Finanzkrise: "Wir sollten die Kirche im Dorf lassen"

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Finanzkrise: "Wir sollten die Kirche im Dorf lassen"
Die tagesaktuellen Schwankungen der Börse dominieren immer wieder Schlagzeilen, zuletzt war es die Achterbahnfahrt an der Wall Street. Auch jede Kursschwankung des Euro zum Dollar wird argwöhnisch beäugt. Der Vorstandsvorsitzende der KD-Bank für Kirche und Diakonie, Ekkehard Thiesler, warnt davor, dem zuviel Aufmerksamkeit zu schenken: Wichtig sei die mittel- und langfristige Perspektive.
26.05.2010
Die Fragen stellte Frauke Weber

evangelisch.de: Herr Dr. Thiesler, wer die Nachrichten rund um den Euro in den vergangenen Tagen verfolgt hat, kann den Eindruck gewinnen, dass sein Geld in absehbarer Zeit kaum noch etwas wert ist. Wie ist die Lage wirklich? Wird um die Kursschwankungen zuviel Aufheben gemacht?

Ekkehard Thiesler: Der Euro-Kurs hat sich aktuell auf das Niveau von vor gut einem Jahr eingependelt und war schon auf ganz anderen Ständen. Denken Sie an Ende 2000 und 2001, da notierte der Euro bei 80 Cent je US-Dollar. Wir sollten deshalb die Kirche im Dorf lassen. Nach der Kaufkraftparitäten-Theorie ist der Euro erst mit 1,20 US-Dollar richtig bewertet und die deutsche Exportnation kann mit dem aktuellen Wechselkurs übrigens auch hervorragend leben.

evangelisch.de: Spüren Sie bei Ihren Kunden auch Unruhe oder verstärkte Nachfragen?

Thiesler: Die aufkommenden Inflationssorgen lassen beispielsweise das Thema Gold verstärkt auftreten. Das Hartmetall wird immer wieder als sichere und wertbeständige Anlagealternative diskutiert, die vor Inflation schützt. Häufig wird dabei vernachlässigt, dass die Rendite einer Anlage in Gold rein von der Preisentwicklung abhängt, Zins- oder Dividendenzahlungen gibt es nicht. In den letzten 20 Jahren beispielsweise hat eine Investition in Gold nicht den erwünschten Inflationsausgleich erwirtschaftet.

"Der kurzfristigen Entwicklung wird zu viel Aufmerksamkeit geschenkt"

evangelisch.de: Jetzt gibt es ja kaum ein Volk, das sich so sehr über die Währung, vor allem über eine harte Währung definiert, wie die Deutschen. Müssten wir die Vorgänge einfach gelassener sehen?

Thiesler: Die deutsche Geschichte ist besonders geprägt von der Geldentwertung. Zweimal bereits mussten die Menschen eine Währungsreform erleiden. Das prägt das Unterbewusstsein. Die Amerikaner übrigens haben mehr Angst vor der Deflation, auch diese ist ihrer Historie geschuldet. Zurzeit sehen wir keine inflatorische oder deflatorische Anzeichen. Ich denke, dass auch die Medien sehr viel zur Panikmache beitragen.

evangelisch.de: Welche Rolle spielt die Inflation bei Geldanlagen? Werden auch hier Schwankungen langfristig nicht wieder ausgeglichen?

Thiesler: Die Inflation spielt neben vielen weiteren grundsätzlichen Aspekten wie Sicherheit, Liquidität und Rendite eine Rolle bei der Geldanlage. Wir empfehlen unseren Kunden im Rahmen unserer Beratung deshalb immer wieder, sich zunächst über eine strukturierte, auf die individuellen Bedürfnisse und Ziele abgestimmte Geldanlage Gedanken zu machen. Darauf aufbauend raten wir meist zu einem abgestimmten Mix aus Geld-, Aktien- und Immobilienwerten. Auch der Aspekt der nachhaltigen Geldanlage kann auf Wunsch einfließen und wird mehr und mehr nachgefragt. Langfristig gesehen ist es wichtig, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Dies ist ein guter Schutz für die Geldanlagen der Kundinnen und Kunden, auch vor der Inflation.

evangelisch.de: Rund 8,8 Millionen Menschen in Deutschland halten Aktien in verschiedenen Anlageformen. Wird den schwankenden Aktienkursen zuviel Aufmerksamkeit geschenkt?

