Sozialassistentin.

Dzenana Kaikati

Die Bosnierin geht die Dinge pragmatisch an: "Ich sage den Eltern, was für Folgen ihre Gewohnheiten langfristig haben." Beispiel Fernsehkonsum: "Es mag zwar für den Moment bequemer sein, das Kind vor den Fernseher zu setzen, aber auf Dauer fehlt ihm dann Bewegung, es wird krank, die schulischen Leitungen lassen nach." Argumente findet die 40-Jährige viele. Nur die anderen davon zu überzeugen, sei nicht immer leicht. Gerade das Thema Kindergarten bleibt umstritten: "Oft haben die Familien Angst vor dem Unbekannten", hat sie in ihrer zweijährigen Zeit als Stadtteilmutter beobachtet, "Ihnen fehlt schlicht das Vertrauen, das Kind an fremde Menschen abzugeben, noch dazu aus einer anderen Kultur." Wie lassen sich solche Ängste nehmen? "Durch das Gespräch", ist Dzenana Kaikati überzeugt – etwa beim Nähkurs, den sie als ausgebildete Schneiderin leitet, oder bei einem Stück Kuchen im Familiencafé: "Wenn die Eltern sehen, wie die Kinder miteinander spielen und Spaß haben, kommen auch wir uns näher."

Fatma Aykurt

Die Ausbildung zur Stadtteilmutter war für Fatma Aykurt "wie ein Schlüssel". Sie verstehe jetzt besser, was hinter den Sorgen der Familien steckt. Gleichzeitig habe sie gelernt, Grenzen zu setzen, auch um sich selbst zu schützen. "Manchmal werden wir mit heftigen Problemen konfrontiert, die uns dann sehr belasten", berichtet die 40-Jährige, die mit zweieinhalb von der Türkei nach Deutschland kam. In solchen Fällen gilt es, Kontakt zu anderen Beratungsstellen aufzunehmen und zu vermitteln. Hier, aber auch in der Schule oder bei den Behörden fühle sie sich seit ihrer Ausbildung zur Stadtteilmutter ernster genommen. "Ich habe mich schon oft selber gelobt", sagt die Mutter von vier Kindern und schmunzelt. Auch ihr Mann sei stolz auf sie – und eine große Hilfe: "Er vermittelt mir oft den Kontakt zu Familien, die ich dann aufsuche."


Weitere Informationen über das Projekt Stadtteilmütter: http://www.dw-stadtmitte.de/. Der Diakonie-Bundesverband hat auch ein Video zum Thema ins Netz gestellt. Alle Fotos auf dieser Seite: Ulrike Pape/diakonie.de.

Themen