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Mutter und Tochter

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Mutter und Tochter
12.05.2019
Olaf Heine (Fotos), Matthias Harder, Olaf Heine, Antje Stahl und Andrea Jeska (Texte), Lilith Becker (Redaktion), Anika Kempf (Fotoredaktion)
Die Täter haben die Mutter mit HIV infiziert

Foto: Olaf Heine

Die Täter haben die Mutter mit HIV infiziert

Foto: Olaf Heine

Ihre Tochter sei ihr Ein und Alles, sagt die Mutter. Doch wünscht sie sich, sie könnte ihr eine bessere
Mutter sein. Ihre Tochter gebe ihr noch ein wenig das Gefühl, eine Frau zu sein. Doch die seelischen
und körperlichen Verletzungen sitzen tief. Der Genozid hat sie verändert. Die Täter haben sie mit HIV infiziert, sie fühlt sich immerzu krank und schwach. Die Mutter sagt, die Täter hätten ihr das Leben geraubt.

Ihre Tochter habe ihren Glaube an das Gute geweckt

Foto: Olaf Heine

Der Genozid von 1994 wurde für die Überlebenden zur dunkelsten Stunde ihres Lebens.
Auf grausame Weise verloren sie ihre Familien. So auch die Mutter auf diesem Bild. Es hat sie Jahre gekostet, dieses Trauma zu überwinden. Eine große Hilfe war ihr ihre Tochter. Ihre Freude und ihre Liebe haben ihren Glauben an das Gute wieder geweckt.

In der Kirche vergewaltigt und getötet

Foto: Olaf Heine

Mutter und Tochter posieren in der Kirche. Viele Bewohner des Dorfes Jali und umliegender Ortschaften versuchten damals, in dieser Kirche Schutz zu finden. Tagelang verbarrikadierten sie sich hier. Vergebens. Als die Mörder kamen, wurden die Tutsi-Frauen vom Rest der Gruppe separiert, aus der Kirche geschafft und systematisch vergewaltigt. Ließen die Täter von den Frauen ab, gingen sie zurück in die Kirche, töteten dort zuerst die Männer und dann die Kinder mit Gewehren und Macheten. Mehr als 2.000 Leichen lagen in der Kirche, das Blut lief von den Wänden. Ohne die Hilfe von Solace Ministries
hätte sie ihr Trauma nicht überwinden können, sagt die Mutter heute. Für ihre Tochter empfindet
sie Liebe: "Sie ist mein eigen Fleisch und Blut. Wie sollte ich sie nicht lieben?" Die roten Schlieren, die an der Wand heruntergelaufen sind, sind Feuchtigkeitsspuren vom etwas undichten Dach des Gotteshauses.

Wer ist mein Vater? Die meisten Kinder aus Vergewaltigungen wissen es nicht

Foto: Olaf Heine

Wie die meisten Kinder, die aus Vergewaltigungen
hervorgegangen sind, weiß auch diese 25-Jährige nicht, wer ihr Vater ist. Inzwischen sind die Kinder Erwachsene, die es belastet, einen Teil ihrer Wurzeln nicht zu kennen. Schon als Kind habe sie sich in der Schule geschämt, wenn ihre Lehrer nach
ihrem Vater fragten und sie keine Antwort hatte, sagt die Tochter.

Die Tochter weiß nichts von der Geschichte ihrer Mutter - und damit von ihrer eigenen.

Foto: Olaf Heine

Auch mit 25 Jahren weiß sie nicht, dass sie Kind einer Vergewaltigung ist. Ebenso wenig weiß
sie, dass ihre Mutter mit einer HIV-Infektion lebt. Zwischen Mutter und Tochter herrscht meist Schweigen. Die Tochter möchte Gutes tun, studiert Jura und setzt sich für Taubstumme ein. Sie gibt
ihnen eine Stimme - auch um die eigene zu finden.

Die Geschwister sollten sie akzeotieren, das wünschte sich die Mutter nach ihrer Vergewaltigung.

Foto: Olaf Heine

Sie war verheiratet, als der Völkermord ausbrach. Ihr Ehemann wurde umgebracht, sie vergewaltigt.
Obgleich es ihr unheimlich schwerfiel, wusste sie: Wenn ihre beiden anderen Kinder, die den Genozid
überlebt hatten, ihr neues Geschwisterkind akzeptieren sollten, musste sie mit guten Beispiel
vorangehen.

