Putzen, Schrubben und Prügel: Haitis Kindersklaven

Putzen, Schrubben und Prügel: Haitis Kindersklaven
Kinder als Haussklaven gibt es in den Slums von Port-au-Prince schon lange. Das Erdbeben vom Januar hat diese Kinder besonders getroffen: Niemand gab ihnen Halt.

Für einen kurzen glücklichen Moment scheint Ketlène Vudau zu vergessen, dass sie eine Sklavin ist. Laut und hingebungsvoll singt die 13-Jährige. Dazu strahlt sie, als sei sie das glücklichste Mädchen in Haitis erdbebenzerstörter Hauptstadt Port-au-Prince. Etwa 200 weitere Kinder teilen sich den engen, heißen Raum im Kinderzentrum im Armenviertel Wharf Jeremie. Sie singen mit, klatschen, stampfen und strahlen um die Wette. Die fensterlose Wellblechhütte vibriert in karibischem Takt vor kindlicher Lebensfreude.

Keine Familie, die Situation erklärt

Wie Ketlène arbeiten die meisten der Kinder als Haussklaven für Gastfamilien im Slum, denn ihre eigenen Familien auf dem Land konnten sie nicht mehr ernähren. Zwar hat Haiti bereits nach seinem Freiheitskampf 1804 die Sklaverei abgeschüttelt, doch diese Form der Sklaverei besteht bis heute fort. Restavèk heißen solche Kinder in Haitis Landessprache Kreolisch, wörtlich: bei jemandem bleiben (Französisch: Rester avec).

"Diese Kinder haben nie eine normale Kindheit erlebt. Sie kennen nur Wasserholen, Saubermachen und Prügel", erklärt der französisch-haitianische Psychologe Vladimir Constant (34). Er betreut das von der Duisburger Kindernothilfe finanzierte Kinderzentrum. Hier können die Kinder wenigstens ein paar Stunden am Tag Kind sein.

Seit dem Erdbeben vom 12. Januar ist die Situation der Restavèk besonders dramatisch. Zwar gab es in Wharf Jeremie kaum materielle Schäden. Wie in anderen Slums gab es dort schon vorher keine richtigen Gebäude. "Die Kinder wurden aber psychologisch getroffen", sagt Constant. "Sie verstehen die Situation nicht. Sie haben keine Familie, die ihnen eine Antwort geben könnte."

Emotionales Chaos bei den betroffenen Kindern

Das Gespräch mit Ketlène, der feurigen Sängerin, bestätigt die Einschätzung des Psychologen. Verstockt und schüchtern wiederholt sie: "Ich habe Angst." Tagsüber putzt und schrubbt sie für ihren "Onkel" und ihre "Tante", wie die Gasteltern von den Restavèks genannt werden. Nachts hat sie seit dem Beben Alpträume von unendlicher Einsamkeit: "Ich treibe im Meer und entferne mich von allen anderen."

Noch schlimmer ist laut Constant die Situation der jüngeren Restavèks, die ihre Situation nicht mit ihrem Verstand erfassen können. "Besonders die Drei- bis Siebenjährigen erleben ein emotionales Chaos. Bei den häufigen Nachbeben brechen die Kinder in Panik aus", sagt der Psychologe.

Umso wichtiger sind Gesang und Gespräche, betont die Leiterin des Kinderzentrums, Rosana Museau Jeanne (33). "Seit dem Erdbeben singen und tanzen wir viel. Die Kinder sind viel enthusiastischer, sie brauchen das." Hinzu kommt Aufklärung. Dem verbreiteten Glauben, das Erdbeben sei eine Strafe Gottes gewesen, setzt die Pfarrfrau wohltuende Nüchternheit entgegen: "Ich erkläre den Kindern, dass das Erdbeben ein Naturphänomen ist und nicht von Gott gesandt."

Gesetzlicher Kinderschutz besteht nur auf dem Papier

Kindersklaven gibt es in Haiti schon lange. Niemand weiß genau, wieviele Bauernfamilien ihre Kleinen in die Slums weggeben. Laut der Kindernothilfe gibt es bis zu 300.000 Restavèks. Erfolglos versuchten ausländische Helfer in der Vergangenheit, gegen die Ausbeutung der Kinder vorzugehen. Hilfswerke brachten Jungen und Mädchen zu ihren biologischen Eltern zurück, doch zwei Wochen später tauchten sie wieder in den Slums auf.

Haiti hat zwar internationale Abkommen zu den Kinderrechten ratifiziert und diese auch in Verfassung und Gesetzen verankert, doch die Paragraphen blieben Papier. "Ti moon se ti bête" heißt ein kreolisches Sprichwort, "Kinder sind wie Tiere". Und wie Tiere werden sie oft auch behandelt, nicht nur die Restavèks. "Wenn eine Mutter ihr Kind schlägt, greift niemand ein", beklagt Constant die herrschende Mentalität.

Experte fordert Wandel zu "humanerer Gesellschaft"

Nach dem Erdbeben fordert der Psychologe einen grundsätzlichen Wandel Haitis zu einer "humaneren Gesellschaft". Er sagt: "Wir brauchen ein neues Haiti, nicht nur neue Gebäude." Das Engagement des Staates sei gefordert. Doch davon ist bisher nicht viel zu sehen.

Bezeichnend ist die desolate Lage der Schulen. Laut Regierung begann im April auch in der zerstörten Hauptstadt wieder der Unterricht. Tatsächlich funktionieren bis heute erst 10 bis 15 Prozent der Schulen. Ketlène, die singende Kindersklavin, lässt sich davon jedoch nicht beirren. Fragt man sie nach ihren Plänen, überlegt sie nicht lang: "Sehr gerne würde ich Krankenschwester werden."

Niebel reist nach Haiti

Katastrophen sind meist schnell vergessen. Vier Monate nach dem Erdbeben mit 220 000 Toten in Haiti ist es in der deutschen Öffentlichkeit ruhiger geworden um den in Trümmern liegenden Karibikstaat. Doch für die Menschen dort hat sich die Lage kaum gebessert. Die Regenzeit ist in Haiti angebrochen, die Wassermassen verwandeln den Boden in Schlamm und Abwasserrinnen in stinkende Bäche. Für die 1,5 Millionen Menschen, die noch immer in Notunterkünften leben, eine elende Situation. Von dem bei der UN-Geberkonferenz Ende März in New York beschworenen Neuanfang ist noch nicht viel zu spüren.

Am Freitag bricht Niebel auf zu seiner ersten, sieben Tage dauernden Karibik- und Mittelamerikareise - nach Haiti folgen die Dominikanische Republik und Guatemala. In Haiti will sich Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) über die Lage in dem Krisenstaat informieren - und so auch der Kritik entgegentreten, Deutschland engagiere sich zu wenig. Niebel will auch sehen, was mit dem deutschen Geld passiert. Zum Beispiel errichtet die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Auftrag des Ministeriums für sieben Millionen Euro Fertighäuser. 1.400 Familien sollen so bis Ende 2010 ein Dach über dem Kopf bekommen.

epd/ dpa