Nachdem Wahlkampf und zahlreiche Demonstrationen den Samstag bestimmten, sind seit Sonntagabend um 18 Uhr die rund 2.130 Urnenwahllokale Sachsen-Anhalts geschlossen. Landeswahlleiterin Christa Dieckmann hatte am Sonntag in Magdeburg für 12 Uhr Mittag eine landesweite Wahlbeteiligung von 34,72 Prozent gemeldet, bis zur Schließung der Wahllokale sollte es laut vorläufigem Endergebnis eine Rekordwahlbeteiligung von etwa 77,8 Prozent werden.
Gegen 3.27 Uhr am Montagmorgen lagen die vorläufigen Ergebnisse vor, wonach die AfD eine Zustimmung von 43,8 Prozent der Wähler:innen bekam, gefolgt von der CDU mit 17,2 Prozent und der SPD mit 9,3 Prozent. Die Grünen erhielten 8,9 Prozent der Stimmen, dicht gefolgt von Die Linke mit 8,6 Prozent. Das BSW hat es mit 5,3 Prozent in den Landtag geschafft, die FDP spielt mit 2,6 Prozent in Sachsen-Anhalt keine Rolle mehr. Eine absolute Mehrheit der Sitze im Landtag hat die AfD mit diesem Ergebnis nicht erreichen können. In 40 Wahlkreisen des Landes hat die AfD die höchste Anzahl an Zweitstimmen gewinnen können, lediglich in Halle III lagen die Grünen mit 33,7 Prozent weit vorne.
Überraschenderweise schneidet die AfD in fast allen Altersgruppen als klar stärkste Partei ab. Lediglich bei Menschen mit einem Alter von 70 oder mehr Jahren liegt sie mit 31 Prozent gleichauf mit der CDU, wie das Meinungsforschungsinstitut Infratest/dimap ermittelte.
Aufgerufen waren rund 1,7 Millionen wahlberechtigte Bürger:innen im Land. Die detaillierten Ergebnisse zur Landtagswahl für die einzelnen Wahlkreise können auf der Seite der Landeswahlleitung eingesehen werden. Bislang wurde Sachsen-Anhalt von einer Koalition aus CDU, SPD und FDP unter Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) regiert.
Möglichkeit für Einkehr und Gebet
Am Wahlsonntag hatten der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Karsten Wolkenhauer, und die Kirchengemeinde St. Jacob in Köthen zu einer musikalischen Andacht mit Gebet eingeladen. Dort sollte Raum sein für das, was die Menschen angesichts der ersten Hochrechnungen und Ergebnisse bewege, hieß es.
Der Köthener Pfarrer Martin Olejnicki erklärte: "Eine Wahl entscheidet über politische Mehrheiten. Aber sie entscheidet nicht darüber, ob wir einander als Menschen aus dem Blick verlieren." Gerade am Wahlabend, "an dem Zahlen, Balken und Prozente die Nachrichten bestimmen", wolle die Kirche "Raum schaffen" für Gebete, Besinnung und die Sorgen der Menschen.
"Offene Kirchen" in Magdeburg und Naumburg
Für Montagabend laden die christlichen Kirchen in Naumburg zu einem gemeinsamen ökumenischen Friedensgebet in die Stadtkirche St. Wenzel ein. Es soll Raum für stille Andacht, das Entzünden von Kerzen und für Friedensworte sein. Eingeladen seien alle, die zur Ruhe kommen und für eine gute und friedliche Zukunft beten wollen.
Auch die evangelische Domgemeinde in Magdeburg lädt am Montag um 18 Uhr zu einer kurzen Andacht ein. Als "Offene Kirche" bietet zudem die St. Ambrosiuskirche in Magdeburg-Sudenburg Möglichkeiten für Andacht und Gebet.
Jüdische Mitbürger:innen sind schockiert
Erste Stimmen zu den Ergebnissen der Wahl kamen unter anderem von Vertretern jüdischer Organisationen. Der Zentralrat der Juden hat schockiert auf den Wahlerfolg der AfD reagiert. Eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei sei in einem deutschen Bundesland nur knapp von der Alleinregierung entfernt, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster am Sonntagabend nach den ersten Hochrechnungen dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Ich bin von diesem Wahlergebnis persönlich entsetzt", sagte er.
Die ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, zeigt sich erschüttert. "Dass Rechtsextreme in Deutschland in dieser Art wieder Wahlen gewinnen, das hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können", erklärte die 93 Jahre alte Holocaust-Überlebende in München.
Die Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees, Eva Umlauf, zieht nach dem AfD-Wahlsieg Parallelen zum Aufstieg der NSDAP in den frühen 1930er Jahren in Deutschland. "Dieses Wahlergebnis macht uns Angst! Auf welchem Weg ist Deutschland? Dem Weg, den es schon einmal gegangen ist?", fragte Umlauf. "Wir werden weiter für die Demokratie und die Erinnerung kämpfen. Das sind wir unseren ermordeten Angehörigen schuldig und das ist unsere Verpflichtung den jungen Menschen in Deutschland gegenüber", sagte Umlauf.



