Fidèle Kitsa
Religion und Ökologie
Landwirtschaft als Glaubensfrage
Die Landwirtschaft ernährt seit Jahrtausenden die Menschheit. Doch für die akademische Theologie ist sie noch nie ein großes Thema gewesen. Diese Diskrepanz stand Mitte Mai im Zentrum einer zweitägigen Tagung von Theologen, Agrarwissenschaftlern und Publizisten aus Deutschland, Tansania, Nigeria und Sambia in der Hamburger Akademie für Internationale Ökumene. Dort wurden Gründe formuliert, warum Agrartheologie als eigenständiges theologisches Lernfeld in die Ausbildung integriert werden soll.
Brighton Katabaro, ein aus Tansania stammender Theologe und Studienleiter an der Akademie, diagnostizierte eine "theologische Leerstelle" beim Thema Landwirtschaft. Die christliche Tradition habe "mehr auf den Himmel als auf die Erde geschaut und Gott aus der Natur in die Kirche verlagert", sagte er. Die Entkopplung von Geist und Materie, Mensch und Boden, Kirche und Natur habe die ökologische Krise mit befeuert. Afrikanische Theologien könnten hier korrigierend wirken, so Katabaro. Sie verstünden Land nicht als Ressource, sondern als eine heilige, unverfügbare Gabe. Damit stellten sich in der Landwirtschaft Fragen der Gerechtigkeit und auch der Sünde.
Laut seinem Kollegen Peter Kimilike, der an der Iringa-Universität in Tansania lehrt, war Landwirtschaft im Alten Testament nicht nur eine ökonomische Praxis, sondern auch eine spirituelle Ordnung. Feste wie Erntebitt- und Erntedankgottesdienste zeigten, dass Land auch als Gabe und Verpflichtung verstanden werden könne. Das afrikanische Konzept Ubuntu ("Ich bin, weil wir sind") führe, anders als der westliche Individualismus, zu einem engeren Verhältnis zwischen Menschen, Boden und Nahrung.


