Vor 50 Jahren: Antibabypille zugelassen

Vor 50 Jahren: Antibabypille zugelassen
Der Papst hat sie verteufelt. Sie steht für sexuellen Aufbruch und hat die Sexualmoral auf den Kopf gestellt: Vor 50 Jahren, am 9. Mai 1960, wurde die Antibabypille in den USA als Verhütungsmittel freigegeben. Sah der Philosoph Max Horkheimer in ihr noch den "Tod der Erotik", gehört sie für viele Frauen heute wie selbstverständlich zum Alltag.
06.05.2010
Von Barbara Schneider

Der Zulassung vorausgegangen war jahrelange Forschung. Als Pionier in Sachen Verhütung experimentierte der Innsbrucker Chemiker Ludwig Haberlandt kurz nach dem Ersten Weltkrieg erstmals mit Eierstockverpflanzungen bei Tieren. Der Durchbruch zur Antibabypille gelang rund 30 Jahre später, als der US-amerikanische Wissenschaftler Gregory Pincus und seine Mitarbeiter ein Hormonpräparat in einer ethisch fragwürdigen Versuchsreihe an der armen Bevölkerung in Puerto Rico erprobten.

 Für viele war diese Erfindung ein Befreiungsschlag. Mit der Antibabypille gab es ein hormonelles Verhütungsmittel, das sicher und zugleich einfach anwendbar war. "Die Pille war ein Segen", erinnert sich die Autorin Barbara Sichtermann, eine der Feministinnen der ersten Stunde. "Sie schaffte die Angst vor Schwangerschaft bei lustvollem Sex ab."

Und der Medizinhistoriker Robert Jütte meint: "Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit konnte zwischen Sex und Fortpflanzung unterschieden werden." In den 60er Jahren begannen in den Industrieländern dann, die Geburtenraten zu sinken - der "Pillenknick" setzte ein.

Biedere Nachkriegsgesellschaft

1961, ein Jahr nach der Einführung in den USA, brachte der Berliner Pharmakonzern Schering die erste europäische Pille mit Namen "Anovlar" auf den Markt. Etliche Zeitungen feierten die Erfindung als große Errungenschaft der Menschheit. So etwa das Magazin "Stern": "Wir können heute schon mit Gewißheit sagen, daß an diesem Tag ein gewaltiger Schritt vorwärts getan wurde zur Lösung eines der brennendsten Probleme, das sich im Zusammenleben von Mann und Frau ergibt: das Problem der Geburtenregelung und darüber hinaus das der Familienplanung."

Und das, obwohl die Pille Anfang der 60er Jahre auf eine noch durch und durch biedere deutsche Nachkriegsgesellschaft traf: Sexualität war ein Tabuthema, die Angst auch unter den Gynäkologen vor sexueller Verantwortungslosigkeit und Promiskuität groß. Offiziell verschrieben die Ärzte die Pille daher anfangs wegen Menstruationsbeschwerden. Wie beiläufig stand die empfängnisverhütende Wirkung als Nebenwirkung nur auf dem Beipackzettel.

"Die Pille kann als Auslöser der sexuellen Revolution gesehen werden", sagt Jütte. "Für die einen wurde sie zum Symbol befreiter Sexualität, für die anderen zum Symbol für Sünde und Prostitution." Schnell sprach sich die neue Verhütungstechnik herum, so dass schließlich auch die katholische Kirche reagierte: In der Enzyklika "Humanae vitae" verurteilte Papst Paul VI. 1968 die aktive Geburtenregelung durch Pille und Kondom als Sünde. Eine Lehrmeinung, die bis heute besteht.

Hormonflut war bedenklich

Aber auch die Frauenbewegung, die die Erfindung zunächst euphorisch begrüßte, nahm die Pille kritisch unter die Lupe: "Die Hormonflut war durchaus bedenklich", sagt Sichtermann. Über Langzeitfolgen war wenig bekannt, das Risiko lag völlig aufseiten der Frauen. Viele linke Frauen sahen daher in der Pille ein "patriarchales Machwerk", meint Sichtermann. Medizinisch völlig unbedenklich ist das Medikament bis heute nicht: In den USA hatte die Firma Seale bereits 1961 mehr als 132 Fälle von Thrombosen und Embolien registriert. Eine Studie der Charité aus dem Jahr 2007 sieht in der Pille, deren Dosierung inzwischen mehrfach verbessert wurde, zwar die wirksamste Methode zur Verhütung, verweist aber auch auf mögliche Nebenwirkungen, wie etwa ein erhöhtes Krebsrisiko oder Thrombosegefahr.

 

Der Siegeszug der Pille ließ sich dadurch nicht aufhalten. Weltweit etwa 100 Millionen Frauen im gebärfähigen Alter schlucken inzwischen die Pille, schätzt Medizinhistoriker Jütte. Allein im vergangenen Jahr hat das Unternehmen Bayer Schering Pharma nach eigenen Angaben 450 Millionen Zyklus-Packungen verkauft.

Einer der Väter der Pille, Carl Djerassi, prognostiziert 50 Jahre nach der Erfindung dem Verhütungsmittel allerdings eine düstere Zukunft. Er glaubt, dass die Antibabypille in Zukunft an Bedeutung verlieren wird: "Stattdessen werden Frauen ihre Eier, solange sie noch jung und in bester Verfassung sind, einfrieren und sich dann sterilisieren lassen", mutmaßte er unlängst in einem Zeitungsinterview.

epd