Die Mutter schämt sich bis heute

Foto: Olaf Heine

Oft fragt sich die heute 46-Jährige, warum gerade sie zu den Überlebenden gehört. Sie schämt sich
bis heute für die Gräueltaten, die an ihr begangen wurden.

Die Seelsorge half der Mutter, ihr Trauma in den Griff zu bekommen

Foto: Olaf Heine

Ähnlich wie die Trümmerfrauen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Frauen in Ruanda ihr Land wiederaufgebaut. Sie haben die Toten begraben, Häuser und Straßen und Jobs
übernommen, die zuvor als "Männersache" galten. Die Mutter musste sich oft zwingen, morgens aufzustehen. Die Arbeit fiel ihr schwer, ihr Trauma ließ sie keinen Sinn in ihrer Arbeit erkennen. Seit sie
sich von Seelsorgern helfen lässt, geht es ihr besser.

Auch andere Frauen teilen ihr Schicksal - mit ihnen zu weinen und zu klagen, half ihr

Foto: Olaf Heine

Zum Zeitpunkt des Genozids und ihrer Vergewaltigung war sie erst 15 Jahre alt. Aus Scham verbrachte sie danach viele Jahre in Einsamkeit und Isolation. Erst ihre Begegnungen mit anderen Frauen, denen das Gleiche widerfuhr, brachten
ihre Sprache zurück. Mit ihren Leidensgenossinnen konnte sie reden, weinen, klagen.

Erst wollte sie abtreiben, heute liebt sie ihre Tochter

Foto: Olaf Heine

Sie wollte abtreiben, als sie ihre Schwangerschaft realisierte. Ein eigenmächtiger Versuch aber
scheiterte. Nach der Geburt hatte sie für ihre Tochter nur Hass übrig. Stillen wollte sie nicht. Als sie an den Tod des Kindes dachte, bekam sie Angst und suchte sich psychologische Hilfe. Heute liebt sie ihre Tochter. Um ihr ein besseres Leben zu ermöglichen, arbeitet sie voller Fleiß in der Landwirtschaft.

Nur fünf Minuten und ihr Leben war nicht mehr wie zuvor

© Olaf Heine

Das rasende Tempo, in dem sich damals ihr ganzes Leben verändert hat, ist für Laurence bis heute
nicht begreifbar. Kaum fünf Minuten waren die Männer in ihrem Haus, die ihren Ehemann und ihre Verwandten töteten, sie vergewaltigten und
schwängerten. Mit den schmerzhaften Folgen lebt sie bis heute.

"Wenn ich meine Tochter hasse, bin ich nicht anders als die Mörder, die uns und unser Land mit ihrem Hass zerstören wollten."

Foto: Olaf Heine

Obwohl sie lange brauchte, um ihr Schicksal zu akzeptieren, war ihr eines sehr schnell bewusst:
"Wenn ich meine Tochter hasse, bin ich nicht anders als die Mörder, die uns und unser Land mit ihrem
Hass zerstören wollten."

Das Fotobuchprojekt

Foto: Olaf Heine

Das Fotobuchprojekt entstand in Zusammenarbeit mit der ora Kinderhilfe, die die Betroffenen vor Ort psychologisch und finanziell unterstützt. Einen Teil des Erlöses aus dem Verkauf der Bücher spendet der Verlag Hatje Cantz den betroffenen Müttern und Töchtern in Ruanda.

Die Mütter und Töchter dieser Geschichte haben 25 Jahre hinter sich, in denen sie um eine gelingende Mutter-Kind-Beziehung ringen. Fotograf Olaf Heine hat sie an den Orten porträtiert, an denen die Frauen 1994 vergewaltigt und ihre Kinder gezeugt worden sind. Fast eine Million Menschen fielen dem Genozid 1994 zum Opfer, etwa 250.000 Frauen wurden vergewaltigt. Das Fotobuchprojekt ist in Zusammenarbeit mit der christlichen Entwicklungshilfeorganisation ora Kinderhilfe entstanden, die die Betroffenen vor Ort, mithilfe der Nicht-Regierungs-Organisation Solace Ministries, psychologisch und finanziell unterstützt.

Olaf Heine (Fotos), Matthias Harder, Olaf Heine, Antje Stahl und Andrea Jeska (Texte), Lilith Becker (Redaktion), Anika Kempf (Fotoredaktion)