Thiesler: Ja. Die Aktienquote ist gemessen am Gesamtvermögen in Deutschland unterrepräsentiert. Gleichwohl fungieren die Aktienmärkte als Frühindikator der wirtschaftlichen Entwicklung, die uns alle mehr oder weniger betrifft. Der kurzfristigen Entwicklung wird allerdings sehr viel - meines Erachtens zu viel - Aufmerksamkeit geschenkt. Ich glaube jedoch, dass sich hierin lediglich ein allgemeiner gesellschaftlicher Trend zu großer Kurzlebigkeit und Schnelligkeit widerspiegelt. Es wäre gut, wenn wieder mehr Menschen ihren Blick auf langfristige, nachhaltige Entwicklungen richten würden. Dies gilt nicht nur für Geldanlagen.

Zwei Seiten der Euro-Medaille

 

evangelisch.de: Kann es auch sein, dass der Durchschnittssparer sogar von der Krise profitiert, beispielsweise durch steigende Zinsen?

Thiesler: Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. Höhere Zinsen stellen sich in der Regel bei einer höheren Inflation ein. Das heißt, die Zinsen werden, genauso wie das bestehende Geldvermögen, teilweise durch die Inflation "aufgefressen". Deshalb ist es möglich, dass der Wert des Vermögens trotzdem nicht ansteigt. Andererseits kann der schwächere Euro auch unsere Exportwirtschaft beflügeln und dies kann allen auf anderem Wege wieder zugute kommen. Es bleibt also dabei, eine gute Mischung aus verschiedenen Anlageformen macht Sinn.

evangelisch.de: Wie betroffen sind längerfristige Geldanlagen? Oder beispielsweise auch Bausparverträge?

Thiesler: Bei festverzinslichen Vermögensanlagen ist der Zinssatz – wie der Name schon ausdrückt – für mehrere Jahre gleichbleibend. Erhöht sich in dieser Zeit die Inflationsrate, so sinkt der Realzins und damit insgesamt der Wert der Geldanlage. Bausparverträge gibt es heute in jeder Ausgestaltung, sie reagieren deshalb ähnlich wie andere Anlage- und Kreditformen.

evangelisch.de: Welche Auswirkungen hat die derzeitige Situation für Menschen, die Kredite aufgenommen haben, beispielsweise um eine Immobilie zu finanzieren? Müssen sie mit steigenden Kreditzinsen rechnen?

Thiesler: Zurzeit sind die Zinsen historisch sehr niedrig und machen eine Immobilienfinanzierung besonders attraktiv. Für Menschen, die bereits finanziert haben, gilt folgendes: In der Regel ist es so, dass Kreditnehmer die Zinsen für Immobilienfinanzierungen auf viele Jahre festgeschrieben haben. Zinsanpassungen, also höhere als auch niedrigere Zinsen, sind erst nach Ablauf der Zinsbindung wieder möglich. Eine steigende Inflation sorgt jedoch dafür, dass die Schulden an Wert verlieren. Ausgehend davon, dass die Immobilie wertstabil bleibt oder sogar im Wert steigt, kann die Inflation einem Immobilienbesitzer wenig schaden.


Dr. Ekkehard Thiesler ist der Vorstandsvorsitzende der KD-Bank für Kirche und Diakonie. Die KD-Bank ist eine genossenschaftlich organisierte Bank, die Einrichtungen der Kirche und Diakonie gehört und die sich Fairness und Menschlichkeit zur Geschäftsgrundlage gemacht hat, ebenso wie der nachhaltigen Verwendung der verwalteten Gelder.