"Lieben statt Liken"

 Aktivist Benno Flügel mit Zetteln und Sprüchen darauf
epd-bild/Hagen Tronje Gruetzmacher
Mit Flyern protestieren Aktivisten wie Benno Flügel gegen die übermäßige Nutzung von Smartphones und Social Media.
Protest gegen Smartphones
"Lieben statt Liken"
"Tanzen statt Twittern": Mit solchen Sprüchen protestieren Aktivisten wie Benno Flügel gegen die übermäßige Nutzung von Smartphones und Social Media. In Hamburg, Berlin, Brüssel und London kleben er und andere Flyer an Straßenlaternen.

Eine Straßenlaterne im Hamburger Schanzenviertel. Überall verteilt bunte Sticker, von Musikgruppen und Fußballvereinen bis zu politischen Parolen. Mittendrin ein rechteckiger, schlichter weißer Flyer mit dem Text: Lieben statt Liken. Die Botschaft stammt von Benno Flügel und der Radikalen Anti Smartphone Front (RASF). Ihr Ziel: Menschen dazu bringen, ihre Smartphones bewusster und weniger zu nutzen.

"Jede Minute, die Menschen weniger vor Social Media verbringen, ist ein Erfolg für uns", sagt Benno Flügel. Der gebürtige Stuttgarter lebt in Berlin, aber auch Hamburg kennt er gut. Die sozialen Medien erlebt er als Bedrohung für ein friedliches Miteinander. "Jeder gelöschte Social Media Account ist ein Erfolg für uns. Weniger Hass, eine gerechtere Gesellschaft und mehr Demokratie sind unsere Ziele."

Tausende Flyer haben Benno Flügel und seine Kollegen schon in Hamburg und Berlin verteilt, jetzt wird die Aktion auf Europa ausgeweitet. Aktuell reist der Aktivist nach Brüssel, Paris und London, um auch dort seine Botschaften zu verbreiten. In Landessprache natürlich. "Wir nutzen Sprüche wie 'To scroll or not to scroll' frei nach Shakespeare oder 'Liberté, Egalité, Realité' als Anlehnung an das französische Motto 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit', nur eben leicht geändert."

Lieben statt Liken, Tanzen statt Twittern. Mit solchen Sprüchen protestieren Aktivisten wie Benno Flügel gegen die übermäßige Nutzung von Smartphones und Social Media. In Hamburg, Berlin, Brüssel und London kleben er und andere Flyer an Straßenlaternen und rufen zum Umdenken auf. RASF - Radikale Anti Smartphone Front, nennen sich die Aktivisten, mit einem Augenzwinkern.

 

Gegründet wurde die RASF vor zehn Jahren von Benno Flügel und einem Kumpel in einer Studentenbude in Lissabon. Zwischenzeitlich umfasste die Gruppe fast 50 Aktivisten. Durch Corona war der Protest etwas zurückgegangen, aber jetzt möchte er die Botschaften wieder verstärkt auf die Straße bringen. Denn die Probleme, auf die sie hinweisen, sind nicht weniger geworden, ist der 35-Jährige überzeugt.

Gegen Depression und Angststörung

"Wenn man sich anschaut, wie Depressionen und Angststörungen gerade unter Jugendlichen gestiegen sind, wenn man sich die wachsende Polarisierung in unserer Gesellschaft anschaut und auch die digitale Gewalt, die zugenommen hat, dann sind das Gründe für uns, aktiv zu werden."

Statistisch nutzen 59 Prozent der deutschen Bevölkerung im Alter von 16 bis 74 Jahren aktiv soziale Medien. Mehr als ein Viertel der Menschen zwischen 18 und 42 Jahren gibt an, selbst digitale Gewalt erlebt zu haben, also Beleidigungen, Hass oder sexualisierte Belästigungen. Das hat eine Umfrage der Organisation "HateAid" ergeben.

Humorvolle Mittel für ein ernstes Anliegen

Für ihr ernstes Anliegen nutzt die RASF ganz bewusst humorvolle Mittel. Die Sprüche sollen die Menschen nicht nur zum Nachdenken bringen, sondern auch zum Lachen, meint Benno Flügel. Auch der Name der Gruppe ist mit einem Augenzwinkern zu verstehen. "Unter 'Front' versteht man ja eigentlich eine aggressive Organisation, die mit dem Straßenkampf die Revolution hervorbringen will. Aber wir sind da das totale Gegenteil", sagt er lächelnd. "Wir bringen nur Flyer heraus und wollen mit der Macht des Wortes in die Debatte eingreifen."

Die Papierflyer werden mit Malerkrepp an den Straßenlaternen befestigt und können komplett ohne Rückstände entfernt werden. Viele nehmen sich die Zettel auch mit nach Hause, weil ihnen die Botschaft gefällt, erzählt der Berliner. Auf der Straße kommt er immer wieder ins Gespräch mit Passanten. Die Reaktionen zur Protestaktion sind fast immer positiv, sagt er.

"Wir wollen den öffentlichen Raum auf der Straße ein Stück weit zurückerobern", sagt der Aktivist. "Je mehr Zeit wir vor Bildschirmen verbringen, desto mehr leiden wir psychologisch, aber auch gesellschaftlich." Die Flyer können die Menschen direkt auf der Straße sehen, lesen und darüber ins Gespräch kommen, in der echten Welt, beschreibt Benno Flügel das Konzept.

Dabei geht es der RASF nicht generell darum, moderne Technik zu verteufeln. Die Gruppe hat eine Website und auch Benno Flügel nutzt ein Handy, aber er möchte sein Leben nicht von dessen Apps bestimmen lassen. Für den Herbst plant er schon die nächste Reise durch Europa. Dann will er in Wien, Barcelona und Zürich die Menschen zum Nach- und Umdenken bewegen.