Ein gehobenes Restaurant in der Stuttgarter Innenstadt: Ein junges Paar sitzt an einem fein eingedeckten Tisch am Fenster. Beide schweigen. Nicht, weil sie sich tief in die Augen schauten, sondern weil ihre Gesichter im bläulichen Licht ihrer Smartphones schimmern. Als der Rostbraten serviert wird, gibt es erst das obligatorische Foto für die Story, dann wird die Gabel wie ein Meißel in das Fleisch gerammt, während die andere Hand weiter scrollt.
Christian Heller, Hoteldirektor im Asperger "Adler" und Mitglied im Deutschen Knigge-Rat, schüttelt den Kopf über solche Szenen. "Das Benehmen bei Tisch sagt mehr über dich aus als dein LinkedIn-Profil", sagt er dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Es zeigt deine soziale Anpassungsfähigkeit, ob beim Kegelclub-Stammtisch oder beim Geschäftsessen mit Politikern."
Gutes Benehmen bedeute nicht, steif zu sein, sondern die Atmosphäre für alle angenehm zu machen, erklärt er. Rücksicht auf den gemeinsamen Raum, eine gesunde Selbstwahrnehmung und Respekt vor den anderen: Das sind für den Hoteldirektor Säulen, die wanken.
"Manieren sind sichtbarer Respekt"
"Manieren sind kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, damit sich andere wohlfühlen", sagt der Experte. "Man muss nicht unbedingt wissen, welche Gabel wofür ist. Aber man sollte wissen, wie man anderen den Abend nicht verdirbt." Wer sein Gegenüber ausreden lässt, nicht schmatzt oder laut telefoniert, zeige damit: Ich nehme euch wahr und ihr seid mir nicht egal. "Manieren sind sichtbarer Respekt", sagt Heller.
Auch Etikette-Expertin Evelyn Siller aus Stuttgart betont: "Gemeinsames Essen ist Kultur." Es zeigt Habitus, positioniert in der Gemeinschaft. Viele erinnern sich noch: Besteck von außen nach innen, die Ellbogen nicht auf dem Tisch und niemals mit vollem Mund sprechen. Doch TikTok, Lieferando und Homeoffice schwemmen dieses Wissen zunehmend weg. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Mintel von 2023 essen 31 Prozent der Deutschen jede Mahlzeit allein - obwohl 78 Prozent gemeinsame Tafeln schätzen.
Was bei Experten Fremdscham auslöst
"Tischmanieren fehlen oft schon in der Erziehung", sagt Siller. Je weniger gemeinsame Mahlzeiten, desto weniger Vorbild. Kinder lernen nicht mehr, dass man andere ausreden lässt oder wartet, bis alle ihr Gericht haben. Benehmen und Etikette bei Tisch seien in vielen Familien auf dem Rückzug. Die schlimmsten Vergehen bei Tisch? Für beide Experten sind Smartphones das Top-No-Go.
"Ständiges Scrollen dominiert und verletzt den Moment", sagt Heller. Aber auch eine unhöfliche Ansprache des Restaurant-Personals zieme sich nicht. Für Evelyn Siller sind Gäste ein Graus, die sich ihren Teller am Buffet vollschaufeln, "als gäbe es kein Morgen", um hernach die Hälfte stehenzulassen. Regelrecht "gruselig" findet sie "Handy und Ellenbogen auf dem Tisch, gebückter Rücken, sodass nur noch reingeschaufelt werden muss". Siller: "Das löst Fremdscham aus."
Siller sieht hier vor allem die Eltern in der Pflicht. Sie sollten ihre Kinder von Anfang an auch bei Tisch erzieherisch begleiten - in dem Umfang, wie es die Kleinen altersentsprechend und motorisch können. "Ohne Zwang", sagt sie, sondern spielerisch und mit gutem Vorbild. "Zeigen Sie mir ein Kind, das es nicht gern so machen möchte, wie es die Erwachsenen tun." Für sie sind Tischmanieren keine Pflicht, sondern Liebe - zum Essen, zum Gegenüber und zum gemeinsamen Moment.




