Highheels und Lippenstift: Was macht Schönheit aus?

Highheels und Lippenstift: Was macht Schönheit aus?
"Spieglein, Spieglein an der Wand..." - die Brüder Grimm haben es gewusst: Schönheit kann zum Wahn werden. Schneewittchens Stiefmutter ging daran zugrunde. Das Thema Schönheit beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden. In der Gegenwart ist es nahezu allgegenwärtig: von Castingshows und Miss-Wahlen über Mode bis hin zur Schönheitschirurgie - die Liste der Eitelkeiten ist lang. Aber "Was ist schön?" Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden geht in seiner neuen Sonderausstellung der Frage nach.

270 Exponate auf rund 800 Quadratmetern laden den Besucher ein, mögliche Antworten zu finden. Auch Hörstationen und interaktive Angebote helfen ihm dabei. Die Ausstellung wolle eine "kritische Bestandsaufnahme des heutigen Schönheitswahns" präsentieren, sagt Kuratorin Doris Müller-Toovey. Sie wolle aber nicht alles verteufeln. Geschaut wird auch "hinter die Kulissen". Zudem werde das Bedürfnis, einen gültigen Maßstab für Schönheit zu finden, thematisiert und zugleich der Wunsch, "sich abzuheben und das Besondere zu kreieren".

"Was ist schön?" informiert unter anderem über die Entstehung von Schönheitsidealen, die Lehre von der menschlichen Proportion und ästhetische Konzepte, aber auch über die Mode- und Kosmetikindustrie, plastische Chirurgie, Hormontherapie oder die Beschreibung des menschlichen Schönheitempfindens durch Hirnforscher. Die Ausstellung geht Fragen nach wie: Gibt es ein Ideal? Was empfinden Menschen als schön? Was geht in ihnen vor, wenn sie Schönes sehen?

Highheels, Titelblätter und schöne Wörter

Gestaltet sind insgesamt fünf Räume, davon der erste als Salon mit prachtvollem Lüster und ganz verschiedenen Fotografien an dunkelroten Wänden. Er trägt das Motto "Sehnsucht und Versprechen", zeigt unbekannte Mädchen neben schonungslosen Nahaufnahmen von Prominenten und alten Menschen mit faltiger Haut. Andere Räume mit Titeln wie "Mode und Macher", "Norm und Differenz" und Wahnnehmung und Bewertung" versuchen, Schönheitsdeale zu erklären.

Zu sehen sind unter anderem Kleidung, Highheels, Lippenstifte und Mode-Utensilien, aber auch Titelblätter der "Vogue" und Werke der bildenden Kunst. Erzählt wird von Models, vollen Lippen und Beinverlängerung, der Macht der Medien und Hormonen, die jünger aussehen lassen.

Eine interaktive Station widmet sich zudem dem ästhetischen Wohlgefallen. Über Kopfhörer erlebt der Besucher in einem abgedunkelten Raum die Schönhheit von Klängen, von Musik und Sprache. Er erfährt, dass laut einer Internet-Umfrage der Schweizer Fernsehens von 2007 klassische Musik als am angenehmsten wahrgenommen wird, gefolgt von Vogelgezwitscher und Meereswellen. Kreide-Quietschen und Zahnarztbohrer gehören dagegen zu den unangenehmsten Geräuschen. Erinnert wird auch an das 2004 gewählte schönste deutsche Wort, nämlich "Habseligkeiten", gefolgt von "Geborgenheit". Bei den Kindern siegte "Libelle".

Schönheit und Gesellschaft gehören immer zusammen

Und immer wieder trifft der Besucher auf sich selbst. Er sieht sich in einem parallel zu drei Ausstellungsräumen inszenierten Spiegelgang. Er nimmt sich wahr in einer Filmsequenz, den eine Kamera aufzeichnet, sobald er einen kleinen dunklen Raum betritt. Schließlich wird er in einen weißen, großen Raum geführt, der unter dem Titel "Vielfalt und Gestaltung einer leeren Säulenhalle nachempfunden ist. Das ist der Ort für persönliche Dokumente. An Hörstationen kommen zehn sehr verschiedene Menschen zu Wort. Sie erzählen von "ihrem" Schönen. Für den Instrumentenbauer ist es die Geige, für den Mann in der Uckermark sind es elf Riesenschlangen, mit denen er lebt, für den Mathematiker die Ordnung der Zahlen, für die Köchin selbst gemachte Nudeln oder für den Modelleisenbahner die Welt im Miniaturformat.

Die Dresdner Ausstellung zeigt, dass es keine überhistorischen Schönheitsideale gibt, aber auch dass eine Entkoppelung von Schönheit und Gesellschaft kaum möglich ist. Museumsdirektor Klaus Vogel rät dennoch zu "mehr Gelassenheit" mit dem Thema. Die Ausstellung stelle "uns nicht nur als Opfer von Schönheitswahn dar, sondern auch als Schöpfer unserer eigenen Welt".


Katharina Rögner ist freie Journalistin und Korrespondentin des epd in Dresden.